Oft wird so getan, als gäbe es Männergewalt nur im Ausland. Doch tatsächlich bin ich in Deutschland doppelter Gewalt ausgesetzt: als Migrantin und als Frau. Ein Erfahrungsbericht über Unterdrückung im Iran und in Deutschland – von Mariya Kargar.

Iran, 2005: Es war ein Sommerabend und wie jeden Donnerstag wollte ich von der Kampfsportschule nach Hause fahren. Ich stieg in ein Sammel-Taxi ein. Ganz auf der  rechten Seite saß ein schlanker Mann und nach paar Metern stieg noch ein weiterer Mann ein. Ich war also in der Mitte zwischen zwei Männern eingequetscht.

Nach ein paar Sekunden haben sie angefangen mich sexistisch zu beleidigen. Sie haben schamlos meinen Körper angefasst und haben den Raum für mich so eng gemacht, dass ich mich kaum bewegen konnte. Es gab keine Lösung für mich außer auszusteigen.

Doch es ging noch weiter…

Nachdem ich ausgestiegen war, wollte ich zu Fuß zur nächsten Bushaltestelle gehen. Hinter mir waren wieder zwei junge Männern, auch sie haben angefangen mich sexistisch zu beleidigen und zu beschimpfen. Ich habe versucht sie zu ignorieren, aber die Worte, die sie mir gegenüber gesagt haben, waren so hart und ungerecht, dass ich es nicht mehr aushalten konnte.

Ich habe sie auch beschimpft, woraufhin sie mich bedrängten und es zu einer körperlichen Auseinandersetzung kam. Sie haben mich geschlagen, und auch ich habe zurückgeschlagen.

Ich kam mit blutigen Gesicht und zerrissener Kleidung nach Hause. Als mein Vater mich so sah, hat er mich gefragt, was passiert sei, und ich habe ihm die ganze Geschichte erzählt. Da begann auch er, mich genau wie die Männer auf der Straße zu beleidigen und zu beschimpfen, weil er meine Kleidung zu eng und zu sexy fand, und weil ich mich schminkte. Deshalb dürfe ich mich nicht darüber beschweren, wenn ich Gewalt auf der Straße erlebe.

Sexismus ist Alltag im Iran

Sexismus gehört zum Alltag einer Frau im Iran. Es ist ein Land, in dem Männer absolute patriarchale Macht in der Regierung, der Familie und der Gesellschaft haben. Eine Frau zu sein, bringt viele Probleme mit sich: Gewalt und Sexismus gegen Frauen ist so normal, dass Frau sich nicht einen Tag ohne sexistische Gewalt vorstellen kann.

Wenn eine Frau in so einer Gesellschaft Gewalt und Sexismus erlebt, darf sie sich nicht bei der Familie oder der Polizei beschweren, weil immer die Frau „selbst schuld“ ist. Ihr wird gesagt: Wenn sie sich an die islamischen Regeln halten und sich ordentlich anziehen würde, dann würde sie kein sexistisches Verhalten erleben.

In Deutschland doppelte Gewalt: als Frau und als Migrantin

Halberstadt in Deutschland, 2019: An einem Frühlingsabend war ich mit einer anderen Iranerin unterwegs. Ava ist Kurdin aus dem Iran. Sie ist Frisörin, die im Iran ihren eigenen Laden hatte. Sie war finanziell eine unabhängige Frau, aber aus politischen Gründen musste sie mit ihrem Ehemann und ihrer achtjährigen Tochter nach Europa fliehen. Sie lebt jetzt in Halberstadt im Flüchtlings-Heim.

Ava ist nicht glücklich mit ihrem Ehemann, weil sie von ihm geschlagen und unterdrückt wird, aber sie hält es wegen ihrer Tochter seit Jahren aus. Sie will jetzt wieder um jeden Preis als Frisörin arbeiten, damit sie für ein paar Stunden einfach weg kommt von der Gewalt ihres Mannes.

Ich habe sie als Übersetzerin zu einem Vorstellungsgespräch begleitet. Als Ava und ich mit dem Vorstellungsgespräch fertig waren, machten wir uns auf den Heimweg, aber gingen zuerst Richtung Innenstadt.

Ava und ich unterhielten uns miteinander auf kurdisch, als plötzlich ein weißer deutscher Mann uns anstarrte. Er spuckte uns an und beleidigte uns als “dreckige Schlampen“. Ich fragte: Was hast du gesagt? Doch er reagierte nur mit einem „halt die Fresse“. Er entfernte sich paar Meter, rief dann noch „geht in die Hölle, wo ihr her kommt“ und lief weiter.

Ava stand unter Schock, wegen dem, was gerade passiert war. Obwohl sie kein Wort Deutsch versteht, wusste sie doch, dass dies gerade ein Angriff war. Sie hat mir gleich gesagt: „Scheiße, ich dachte hier in Deutschland kann ich meine Freiheit als Frau genießen und meine Rechte werden beschützt.“

Ich erlebe es fast jeden Tag

Es war eine offenbar rassistische, sexistische und frauenfeindliche Attacke, die wir zwei Frauen auf einer deutschen Straße erlebt haben. Für mich war es keine Überraschung, weil ich seit fünf Jahren in Deutschland bin und solche Situationen fast jeden Tag erlebe.

Aber Ava konnte das nicht verstehen. Sie dachte, in Deutschland als einem demokratischen Land hätten Frauen und Männer gleiche Rechte und Freiheiten. Sie hatte nicht erwartet, dass sie die gleiche Gewalt und Beleidigungen auch in einem europäischen Land erleben muss.

Ja, das war rassistische, sexistische Gewalt, die ich und andere Frauen und Geflüchtete jeden Tag in Deutschland erleben.

Ich habe im Iran Gewalt und Sexismus erlebt, weil ich eine Frau war. Aber in Deutschland erlebe ich doppelte Gewalt und Sexismus, weil ich eine Frau und gleichzeitig eine Migrantin bin.

Mein Kampfweg für meine Rechte und die Befreiung der Menschheit: sich kommunistisch organisieren

Seit ich Kind bin, habe ich gewusst: in dieser ungerechten Welt eine Frau zu sein bedeutet, eine Kämpferin zu sein. Ich weiß, dass ich nicht die einzige Frau bin, die jeden Tag Rassismus und sexistische Gewalt durch die Familie, Gesellschaft und Politik erlebt, und ich weiß, dass man mit individuellen Kampfmethoden keinen Erfolg hat.

Als Frau habe ich schon in meiner jugendlichen Zeit gewusst, dass man sich für seine menschlichen Rechte politisch organisieren muss. Aber unter einer richtigen politischen kommunistischen Linie, die die Menschheit von Rassismus, Sexismus, Kapitalismus und Imperialismus befreit.