Vor hundert Jahren protestierten StudentInnen, ArbeiterInnen und HändlerInnen in Chinas Städten gegen den Versailler Vertrag. Eine Würdigung der Bewegung des Vierten Mai – von Pa Shan

Vor hundert Jahren protestierten StudentInnen, ArbeiterInnen und HändlerInnen in Chinas Städten gegen den Versailler Vertrag. China sollte wie viele Mal zuvor seitens der europäischen Mächte beraubt werden. Anstatt die deutsche Kolonie in Ostchina an das Land zurückzugeben, sollte Shandong an Japan gehen. Dagegen formierte sich Widerstand. Damit war die Bewegung des Vierten Mai geboren, aus der zwei Jahre später die Kommunistische Partei Chinas, die Mobilisierung von Millionen im politischen Kampf und der Wiederaufstieg des Landes hervorgingen.

Eine verkaufte Republik

China war erst 1911 durch einen Aufstand aus den Fängen der letzten Kaiserdynastie befreit worden. Kurz darauf wurde die Republik ausgerufen. In den folgenden Jahren bewiesen die neuen PolitikerInnen des Landes jedoch, dass diese „Republik“ eine Totgeburt war. In unzähligen Machtkämpfen stritten sie sich um Ämter und Posten. Die Regierung war käuflich und nichts als eine Marionette von mächtigen Feldherren. Die ChinesInnen waren zwar den Kaiser losgeworden, aber abgehobene Eliten regierten weiterhin das Land.

Zu diesen Politikern zählten auch der Vizeminister für Äußeres, Cao, und Regierungschef Duan, die als äußerst korrupt und feige galten. Während des Ersten Weltkriegs hatten sich hunderttausende ChinesInnen an kriegswichtiger Produktion und sogar an Kämpfen auf Seiten Frankreichs beteiligt. Nach dem Weltkrieg wollten die Sieger die Welt neu ordnen. US-Präsident Woodrow Wilson versprach eine gerechtere, friedliche Welt. Darauf pochten viele ChinesInnen. Sie erwarteten eine Anerkennung für die Beteiligung am Krieg. Doch entpuppte sich der Versailler Vertrag für China als ein weiteres ungerechtes Diktat in einer Serie von „ungleichen Verträgen“, die das Land seit Jahrzehnten immer weiter in eine Kolonie verwandelten.

Auch das Deutsche Kaiserreich besaß Gebiete in China. Dem Vertrag zufolge sollten die deutschen Konzessionen in der ostchinesischen Provinz Shandong an das kaiserliche Japan gehen. Die Regierung von Cao und Duan wollte sich dem Willen der Westmächte und Japans unterordnen. Cao sollte den Vertrag unterschreiben.

Massenproteste gegen Ausverkauf des Landes

Den breiten Massen war dadurch nicht geholfen. Das merkten auch die führenden Intellektuellen des Landes. Am 1. Mai 1919 veröffentlichte ein Pekinger Professor seinen Artikel „Meine marxistischen Ansichten“. Darin propagierte Li Dazhao die Oktoberrevolution als Revolutionsmodell für China. Li war davon überzeugt, dass das rückständige China eine sozialistische Revolution benötigte. Getragen von den breitesten Volksmassen würde es so endlich Demokratie im Sinne der Mehrheit geben.

Drei Tage später protestierten mehr als 5.000 Studierende in Peking gegen die Regierung. Denn als die Nachricht über die Absichten der Diplomaten Peking erreichten, verloren die ChinesInnen ihre Illusionen. Der Westen hatte kein Interesse an Gerechtigkeit. Man bestärkte sogar noch Japans aggressive Bestrebungen, immer mehr Macht über China zu erlangen. Cao und Duan wurden zu den meist gehassten Menschen im Land. Bald wurden die Privatanwesen von Cao und anderen Regierungsvertretern angezündet. Man hetzte bewaffnete Polizisten auf die empörten StudentInnen und verhaftete etliche von ihnen. Dies führte zu einer Solidarisierung an den Hochschulen im ganzen Land, deren StudentInnen ebenfalls demonstrierten.

Aber nicht nur Studierende beteiligten sich. Die zwei Monate Mai und Juni 1919 waren gekennzeichnet durch eine endlose Serie von Demonstrationen, Aufständen, Streiks, ökonomischer Boykotte und Massenverhaftungen. Die Bewegung des Vierten Mai war gerade deswegen besonders, weil es zu landesweiten Streiks von ArbeiterInnen und Handelsboykotten durch HändlerInnen kam. Man bestreikte westliche und japanische Fabriken und boykottierte den Handel mit den ausländischen Mächten. Der Ausverkauf Chinas durch die landeseigenen Politiker sollte verhindert werden. Erfolg hatten sie kurzfristig und mittelfristig nicht, denn Japan drang in den nächsten Jahrzehnten immer weiter in das Landesinnere Chinas ein und verwandelte den Nordosten Chinas gewaltsam in seine Kolonie. Der 2. Weltkrieg fing daher faktisch in China an. Aber langfristig hatte die Bewegung des Vierten Mai die allergrößte Bedeutung.

Die Begründung des organisierten Widerstands

Während der Universitätsprofessor Li Dazhao am 1. Mai 1919 als einziger Marxist in China dastand, sah das bald ganz anders aus. Schon 1920 schloss sich der führende Intellektuelle des Landes, Professor Chen, dem Kommunismus an. 1921 gründeten die beiden zusammen mit einigen anderen Genossen die Kommunistische Partei Chinas. 1927 zählte die Partei bereits über 50.000 Mitglieder und hunderttausende Jugendmitglieder. Millionen von ArbeiterInnen und BäuerInnen standen unter dem Einfluss dieser Massenpartei. In den späten 20er und in den 30er Jahren schlossen sich immer mehr ArbeiterInnen, BäuerInnen und Intellektuelle der Partei und ihren Massenorganisationen an, sodass die KommunistInnen nicht nur Japans Aggressionen überstehen konnten, sondern auch eine gewaltige Unterstützung durch die chinesischen Massen genossen.

Ende der 40er Jahre konnte der politische Widerstand gegen die korrupten Politiker und Generäle des Landes bis zum Ende geführt werden, da die Volksbefreiungsarmee sich aus Millionen von Chinesen und Chinesinnen rekrutierte, die ein sozialistisches China an die Stelle der alten, maroden Scheinrepublik setzen wollten. Die AnhängerInnen der alten Republik flohen nach Taiwan. Nachdem 1949 die Volksrepublik China gegründet worden war, wurden die Großgrundbesitzer, Großkapitalisten und alten korrupten Politiker entmachtet und enteignet. Die Ländereien und Fabriken wurden vergesellschaftet und dienten der Absicherung der breitesten Massen der Bevölkerung. Ein Arbeitsplatz, Nahrung, Unterkunft, medizinische Versorgung und schulische Bildung wurden erstmals garantiert und für immer mehr Menschen zugänglich.

Ohne die politische Organisation und Mobilisierung der Bevölkerung wären diese Erfolge nicht möglich gewesen. Die Massenproteste des Vierten Mai vor 100 Jahren markierten den Beginn dieser Entwicklung. Der 4. Mai 1919 sollte uns daran erinnern, dass große Umwälzungen und Errungenschaften oft im Kleinen anfangen, ob mit dem Bekenntnis eines einzelnen Intellektuellen zum politischen Widerstand oder ob mit der Empörung von tausenden Studierenden auf der Straße. Deshalb ist der 4. Mai unbedingt zu würdigen!