Ende Februar war das Gipfeltreffen in Hanoi zwischen US-Präsident Trump und Nordkoreas Machthaber Kim Jong-Un abrupt und ergebnislos abgebrochen worden. Jetzt gibt es neue Berichte über den Auslöser des Scheiterns.

Wie die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf einen Insider berichtet, soll US-Präsident Trump bei den Gesprächen vor vier Wochen die nordkoreanische Seite dazu aufgefordert haben, alle Atomwaffen an die USA auszuhändigen. Der US-Präsident habe Kim Jong-Un in Vietnam ein entsprechendes Dokument vorgelegt, über das die Nachrichtenagentur verfügt.

Bei einem ersten Treffen von Trump und Kim im Juni 2018 in Singapur hatten beide Seiten die Vereinbarung getroffen, auf eine Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel hinzuarbeiten. Eine genaue Definition, welche Maßnahmen dies beinhaltet, hatte es jedoch bislang nicht gegeben. Mit dem besagten Dokument habe Trump nun erstmals seine Forderungen an Nordkorea konkretisiert: Neben der Auslieferung der Waffen und Waffenteile verlangten die USA wohl auch einen vollständigen Abbau jeglicher nuklearer Infrastruktur, einen Zugang für US-Inspektoren sowie die Versetzung aller am Atomprogramm beteiligten Wissenschaftler in zivile Projekte.

Sollten die Berichte zutreffen, wäre dies eine Erklärung für das plötzliche Ende des Hanoier Gipfels. Für Nordkorea stellt die atomare Bewaffnung die entscheidende Sicherheitsgarantie gegen mögliche Angriffe durch die verfeindeten Staaten Südkorea, Japan und die USA dar. Ebenso stärkt sie die Position des Landes gegenüber den eigenen Verbündeten China und Russland. Aus nordkoreanischer Sicht haben die erfolgreichen Atom- und Raketentests bis 2017 die USA überhaupt erst zu bilateralen Gesprächen vor den Augen der Weltöffentlichkeit gezwungen. Ein Verzicht auf diese „Trumpfkarte“ erscheint vor diesem Hintergrund unrealistisch.

Für die US-Regierung stellt die Beseitigung der nordkoreanischen Atomwaffen hingegen die Voraussetzung für eine tragfähige Vereinbarung zwischen beiden Staaten dar, weil sie die militärischen Kräfteverhältnisse in Ostasien empfindlich zu Ungunsten der USA, Japans und Südkoreas verändern. Dies bedeutet wiederum eine Schwächung der USA gegenüber seinem wichtigsten Rivalen China. Der Spielraum für Kompromisse zwischen beiden Seiten dürfte daher weiterhin äußerst eng sein.

Trumps Forderung kommt keineswegs überraschend. Sein nationaler Sicherheitsberater John Bolton etwa vertritt schon seit längerem offensiv das „Libyen-Modell“ für die Denuklearisierung Nordkoreas. Libyen hatte seine Atomwaffen 2004 an die USA übergeben.

Dass dieses Modell auf Seiten Nordkoreas und Kim Jong-Uns nicht auf Gegenliebe stößt, liegt jedoch auf der Hand: Nachdem sich Libyens Machthaber Muammar al-Gaddafi auf den Atom-Deal mit den USA eingelassen hatte, griff die NATO – unter amerikanischer Beteiligung – das Land 2011 an. Gaddafis Regierung wurde gestürzt, er selbst wurde auf offener Straße von einem Lynchmob getötet.

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