Vor genau 150 Jahren veröffentlichte Karl Marx den ersten Band seines Hauptwerks „Das Kapital“. In diesem epochalen Buch erklärte der Kommunist, wie die kapitalistische Wirtschaft funktioniert – und wieso sie für viele Menschen zugleich ganz und gar nicht funktioniert.

Als Marx am 11. September 1867 sein Hauptwerk im Londoner Exil veröffentlichte, war er bereits in ganz Europa als verfolgter Revolutionär und Kommunist bekannt. Als Wirtschaftswissenschaftler machte er aber noch wenig Aufsehen. Kaum jemand kümmerte sich zu dieser Zeit um seine wirtschaftlichen Studien. Sein Freund und Genosse Friedrich Engels musste mit mehreren Rezensionen in Zeitschriften nachhelfen, um das Werk von Marx bekannter zu machen. Auch Jahre später machte das Buch noch keinen überragenden Eindruck auf die Öffentlichkeit. Nur ein ausgewählter Kreis an KennerInnen lernte es schätzen.

150 Jahre nach der Veröffentlichung des ersten Bandes von „Das Kapital“ sieht es ganz anders aus: „Das Kapital“ ist bis heute eines der einflussreichsten Bücher der Geschichte. Es hat unzählige revolutionäre Bewegungen und RevolutionärInnen geprägt. Es formt auch nach dem Zerfall des Ostblocks noch immer das politische Denken und Wirken von unzähligen Menschen. Marx ist weltweit für seine Kritik des Kapitalismus und der bürgerlichen Wirtschaftstheorien berühmt. Sein wissenschaftliches Werk beeinflusst sämtliche Geistes- und Sozialwissenschaften. Die Erkenntnisse, die Marx und Engels damals auf mehreren hundert Seiten in drei Bänden präsentierten und von denen nur der erste zu Marx‘ Lebzeiten erschienen ist, sind im Kern noch immer gültig.

Was waren diese Erkenntnisse im Näheren? Marx und Engels analysierten in den drei Bänden die Triebkräfte des Kapitalismus. In seinen eigenen Worten war es „der letzte Endzweck dieses Werks, das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen“. Dieses Bewegungsgesetz ist nichts anderes als die widersprüchliche Entwicklung und das Wachstum dessen, was Marx das „Kapital“ nennt.

Marx beginnt seine Darstellung aber nicht mit einer Definition des Kapitals. Vielmehr nutzt er die ersten Seiten seines Buches zur Erklärung der Ware. Die Ware ist bei Marx der logische Ausgangspunkt und die Grundform der kapitalistischen Wirtschaft. Denn im Grunde nimmt die Mehrheit der Dinge im Kapitalismus die Form von Waren an. Im weiteren Verlauf des ersten Bandes führt Marx aus, warum gerade die Ware sein Ausgangspunkt ist. Denn nicht nur der Reichtum einer Gesellschaft wird warenförmig gemacht, sondern auch der Mensch.

So stellt Marx dar, wie die Arbeitskraft der modernen Arbeiter zur Ware wird. Die Menschen sind aufgrund ihrer Lebenslage gezwungen, ihre Arbeitskraft an die Kapitalisten zu verkaufen und sich als LohnarbeiterInnen zu verdingen, um ihr Leben bestreiten zu können. Dabei erhalten sie als Lohn nicht den Gesamtwert dessen zurück, was sie erarbeitet haben. Ein Teil des produzierten Reichtums fließt immer in die Hände der Kapitalisten. Marx nennt dieses Verhältnis, für das sich irreführend als Begriff „Anstellungsverhältnis“ eingebürgert hat, „Ausbeutung“. Ausbeutung ist für Marx daher kein besonders brutales Anstellungsverhältnis, sondern der Normalfall im Kapitalismus. Ohne Ausbeutung kann es kein Kapital und keinen Kapitalismus geben. Aber bevor es Kapital gab, gab es bereits nicht-kapitalistische Ausbeutung. Marx zeigt, was das Besondere an der kapitalistischen Ausbeutung ist:

Das Kapital ist für Marx nicht einfach eine Ansammlung von Geld, Produkten und Waren. Kapital ist laut Marx ein besonderes Verhältnis zwischen Menschen. Er begreift Geld und andere wirtschaftliche Gegenstände als Bestandteil davon. Es ist ein Verhältnis, das die Menschen spaltet. Durch das Kapital werden Menschen zu modernen Ausbeutern und Ausgebeuteten, zu Kapitalisten und LohnarbeiterInnen. Es macht sie auch zu Konkurrenten, sodass die ArbeiterInnen sich um Arbeitsplätze und Privilegien schlagen, während die Kapitalisten um mehr Profit und Monopolstellungen konkurrieren.

Die kapitalistische Konkurrenz führt aber nicht nur zur Spaltung der Menschen, sondern auch zur Entwicklung der sogenannten „Produktivkräfte“. Darunter versteht Marx die angesammelten Kapazitäten der Gesellschaft, neue materielle bzw. gesellschaftliche Verhältnisse zu produzieren. Die Entwicklung der Produktivkräfte und ihre Hemmung durch das Kapital sind Kernthesen von Marx: Das Kapital wächst nämlich nicht immer nur in Form von Waren oder Geld an und führt zu einer Entwicklung des gesellschaftlichen Reichtums, zugleich hemmt es die Entwicklung der Gesellschaft.

Produziert wird unter kapitalistischen Verhältnisse nur, wenn es dem Wachstum des Kapitals dient. Der gesellschaftliche Fortschritt ist damit kein Zweck der kapitalistischen Gesellschaft, sondern allenfalls ein positives Nebenprodukt. Wächst es nicht, gibt es von Seiten des Kapitals keinen Grund, Fortschritte zu liefern. Menschliche Bedürfnisse sind dabei nebensächlich und bloß Mittel zum Zweck der Vermehrung von Waren, Geld, Profit und privatem Reichtum. Marx zeigt anhand des damals am weitesten entwickelten Kapitalismus in England und auch anhand von Holland und Belgien, welche Folgen das für Menschen immer wieder hat: Während die großen Kapitalbesitzer immer reicher werden, vergrößert sich die Ungleichheit und das Elend der Menschen. Auch heute sieht man diese Prozesse der „Verelendung“ auf physischer und psychischer Basis überall auf der Welt.

Zudem tendiert das Kapital aufgrund der Konkurrenzmechanismen dazu, die Ausbeutung zu vermehren, indem ArbeiterInnen zu mehr Arbeit gezwungen werden. Entweder wird der Arbeitstag verlängert, bzw. die Arbeitsintensität erhöht. Oder die Produktivkräfte des Menschen werden durch immer bessere Maschinen ersetzt und ArbeiterInnen damit massenweise arbeitslos, was ihr Leben auch nicht besser macht.

Marx spricht hierbei von den „gesellschaftlichen Antagonismen, welche aus den Naturgesetzen der kapitalistischen Produktion entspringen“. Im weiteren Verlauf schildert er diese Widersprüche und Konflikte immer eingehender und zeigt, dass sie im Kapitalismus unvermeidlich sind. Er geht noch weiter, indem er nachweist, dass diese Widersprüche den Kapitalismus selbst immer wieder in Wirtschaftskrisen führen, die häufig zu großen gesellschaftlichen Krisen werden: Vernichtung von kleinerem Kapital, Konzentration von Kapital in den Händen von Monopolisten, Massenverarmung und explosionsartig ausbrechende Kämpfe sind oft die Folge.

Marx sprach im Zusammenhang mit der Krisenhaftigkeit des Kapitalismus dann auch von der Notwendigkeit einer sozialistischen Revolution. Die AnhängerInnen seiner Theorien bemühten sich immer wieder, den Kapitalismus mit solch einer Revolution zu Fall zu bringen. Dass keiner dieser Versuche bisher auf Dauer von Erfolg gekrönt war, ist keine Widerlegung von Marx. Vielmehr muss es darum gehen zu begreifen, wie sich ein so fehlerhaftes System trotz allem halten konnte und wie es dauerhaft zu überwinden wäre. Die Lektüre von Marx‘ Hauptwerk muss als Teil dieser Anstrengung begriffen werden.