Überblick zum antimilitaristischem Camp der „War starts here“- Kampagne. Ein Interview mit Frida Stoeren über Konzept, Programm und die Kritik der OrganisatorInnen an militärischer Infrastruktur und Krieg.

Zum sechsten Mal wird es Ende des Monats nun das „War starts here“-Camp in der Nähe von Magdeburg geben. Was erwartet die TeilnehmerInnen?

Wenn das Camp Ende Juli losgeht, wird eine kleine Vorbereitungsgruppe schon Einiges organisiert haben: Der Platz für das Camp wurde gepachtet, Material für sanitäre Einrichtungen wurde herantransportiert, die Voraussetzungen für eine Selbstversorgung mit Energie sind geschaffen, die Verbindung zur Welt der elektronischen Kommunikation ist hergestellt. Ein großes Versammlungszelt und Zelte für Veranstaltungen entstehen, eine KüfA (Küche für alle) sorgt dafür, dass alle satt werden.

Damit steht ein ganz guter Rahmen für Selbstorganisierung. Was daraus wird, das hängt davon ab, was alle Teilnehmenden mit ihren Ideen und ihrem Anpacken damit anfangen. Dabei ist schon klar: Die Veranstaltung hat ein klares Thema. Das Camp ist Teil der internationalen Kampagne „war starts here“. Begonnen hat die im Jahr 2011, als Leute aus 17 Ländern in Schweden ein riesiges Militärgelände geentert haben. Sie legten damit den Übungsbetrieb auf Europas größtem militärischen Übungsgelände lahm und gaben damit das Startsignal für eine „Kampagne gegen die kriegerische Normalität“.

Seitdem wird von unterschiedlichen Gruppen bei den verschiedensten Anlässen immer wieder darauf hingewiesen, dass Kriege nicht irgendwie vom Himmel fallen, sondern konkret vorbereitet und organisiert werden. Bei Manövern, bei Ausbildungsmessen, bei Gelöbnissen oder letztens zum Beispiel, als Ursula von der Leyen in ihrer Funktion als Kriegsministerin im Rahmen des Kirchentags in Berlin eine Predigt halten wollte, heißt es immer wieder „Krieg beginnt hier – unser Widerstand auch!“

Ihr habt das Camp als ein Aktions- und Diskussionscamp angekündigt. Was kann man sich darunter vorstellen?

Wir finden: Diskutieren ist wichtig, vor allem dann, wenn daraus etwas folgt. Und umgekehrt denken wir: politische Aktion setzt die inhaltliche Bestimmung voraus. Deswegen wollen wir beides. Wir haben ein Programm vorbereitet mit Workshops, mit Ausstellungen, mit Vorträgen, mit vertiefenden Diskussionsrunden. Die Programmstruktur sieht aber auch viel Freiraum vor für kreatives und eigenverantwortliches Tun. In den vergangenen Jahren haben Leute die Zeit der Camp-Woche intensiv genutzt, um zum Beispiel mit Platzbegehungen den Übungsbetrieb zu stören oder Kriegsgerät unbrauchbar zu machen. Große Bedeutung hatte auch das Bemühen, die Einrichtungen zu markieren, also sie sichtbar zu machen als Teil einer Kriegsmaschinerie.

Einen gemeinsamen Abschluss bildet eine Demonstration am Samstag den 5. August, zu der wir auch viele Menschen aus der Region erwarten: wir gehen vom Marktplatz des kleinen Orts Letzlingen bis zur Zentrale des GÜZ, die mitten auf dem Platz liegt.

Das Camp und die von dort ausgehenden Aktionen richten sich ja gezielt gegen das sogenannte Gefechtsübungszentrum (GÜZ) Altmark. Warum findet das Camp genau hier statt?

Ob die Aktionen vom Camp ausgehen, das ist gar nicht gesagt. Als Vorbereitungskreis haben wir uns sehr darum bemüht, dass auch Menschen, die wegen kriegerischer Verhältnisse ihr bisheriges Zuhause verlassen mussten, Teil des Camps sind. Das heißt: wer auf welche Weise auch immer aktiv wird, sollte im Blick haben, dass das Camp auch für Leute mit unsicherem Aufenthaltsstatus ein guter sozialer Ort sein kann.

Aber es ist richtig: wir sind mit dem war-starts-here-Camp in der Nähe des GÜZ, weil wir es angreifen. Seit über 20 Jahren gibt es in der Region eine BürgerInneninitiative (BI), die dafür eintritt, dass die Colbitz-Letzlinger Heide vom Militär befreit wird. Diese Forderung wollen wir unterstützen. Das Gelände des GÜZ wurde bereits von den Nazis als Schießbahn für eine ihrer „Wunderwaffen“ militarisiert; zu DDR-Zeiten nutzte die Rote Armee das Areal, und heute ist es als einer der größten Truppen-Übungsplätze der Bundesrepublik einer zivilen Nutzung entzogen.

Die Firma „Rheinmetall“ – einer der bedeutendsten Rüstungsproduzenten und -exporteure! – betreibt die Einrichtung und hat sie dafür mit der modernsten Ausrüstung zur Kriegssimulation ausgestattet. Alle deutschen Soldatinnen und Soldaten absolvieren hier, bevor sie in den Kriegseinsatz im Ausland gehen, ihre letzten Trainingseinheiten. Rheinmetall stellt dieses Angebot allen Nato-Partnern zur Verfügung; gleichzeitig ist das GÜZ eine riesige Verkaufsausstellung für den Konzern. Nach dem Muster der hiesigen Anlage wurden vergleichbare nach Russland und an die Vereinigten Arabischen Emirate verkauft.

Es ist nicht nur die Technologie mit Laser-gestützten Ziel- und Treffersystemen und einer umfassenden GPS-Dokumentation der militärischen Operationen, womit Rheinmetall wirbt. Seit einigen Jahren wird mitten in der Heide eine Stadt errichtet, die keinem anderen Zweck dient als dem, erobert beziehungsweise verteidigt zu werden. „Schnöggersburg“ könnte nach Aussagen der Betreiber überall auf der Welt stehen: es gibt ein Banken- und ein Armenviertel, einen Markt, einen Friedhof, eine U-Bahn, einen Flughafen. Über 500 Gebäude bilden eine Kulisse, um die „Kriegsführung im urbanen Raum“ zu trainieren.

„Krieg beginnt hier“ kann es an vielen Orten in der BRD heißen; eine antimilitaristische Praxis im Alltag sollte immer und überall diese Orte zu Aktionsorten werden lassen. Wir denken, dass ein Camp einen guten Anstoß in dieser Hinsicht geben kann. Und hier in der Altmark ist der richtige Kristallisationspunkt dafür.

Welche inhaltlichen Schwerpunkte wollt ihr auf dem Camp in diesem Jahr setzen?

Mit dem Slogan „Krieg. Macht. Flucht.“ haben wir im vergangenen Jahr auf die enge Verzahnung aufmerksam gemacht: Erzwungene Migration, Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse und die militärische Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen stehen in einem unmittelbaren Zusammenhang. Für dieses Jahr ist es uns wichtig, an diesem Gedanken anzuknüpfen.

Die einen Leute engagieren sich antirassistisch; andere tun das auf antimilitaristischem Gebiert. Wir finden: beides gehört zusammen. Gemeinsam mit Menschen aus beiden Bereichen wollen wir versuchen, eine Handlungsperspektive zu entwickeln. Deswegen lautet unser Motto in diesem Jahr: „Gemeinsam (Ohn-) Macht durchbrechen!“

www.war-starts-here.camp/Programm-2