Der Täter des schrecklichen Missbrauchs und Mords an einer jungen Frau wurde gefasst – ein Kommentar von Olga Wolf

Susannas junges Leben wurde durch schreckliche patriarchale Gewalt beendet. Die 14-jährige wurde nach neuestem Ermittlungsstand von mindestens einem Mann vergewaltigt und umgebracht, es wird allerdings auch gegen mögliche Mittäter ermittelt. Und noch während diese furchtbaren Nachrichten bekannt werden, ist das erleichterte Raunen unter neuen und alten Rechten fast hörbar. Der Tatverdächtige ist Asylsuchender, es können wieder wütende facebook-posts geschrieben werden – das muss der Beweis sein, dass alle vom Staat finanzierten AntifantInnen Unrecht haben und Frau Merkel Vergewaltigung praktisch importiert hat.

Die eigene Weste bleibt rein

Neben der Möglichkeit, diesen tragischen Fall für rassistische Hetze auszuschlachten und dabei jedes Gedenken oder Erinnern an die Opfer patriarchaler Gewalt zu vergessen, ist es vor allem für die Männer in diesen rechten „Frauenbewegungen“ eine angenehme Sache, dass der Fall um Susanna medial so aufblüht. Denn weiße, deutsche Männer, die nicht muslimischen Glaubens sind oder Fluchterfahrungen haben, aber Gewalt an Frauen ausüben, scheint es in ihrer Wahrnehmung nicht zu geben.

Was für eine tolle Gelegenheit für die Faschisten, hinter „Kandel ist überall“ die Weste der eigenen Ortsgruppe lupenrein zu halten.

„Pass auf dich auf auf deinem Heimweg!“

Es sind nicht unbedingt Rechte, die dieses Denken aufrecht erhalten. Die Gruppe der Täter in Fällen von Vergewaltigungen, Missbrauch und partnerschaftlicher Gewalt ist zu einem überwältigend großen Anteil männlich. Viele Männer scheinen das Bedürfnis zu haben, sicherzugehen, dass sie und ihr Umfeld in so einer Statistik auf jeden Fall nicht auftauchen. Aber nicht etwa dadurch, dass sie sich bilden zum Thema Patriarchat oder Frauen zuhören, wie Männlichkeit funktionieren kann ohne, Femininität zu unterdrücken. Ganz im Gegenteil, es wird eben ein anderer Sündenbock gesucht, nach dem Motto: „Diejenigen, die patriarchale Gewalt ausüben, haben mit mir nichts am Hut.“.

Selbiges gilt auch für den vielleicht sogar gut gemeinten Ratschlag, auf dem Weg von der Bar nach Hause als Frau lieber vorsichtig zu sein. Natürlich kann eine dunkle Straße für viele Frauen ein Angstraum sein. Aber in den seltensten Fällen ist der Täter einer Vergewaltigung ein Wildfremder, der stundenlang im Busch hockt und auf einsame Spaziergängerinnen wartet. Immer noch gilt, dass es statistisch für Frauen im eigenen Haus gefährlicher ist als auf der Straße, die meisten Übergriffe passieren im Bekanntenkreis und am Arbeitsplatz. Aber es scheint schwierig zu sein, sich einzugestehen, dass die Täter solcher Gräueltaten vielleicht gar nicht so sehr anders sind als man(n) selbst, gar nicht immer so migrantisch.

Frauenbewegung?

Ich möchte kurz beim Beispiel der Ortsgruppe „Frauenbündnis Kandel – Zusammenhalt für Deutschland“ bleiben. Sie ist eine derjenigen Gruppen, die nach der Ermordung von Mia in Kandel intensiv gearbeitet hat. Ihrer Aussage nach sind die jungen ermordeten Mädchen nicht Opfer patriarchaler Gewalt oder eines Mordes, sondern unmittelbare Opfer der „Masseneinwanderung“.

Dass patriarchale Gewalt nicht erst in Deutschland vorkommt, seit 2015 viele Menschen ihre Heimat verlassen mussten, habe ich bereits einmal beschrieben. Die Frauenbewegung in Kandel geht aber noch weiter: Deutsche, die missbrauchen, gibt es in ihrer Wahrnehmung nicht, 8 von 10 Forderungen, die sie aufstellen, haben mit geschlossenen Grenzen zu tun, dafür keine mit frauendiskriminierenden Arbeitsbedingungen, geringen Aufklärungsraten von Gewaltverbrechen an Frauen oder ähnlichem, was die Situation von Frauen in Deutschland tatsächlich erschwert.

Was den (erfahrungsgemäß geringen) Anteil der Frauen angeht, die diese Gruppen unterstützen, so bin ich immer wieder unsicher, ob sie nicht wissen, dass sie einer ehrlichen Frauenbewegung schaden, oder ob sie mit voller Absicht die Jahrhunderte lange Geschichte der Frauenkämpfe für ihre faschistischen Zwecke missbrauchen. Wie auch immer dem sei, wir überlassen das Gedenken an Susanna nicht FaschistInnen. Wann immer wir dafür einstehen, dass Frauen sich selbst organisieren und verteidigen, ob am 8. März oder 25. November oder an jedem andern Tag, tun wir das auch für Frauen wie Susanna.

Jetzt ist es auch unsere Aufgabe, die Männer, die glauben aus dem Schneider zu sein, weil das allgemeine Feindbild ein anderes ist, immer wieder daran zu erinnern: Vom Patriarchat, von der männerdominierten Gesellschaft profitiert jeder Mann – davon kann sich keiner frei machen.