Reyhan Akyol über ihre Erfahrungen als Arbeiterkind an einer Uni – ein Interview von Pa Shan


Reyhan, wie erlebst du als Arbeiterkind deinen Alltag an der Uni?

Besonders die Ankunft an der Uni war schwierig. Ich habe teilweise in den ersten Semestern viele Sachen nicht verstanden. Ich bin in einem sogenannten Problembezirk groß geworden, relevantes Wissen für das Studium wurde an unserer Schule nicht gelehrt.

Ich hatte auch das Gefühl, nicht wirklich willkommen zu sein. Es war schwer, KommilitonInnen zu finden, mit denen ich auch längere Zeit in Kontakt geblieben bin. Es war auch so, dass die meisten Studierenden, die ich kennengelernt habe, aus einem ganz anderen Elternhaus kamen als ich. Es hat sich aber gebessert, weil sich mein Bewusstsein verändert hat. Mit bestimmten Leuten will ich mich einfach nicht mehr unterhalten. Mit einigen Kommilitonen habe ich Unterhaltungen gehabt, die wirklich ‚unter aller Sau‘ waren. Gespräche, bei denen ich mir dachte: „Boah Leute, das kann nicht euer Ernst sein.“

Was meinst du genau? Was für Ideen hatten die?

Gerade in den geisteswissenschaftlichen Fächern gibt es sehr wenige ArbeiterInnenkinder. Es gibt eher Leute aus den Mittelschichten, Leute, deren Eltern schon AkademikerInnen waren. Da gab es null Verständnis dafür, dass man in der Schulzeit nicht schon alle möglichen Bücher gelesen hat.
Teils war es auch bei den Dozenten so. Die haben oft schon Wissen vorausgesetzt, was man im Grunde kaum erwarten konnte. Es gab auch keine Vorbereitungskurse oder Beratungsstellen für ArbeiterInnenkinder an der Uni. Entsprechend wusste ich z.B. jahrelang nicht, dass ich mich für ein Stipendium bewerben konnte, auch ohne die allerbesten Noten zu haben.

Letztlich habe ich deswegen weitaus länger fürs Studium gebraucht, als es nötig gewesen wäre. Während des Studiums musste ich immer arbeiten.

Was für Arbeiten hast du gemacht?

Ich glaube, es gibt kaum eine Arbeit, die ich nicht gemacht habe. Ich habe Nachhilfe gegeben, in einem Obstlager gearbeitet, fünf Jahre lang fast in Vollzeit gekellnert. Ich habe auf der Messe, im Büro, in einer Jugendeinrichtung gearbeitet. Zur Zeit arbeite ich in einem Mädchenzentrum.  Theoretisch bin ich mir für keine Arbeit zu schade. Während des Karnevals putze ich z.B. Toiletten. Ich habe die letzten sieben oder acht Jahre Karneval nicht gefeiert, weil ich Klos putzen musste, statt mit den KomilitonInnen feiern zu gehen.

Es gibt Menschen, die auch in den gesellschaftlich nicht anerkannten Jobs arbeiten müssen. Ich schäme mich nicht dafür. Das ist sogar etwas, worauf ich auch stolz bin. Ich finde, man muss sich für Arbeit nicht schämen. Es gibt bestimmte Jobs, die man einfach machen muss, die gesellschaftlich relevant sind und die ich auch gemacht habe.

Fühlst du dich dadurch schlechter behandelt?

Ja, andersherum gibt es auf der Arbeit selbst auch Demütigungen. Ich habe im Laden, für den ich Toiletten putze, ein Mal länger mit einem Besucher des Ladens gesprochen. Da habe ich nebenbei erwähnt, dass ich studiere. Der kannte mich schon seit fünf Jahren und war absolut erstaunt, dass ich meinen Master mache. Er hatte keine Vorstellung davon, dass man studieren und gleichzeitig Klos putzen kann. Er meinte, seine Tochter studiert auch, würde jedoch niemals so arbeiten gehen. Aber sie ist ja auch kein ArbeiterInnenkind. Auf der Arbeit werde ich dafür also belächelt.

Wenn man die Scheiße Anderer wegwischen muss, wird man letztlich auf der Arbeit ebenso wie an der Uni entsprechend behandelt… Man wird auch akademisch nicht ernst genommen, wenn man solche Jobs machen muss. Man muss sich dann viel mehr ins Zeug legen.

Wie haben sich diese Erfahrungen während deines Studiums auf dich ausgewirkt?

Ich habe immer schon gemerkt, dass es so einen Unterschied zwischen mir und anderen SchülerInnen auf der Schule gab. Ich würde schon sagen, dass mich sowas politisiert hat. Ich habe mich dann mit der Klassenfrage, mit Rassismus, mit Ausgrenzungserfahrungen auseinandergesetzt. Die Uni bietet mir da nicht auf alles eine Antwort.

Ich muss dazu sagen, dass es auch in der linken Szene, in der ich aktiv wurde, nicht immer verstanden wird. Die wenigsten in den universitären linken Gruppierungen sind selbst ArbeiterInnenkinder. Viele haben ganz andere Lebenswelten.

Das wird stillschweigend vorausgesetzt.

Genau. Das wäre auch meine Kritik an den linken Gruppen, die es so gibt. Man müsste sich mehr mit der ArbeiterInnenklasse beschäftigen. Und man müsste sich fragen, wie steht man selbst zu der Klasse? Wie akademisch ist man mittlerweile geworden? Welche Leute grenzt man damit aus?
Es gab z.B. Flyer, die wir verteilt haben, die über die Hälfte der Bevölkerung vermutlich nicht verstehen. Leute, ihr könnt nicht erwarten, dass die ArbeiterInnen genauso viel Zeit zum Lesen politischer Texte haben wie ihr. Viele haben halt bestimmte Vorkenntnisse nicht oder haben kaum Freizeit.
Ich musste bei vielen wissenschaftlichen und auch politischen Texten erstmal zehn andere Artikel im Internet lesen, um alle Begriffe und Verweise zu verstehen. Das müsste man mehr beachten, dass viele dafür nicht die Zeit haben. Man müsste den Arbeitenden da mehr entgegenkommen.