Interview mit der Leipziger Band „Fontanelle“ über die Kriminalisierung von antifaschistischem Engagement und Musik und die Notwendigkeit, klassenkämpferische Gegenmacht aufzubauen.

Am 25. Januar veröffentlichte der sächsische Verfassungsschutz einen Bericht über die „extremistische Musikszene“ in Sachsen. Im Vorwort des Berichts erläutert der Verfassungsschutz, dass „rechtsextremistische Musikveranstaltungen eher einen szeneinternen Adressatenkreis“ anspricht. Besonderes Augenmerk warf der Verfassungsschutz diesmal allerdings auf die linke Szene, die er für weit mehr gesellschaftsfähiger hält. So heißt es, dass „… in den Texten oft zur Gewalt gegen den politischen Gegner oder Polizisten aufgerufen und gegen den demokratischen Rechtsstaat agitiert wird“, somit „müssen linksextremistische Musikgruppen weniger mit gesellschaftlicher Ausgrenzung rechnen“. Um einen tieferen Einblick zu bekommen, haben wir ein Interview mit einer der beobachteten Bands geführt.

Der Name eurer Band ist „Fontanelle“, ihr kommt aus dem „Oi!“ und definiert euch der R.A.S.H.-Szene zugehörig. Könnt ihr bitte kurz beschreiben, was Oi! ist und wie ihr als Band eure Rolle in der Szene seht?

Oi! ist eine rauere, straßenbasiertere Spielart des Punks, die als Reaktion auf dessen zunehmende Kommerzialisierung Ende der 1970er in England entstand. Der Adressat des Ganzen war daher allen voran die Jugend der Working Class. Folglich haben aber auch nahezu von Beginn an reaktionäre Organisationen den Versuch unternommen, diese Bewegung für sich zu vereinnahmen und als Rekrutierungsfeld zu missbrauchen. Dagegen regte sich selbstverständlich Widerstand, in dessen Tradition wir uns als klar antifaschistische Oi!-Band gewissermaßen sehen. Da sich jedoch die überwältigende Mehrheit der Skinhead-Szene hierzulande als vermeintlich „unpolitisch“ (tatsächlich hingegen oftmals rechtsoffen bis rechts) verortet, haben wir bestenfalls einen Exotenstatus. Obendrein wird sich gemeinhin zwar unentwegt mit der angeblichen Verbundenheit mit der Arbeiterklasse geschmückt, in bester konservativer Manier aber zugleich mit dem Status Quo arrangiert. So ehrlich muss man an dieser Stelle eben sein: eine linke Skinhead-Bewegung ist in Deutschland schlicht nicht (mehr) existent.

Nachdem immer häufiger versucht wird, links und rechts gleichzusetzen, hat sich Sachsen mit dem neuen Verfassungsschutz-Bericht selbst übertroffen und gleich elf linke Bands versucht, an den gesellschaftlichen Pranger zu stellen. Wie seht ihr die Zukunft linker Projekte und klassenkämpferischer Ideologien im Freistaat mit dem Blick auf die Landtagswahlen im September?

Den bisherigen Prognosen nach zu urteilen, dürfte klar sein, dass es im ohnehin schon braunen Sachsen noch finsterer wird. Der in der Fragestellung Erwähnung findende Verfassungsschutzbericht deutet mit seiner Feindbildpflege ja bereits an, in welche Richtung es perspektivisch gehen kann bzw. wird. Eine inzwischen offen völkisch auftretende AfD, die dem zum Trotz über ein Viertel der Stimmen der wahlberechtigten Bevölkerung Sachsens auf sich vereinigen könnte, wird das hiesige politische Klima auf jeden Fall nachhaltig negativ beeinflussen und den öffentlichen Diskurs womöglich noch weiter nach rechts verschieben. Eine dringend notwendige linke Gegenmacht, die diesen Namen auch verdient, ist derweil (noch) nicht in Sicht. Hierfür scheinen aber in Sachsen – zumindest vorläufig – die Vorzeichen alles andere als gut zu stehen, wird die sich zuspitzende Entwicklung der letzten Jahre betrachtet.

In Liedern wie „R.A.S.H.“ besingt ihr den Klassenkampf, den internationalen Zusammenhalt und den Kampf gegen das Kapital. Wie wichtig findet ihr die Verteidigung dieser Attitüden in der jetzigen Zeit?

Gerade vor dem Hintergrund eines globalen Rechtsrucks (Deutschland, Polen, Ungarn, Italien, USA, Brasilien, Türkei, Philippinen etc.) sowie der allgegenwärtigen Krisenhaftigkeit des Kapitalismus ist es unabdingbar, an einem linken gesellschaftlichen Gegenentwurf festzuhalten. Dem permanenten Klassenkampf von oben gilt es jenen von unten entgegenzusetzen. Hierzu bedarf es zunächst Klassenbewusstsein und Organisierung – etwas, das wir im überschaubaren subkulturellen Mikrokosmos mit RASH versuchen zu popularisieren.

Noch eine Frage zum Lied „Loitzsch“: hier besingt ihr eure Liebe zum Verein BSG Chemie Leipzig. Auch hier hat der sächsische Verfassungsschutz versucht, die linke Fanszene zu kriminalisieren (Datensammlungen von über 800 Personen und 120.000 Verbindungsdaten). Geht so sächsisch?

Definitiv. Die Kriminalisierung antifaschistischen Engagements hat im ‚Freistaat‘ ja eine gewisse Tradition, handelt es sich doch um das dritte Verfahren dieser Art nach §129 StGB in Leipzig seit 2011. Dass bei den im Zusammenhang mit den Ermittlungen vorgeworfenen Straftaten nicht einmal konkrete Beschuldigte bekannt waren/sind, sagt eigentlich alles über die Absurdität des Ganzen und die Verfasstheit sächsischer Behörden im Speziellen aus.

Einmal mehr geht es schlicht darum, linke Strukturen auszuleuchten und politisch aktive Menschen und deren Umfeld einzuschüchtern. Während also überall in Sachsen Nazis und Konsorten nahezu ungestört pogromartige Zustände heraufbeschwören durften (und weiterhin dürfen), ist den Sicherheitsbehörden eine sich antirassistisch positionierende Fanszene ein Dorn im Auge – das ist Sachsen.