Ein Kommentar zu 501 Jahren luther’scher „Thesen“. Ein Kommentar von Felix Thal

Am 31. Oktober 1517 soll Martin Luther (1483-1546) der Überlieferung nach seine 95 Thesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche geschlagen haben. Dieser Tag gilt daher als Beginn der Reformation der katholischen Kirche und markiert die Abspaltung der evangelischen Christen.

Luther selbst gelangte zwischen 1511 und 1517 zu einer neuen Theologie, in der er die als ‚Strafgerechtigkeit‘ gedeutete „Gerechtigkeit Gottes“ als ‚Gnaden-Gerechtigkeit‘ interpretierte –  also die Umkehr eines strafenden Gottes hin zu einem vergebenden Gott. Von diesem Ansatz aus kam Luther zur Erkenntnis, dass die Rechtfertigung des Menschen vor Gott durch den Glauben allein geschehe. Dies war ein fundamentaler Unterschied zum mittelalterlichen Glaubensverständnis, da nur der Ablasshandel den Menschen irdische Sündenstrafen erließ. Für die römisch-katholische Kirche war dieser Ablasshandel ein lukratives Geschäft. – Ob es den aufsehenerregenden Thesenanschlag an der Schlosskirche in dieser Form jedoch wirklich gegeben hat, ist in der historischen Forschung umstritten und wahrscheinlich auf eine missverstandene Überlieferung zurückzuführen. Sicher ist allerdings, dass Martin Luther seine Thesen zum Umgang mit dem Ablasshandel bereits vor dem Thesenanschlag in Briefform versandte. Seine in Latein gefassten 95 Thesen verschickte er an den Erzbischof von Magdeburg und andere hohe kirchliche Würdenträger.

Heute wird Luther gern als „Querdenker“ und „Aufrührer“ gesehen, doch waren seine Thesen und der Disput mit der Kirche über Briefe ein damals gängiges Mittel der Diskussion. Durch die Briefe stellte er sich der kirchlichen Öffentlichkeit und suchte daher die inner-theologische Diskussion. Eine Verbreitung über kirchliche Würdenträger hinaus fand nicht statt. Luther verhielt sich somit überhaupt nicht „revolutionär“ oder „aufsässig“, sondern folgte dem katholischen Prozedere. Seine Thesen wurden ins Deutsche übersetzt, erst dann – dank der neuen wirklich revolutionären Möglichkeit des Buchdrucks – stark verbreitet und sorgten für großes Aufsehen.

Luther als großen „Weltveränderer“ zu betrachten, der allein die katholische Kirche zu Fall brachte, überschätzt bei Weitem sein historisches Wirken. Er wollte sicherlich gegen bestimmte Entwicklungen in der katholischen Kirche protestieren. Doch lag sein Anliegen nicht darin, das religiöse Erscheinungsbild Europas zu ändern oder unzählige Religionskriege zwischen Protestanten und Katholiken in Gang zu setzen. Luther war für die Reformation nicht allein verantwortlich: Seine 95 Thesen fanden ein Publikum. Und die Entscheidungen dieser Menschen beeinflussten den Lauf der Dinge maßgeblich mit. Gleichzeitig waren diese Entscheidungen und ihre Folgen in den Kontext der damals herrschenden gesellschaftlichen Strukturen, wirtschaftlichen Veränderungen und kulturellen Vorstellungen eingebunden.

Martin Luther ist vor diesem komplexen Hintergrund nicht nur der „schimmernde Reformator und Menschenfreund“, dem man glücklich zujubeln sollte, sondern eine kritisch zu hinterfragende historische Figur. Seine gruppenbezogene Feindlichkeit betraf viele Teile der mittelalterlichen Gesellschaft: Türken wurden von ihm als ‚Diener des Teufels‘ betrachtet, Menschen mit Behinderung als ‚Teufelsgeschöpfe‘, er verdächtigte wie viele seiner Zeitgenossen Frauen der ‚Hexerei‘ und die durch die Reformation aufkommenden Bauernkriege und Bauernaufstände verurteilte er auf das Schärfste. So empfahl er den deutschen Fürsten, die Bauern mit aller Gewalt niederzuschlagen.

Der Hass auf Juden ist in den theologischen Vorstellungen Luthers ganz besonders präsent: Er hielt antijüdische Predigten und seine Judenfeindschaft ist in seiner Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ (1543) besonders deutlich sichtbar. Luther reproduziert in ihr die gängigen mittelalterlichen Vorurteile gegen Juden, die zu einer Vielzahl von Pogromen geführt haben. Luther beschuldigte z.B. die jüdische Bevölkerung, dass sie christliche Kinder ’stehlen‘, mit ihnen ‚Blutrituale‘ durchführen und sie danach töten würde. Juden würden die ‚Brunnen der Dörfer und Städte vergiften‘, würden alles ’stehlen und rauben‘, was ihnen gefalle und wären ‚giftige, bittere, rachgierige und hämische Schlangen‘. Jedem Christen wollten die Juden Schaden zufügen, was sie in der hellen Öffentlichkeit nicht schaffen würden. Daher begingen sie ihre Verbrechen in der Nacht und bei Dunkelheit. Die Christen hätten, neben dem Teufel, keinen anderen so mächtigen Feind wie den Juden.

Am gestrigen Reformationstag gedachten viele Menschen in der BRD der positiven Seite des „Reformators“ bei Martin Luther. Gemessen an vielen seiner Ansichten und Aussagen könnte er heute jedoch auch klar als ‚Hassprediger‘ und Antisemit gelten und passt so gar nicht in das Konstrukt der „Europäischen Wertegemeinschaft“ oder gar des „Grundgesetzes“.

Felix Thal
Schreibt für die Belange vom Geflüchteten und gegen die AfD. Solidarität stellt sich nicht von selbst her, sie muss organisiert werden.