Was heißt Inklusion? Wie muss sie aussehen und was sagen die großen Parteien eigentlich dazu? – Ein zusammenfassender Kommentar von Sarah Hagenau

Die Wahl ist gerade vorbei und bei einem Rückblick auf den vergangenen Wahlkampf fällt auf, wie viele Dinge bei dem ganzen Gerede mal wieder gekonnt verschwiegen wurden. Besonders gerne wird da wieder eine Gruppe von Menschen übergangen, die keine Mehrheit in der Bevölkerung stellt, meistens nicht gerade die ist, die mit ihren Einkommenssteuern die Staats- und Parteikassen flutet und die für viele Menschen im Alltag nicht einmal sichtbar ist – zum Beispiel, weil sie nie mit ihnen eine Schulklasse und danach auch kein Büro geteilt hat: Behinderte Menschen sind immer noch für viele der Juckreiz am Körper unseres sonst so gesunden Staates.

Das zeigt sich schon von klein auf in den Schulen und Kindergärten: „Beste Bildung für alle“ ist die Forderung, die überall um uns herum schallt – die Frage ist nur, ob das auch für die Kinder gilt, die jeden Morgen mit dem Kleinbus zu Hause abgeholt, in die meist weit entfernte Förderschule gefahren und abends wieder eingesammelt und zurückgebracht werden, ohne auf dem ganzen Weg ein „normales“ Kind auf seinem „normalen“ Schulweg zu sehen.

„Eine menschliche Gesellschaft muss eine inklusive Gesellschaft sein.“ – Zitat SPD Parteiprogramm. Na, da hat doch jemand etwas verstanden! Fein gemacht, liebe Sozialdemokratische Partei Deutschlands. Applaus alleine schon dafür, das Wort Inklusion in eurem Parteiprogramm überhaupt zu verwenden. Da habt ihr der CDU/CSU zum Beispiel schon Einiges voraus. Denen scheint, bei einem Blick in ihr Parteiprogramm, die Existenz von Schulkindern mit Behinderung völlig fremd oder zumindest nicht der Erwähnung wert zu sein. Es ist auch eine interessante Strategie, ein unliebsames Thema zu behandeln, indem es einfach verschwiegen wird. So wie die behinderten Kinder in Förderschulen versteckt werden.

Jedoch ist es keine neue Idee: Bei einer Diskussion des Vereins „Mittendrin e.V.“ gelingt es den FDP- und CDU-VertreterInnen bis knapp vor Schluss mehr oder minder elegant, die Aussage, dass ihre Parteien das geteilte Schulsystem und das so schön klingende „Elternwahlrecht“ befürworten, zu umschiffen. Doch was verbirgt sich hinter solch einem Elternwahlrecht?

Wenn es um Inklusion geht, behaupten die KritikerInnen wie auch die BefürworterInnen immer wieder, die Mittel reichten nicht aus. Und in der aktuellen Situation ist das auch der Fall: LehrerInnen klagen über Überforderung mit störenden Kindern, SchülerInnen wissen nicht, wie mit den neuen KlassenkameradInnen umzugehen ist und angemessene Materialien für den Unterricht fehlen. Den Eltern bei ihrem hübschen „Elternwahlrecht“ von ebenjenen unterfinanzierten, überforderten LehrerInnen erklären und ans Herz legen zu lassen, dass ihr Kind in einer ruhigen, gut ausgestatteten Förderschule so viel besser aufgehoben wäre, wo es „auf das Leben“ – also in der Regel die Behindertenwerkstatt – vorbereitet wird, das ist um Einiges einfacher.

Unsere Gesellschaft muss sich damit konfrontieren, dass nicht alle Menschen in ihr gleich sind und nicht mit allen von ihnen gleich umgegangen werden kann. Inklusion ist eine Herausforderung, aber eine unumgängliche. Wenn wir als Menschen dazu wachsen wollen, wertvolle Mitglieder dieser Gesellschaft zu sein, dann müssen wir auch alle Seiten dieser Gesellschaft kennenlernen und mit ihnen zusammenleben lernen. Das ist schwierig für die „normalen“ Kinder und für diejenigen mit Behinderung. Wenn wir jedoch dazu erzogen werden sollen, in genormten Jobs möglichst viel Leistung zu erbringen – dann ist es wohl einfacher, die in diesem Sinne schwächeren Mitgliedern unserer Gemeinschaft hinter den Mauern von Förderschulen und Behindertenwerkstätten zu verstecken.

Womit wir wieder beim Plan sämtlicher großer Parteien wären – ausschließlich der Linken, die als einzige größere Partei eine Abschaffung von Förderschulen fordern. Diese sind als Einzige für eine Inklusion ohne Förderschulen und mit größtmöglichem Zusammenleben aller Kinder. Auch die SPD und die Grünen reden von Inklusion – rufen wir uns das Zitat über die inklusive Gesellschaft wieder ins Gedächtnis – scheinen jedoch das Konzept der Inklusion, des vollkommenen Aufnehmens, nicht ganz verstanden zu haben: Inklusion funktioniert nur, wenn sie ernst und bedingungslos gemeint wird. Das geht nicht mit dem Erhalt eines Parallelsystems, welches genauso finanziert und ausgestattet werden muss wie die Regelschule und dessen Mittel dann genau bei den Inklusionskindern fehlen. Jeder Stift in einer Förderschule könnte in einer Regelschule von einem Kind benutzt werden. Jede/r SonderpädagogIn in einer Förderschule könnte einem Inklusionskind in einer Regelschule zur Seite stehen.

Zieldifferenter Unterricht, also ein Unterricht, der jedes Kind an so vielen Dingen wie möglich teilhaben lässt – und wenn es „nur“ Musik ist – , zeigt den Weg hin zur einzigen Schulform, die wir in der Zukunft fordern, fördern und überhaupt tolerieren können. Es geht darum, dass jedes Kind so lernt, wie es das am besten kann, und dies so weit mit den anderen gemeinsam macht, wie es imstande ist. Wenn es in Fächern wie Deutsch und Mathematik wegen einer geistigen Behinderung nicht mithalten kann, kann es trotzdem in Kunst malen und in Sport laufen. Kinder mit körperlicher Behinderung brauchen keine gesonderte Schule, sondern können an sämtlichen Schreibtisch-Fächern teilnehmen wie alle anderen Kinder auch.

Wenn die nötigen Mittel zur Verfügung gestellt und auch in den Regelschulen konzentriert werden, dann rückt das Ziel einer solidarischeren Gesellschaft endlich näher. Wenn alle Seiten, die LehrerInnen, SchülerInnen, SchulleiterInnen und Eltern, sich einlassen auf dieses Projekt, können langfristig nur alle davon profitieren. Inklusion ist ein Aspekt von vielen, die endlich geändert werden müssen, um aus unserem alten verknöcherten Schulsystem einen Ort der wirklichen Bildung und nicht des bloßen Eintrichterns von Wissen zu machen. Jedoch ist sie ein essentiell wichtiger Aspekt – der viel zu oft unbeachtet bleibt: denn behinderte Kinder sind für die meisten Menschen kaum sichtbar (zum Teil genau wegen der Förderschulen) und sie haben keine laute Lobby.

Trotz alledem muss eine menschliche Gesellschaft eine inklusive Gesellschaft sein. Das hat scheinbar sogar die SPD verstanden. Doch welche Taten diesen Worten folgen und bis jetzt gefolgt sind, ist ernüchternd. Umso mehr, wo jetzt die Rechten und Konservativen bei den Wahlen noch weiter erstarkt sind, die schon die schlichte Existenz behinderter Kinder in ihren Programmen zu leugnen vermochten. Es sieht also nicht rosig aus.

Ein Blick in die Parteiprogramme der großen Parteien zeigt, dass Inklusion noch große Zukunftsmusik ist und sie alle kein sonderliches Interesse an den menschlichen Rechten ihrer BürgerInnen auf Gleichbehandlung, Chancengebung und Solidarität zu hegen scheinen. Wie immer werden solche weitgreifenden Fortschritte nicht einfach auf dem Parlamentsboden gefunden, sondern müssen weiter erkämpft werden.