Interview mit Daniel Strunk, Pfleger in einer Universitätsklinik

Dass die Situation in der Pflege katastrophal ist, ist allgemein bekannt. Wie wirkt sich die Pflegemisere auf deine Arbeit aus?

Zuerst möchte ich einmal kurz meinen Beruf vorstellen, damit das Ausmaß des Problems erkannt wird. Viele der PatientInnen, die wir versorgen, sind schwer krank oder es besteht die Gefahr, dass sie schwer krank werden. Meine Aufgaben drehen sich darum, den PatientInnen ihre Medikation zu verabreichen, sie zu versorgen, Essen anzureichen und zu dokumentieren, was wir mit den PatientInnen gemacht haben.

Ich helfe den ÄrztInnen bei bestimmten Tätigkeiten, führe Gespräche mit Angehörigen und bin sofort zur Stelle, wenn es einem Patienten schlecht geht. Ich kann nicht alles aufzählen, aber es kommt einiges zusammen. Seit Jahren klagen wir über die schlechten Bedingungen der Pflege, dass wir schlecht bezahlt werden, wir überarbeitet sind. Das ist alles richtig.

Wieso hast du den Beruf gewählt? Und denkst du, dass er angemessen entlohnt und anerkannt wird?

Diese Frage wurde mir schon sehr häufig gestellt und eigentlich ist es einfach – mir macht es Spaß. Die kleinen Fortschritte der Genesung zu sehen, das lächelnde Gesicht einer Patientin, die seit Wochen endlich mal wieder geduscht hat. Oder wenn ich mit einem Patienten aufstehe, der seit Monaten ans Bett gefesselt war. Natürlich gibt es auch weniger gute Sachen, aber das ist überall so. Die schlechte Bezahlung und die chronische Unterbesetzung ist etwas, das jeden Tag an uns nagt.

Wir sind fast jeden Tag unterbesetzt auf Station, wir springen für fehlende Kolleginnen und Kollegen ein. Wir arbeiten bis 21:30 Uhr und sind am nächsten Tag wieder um 6:30 Uhr auf der Arbeit. Wir arbeiten 12 oder mehr Tage am Stück und haben manchmal nur einen Tag frei. Nein, angemessen entlohnt wird man nicht. Es würde aber helfen, wenn es mehr Pflegekräfte gäbe. Da hilft auch nicht die Anerkennung der Angehörigen, wenn sie einem versichern, man wüsste ja, dass es schwer sei und man habe großen Respekt davor.

Wie wirken sich die Bedingungen auf die PatientInnen aus?

Es wird versucht, die PatientInnen so wenig wie möglich davon spüren zu lassen. Aber dennoch kommt es dazu, dass PatientInnen lange in ihren Ausscheidungen liegen, weil wir keine Zeit finden, sie zu lagern oder zu waschen.

Wenn wir uns an alle Vorschriften halten würden wie eigentlich nötig, dann könnten wir eine gute und sichere Pflege bewerkstelligen. Aber mit dem Pflegeschlüssel, den es zurzeit in Deutschland gibt, ist das nicht der Fall. PatientInnen werden noch kränker oder sterben und das Schreckliche ist, wir alle wissen das und können scheinbar nur individuell dagegen arbeiten.

Gibt es Unzufriedenheit und haben die KollegInnen den Wunsch sich zu wehren?

Wir schreiben Arbeitsüberlastungen, wir melden es unseren Vorgesetzten, und es werden ständig Studien herausgebracht, die beweisen, dass es nicht gut läuft. Wenn man mit den KollegInnen spricht, wird der Wunsch nach Veränderung sehr deutlich. Nur stehen wir vor dem Problem, dass, wenn wir aufhören würden zu arbeiten, kranke Menschen leiden. Das hält viele davon ab, sich wirklich mit Arbeitskämpfen zu wehren.

Gibt es Vertrauen, dass die Politik das ändert, oder ist man bereit selbst aktiv zu werden?

Ich glaube nicht, dass irgendeine Pflegekraft denkt, dass die Politik etwas ändern wird. Wenn man über den Pflegemangel spricht, hört man von den älteren KollegInnen nur, dass auch schon vor 30 Jahren so gesprochen wurde. Es werden Gesetze und Beschlüsse von Menschen gemacht, die noch nie in einem Krankenhaus gearbeitet haben und wenn, direkt in Führungspositionen waren. Es wird geredet und bedauert, aber es wird nichts geändert. Es wird sogar schlimmer.

Der Wunsch etwas zu tun ist auf jeden Fall da. Aber bei den Spät-Früh-Wechseln und dem ganzen Stress ist die Motivation niedrig.

Wie denkst du muss man vorgehen?

Es ist wichtig, dass wir anfangen müssen davon zu reden, dass ein Pflegemangel immer auch eine Gefahr für die PatientInnen ist. PflegerInnen und PatientInnen werden beide profitieren, wenn sich die Situation ändern wird. Es gibt mehr als 1 Millionen PflegerInnen in Deutschland und fast jeder der mehr als 80 Millionen Menschen in Deutschland wird früher oder später mal ein Krankenhaus von innen sehen, ob als PatientIn oder Angehörige/r.

Die Pflege muss die Arbeit niederlegen, sie muss ihre Forderungen durch Streiks und betriebliche Kämpfe erwirken. PflegerInnen und PatientInnen müssen zusammen kämpfen. Es wird Zeit, dass wir ein Gesundheitssystem errichten, in dem der Mensch wieder im Mittelpunkt steht und nicht, wieviel Geld man aus den PatientInnen quetschen kann.