In Bangladeshs Hauptstadt Dhaka ist es im Sommer 2018 zu Massenprotesten von SchülerInnen und Studierenden gekommen. Ashraf Khan hat einen der jungen Aktivisten vor Ort getroffen. Eine Reportage.

Als am 29. Juli 2018 eine junge Schülerin und ein Schüler von einem Bus überfahren wurden, war das erstmal nichts Ungewöhnliches. In Bangladesh wurden 2017 über 4.000 Menschen bei Verkehrsunfällen getötet, die meisten davon in der 20-Millionen-Hauptstadt Dhaka. Auch die Umstände des tödlichen Unfalls fielen nicht aus der Reihe: Zwei Busfahrer leisteten sich ein Wettrennen, um sich gegenseitig die Passagiere wegzuschnappen und ihren Chefs einen größeren Profit zu sichern.

Und doch war der Tod der beiden Jugendlichen der Tropfen, der für Zehntausende junge Menschen das Fass zum Überlaufen brachte: Über soziale Medien verbreitete sich die Nachricht in Windeseile und die Proteste zogen sich über mehrere Wochen.

Jugend protestiert in Bangladesh – Regierung blockiert Internet und Mobilfunknetz

„Wir machten den Job besser, als es die Verkehrspolizei je getan hat.“

Fahim Rahman ist 21 Jahre alt und beendet gerade seine College-Ausbildung. Er war damals mittendrin. „Es waren aufregende Tage“, erzählt er.

„Nach wenigen Tagen begannen die Demonstrierenden in fast allen Stadtteilen Posten an den Hauptverkehrsadern zu beziehen. Wir überprüften die Führerscheine, den Zustand der Fahrzeuge und regelten den Verkehr. Viele Busse, die kaum fahrtauglich waren und eine Gefahr darstellten, wurden aus dem Verkehr gezogen und zerstört. Krankenwagen und Feuerwehr stehen in Dhaka regelmäßig wie alle anderen im Stau, Blaulicht hin oder her. Wir haben dafür gesorgt, dass Rettungsgassen gebildet wurden und wir haben den Verkehr gestoppt um Fußgängern zu ermöglichen, sicher die Straße zu überqueren. Die allermeisten Menschen waren solidarisch mit unserem Protest, denn wir machten den Job besser, als es die Verkehrspolizei je getan hat.“

Dennoch, oder vielleicht genau deswegen, ging die Regierung mit aller Härte gegen die AktivistInnen vor: Gummischrot, Tränengas und zum Teil auch scharfe Munition wurden verschossen und das mobile Internet abgeschaltet, um die Organisierung der Proteste zu verhindern. Am 2. August wurden alle Hochschulen der Hauptstadt geschlossen, um deren Besetzung zu verhindern.

Regierung lässt Proteste brutal niederschlagen

Als nach über einer Woche des Ausnahmezustands immer noch kein Abflauen in Sicht war, entschied sich die Regierung für ein anderes Vorgehen:

„Die Chhatra-Liga, die Studentenorganisation der Regierungspartei Awami-Liga griff unsere Streikposten und Demonstrationen an: Sie waren mit Stöcken bewaffnet und gingen extrem brutal vor, insbesondere gegenüber JournalistInnen. Viele Leute vermuteten, dass die Premierministerin Sheikh Hasina persönlich die Schlägertrupps geschickt hat: Die Partei wollte wohl einfach nicht zugeben, etwas falsch gemacht zu haben – und erst recht nicht, dass ein paar SchülerInnen und Studierende das Verkehrschaos in Dhaka besser in den Griff bekommen als ihre Polizei. Nach diesen brutalen Angriffen trauten sich immer weniger Leute auf die Straße, bis die Proteste verstummten.“

Die politische Lage in Bangladesh

Die Awami-Liga, die ganz ähnlich wie die SPD versucht, ihrer unternehmerfreundlichen Politik einen sozialen Anstrich zu geben, beherrscht das Land seit 2009 ununterbrochen. Davor hatte Bangladesh wegen des Machtkampfs mit der konservativen BNP am Rande eines Bürgerkriegs gestanden und wurde von einer Notstandsregierung verwaltet. Seitdem ist auch die Oppositionsführerin Khaleda Zia wegen Korruptionsvorwürfen in Haft und die meisten Parteien außer der Awami-Liga boykottierten die Wahlen.

So war es für Sheikh Hasina im Dezember letzten Jahres auch ein Leichtes, die Wahl zu ihrer dritten Amtszeit als Premierministerin zu gewinnen. Zwischen ihren Gegnern und Anhängern kam es zu heftigen Straßenkämpfen, bei denen über ein Dutzend Protestierende getötet wurden.

Die Verkehrsproteste, die Mitte März nach einem weiteren tödlichen Unfall ein kleines Comeback hatten, können nicht losgelöst von diesem Hintergrund betrachtet werden: Auch in dem 180 Millionen-Einwohnerland Bangladesh regieren Menschen, die sich kaum für die Bedürfnisse ihrer Bevölkerung interessieren.

Das zeigen nicht nur der Unwille, mehr Fußgängerbrücken und Ampeln zu bauen, sondern auch die zahlreichen Brände und Einstürze von Fabrikgebäuden, bei denen in Bangladesh schon tausende ArbeiterInnen getötet worden sind.

Zwangsarbeit in Gefängnissen bei H&M und C&A?

Die größte Tragödie darunter war der Rana-Plaza-Einsturz von 2013: Über 1.100 TextilarbeiterInnen, die für multinationale Konzerne wie C&A produzierten, wurden getötet. Schuld daran: Der Staat hatte die Fabrikbesitzer nicht dazu gezwungen, Sicherheitsvorkehrungen zu treffen, und so pferchten sie viel zu viele Menschen in ein marodes Gebäude ohne Notausgänge, weil sich so mehr Profit machen ließ.

Ohne Kampf wird sich nichts verändern

Die Erscheinungen mögen anders sein, die Ursache blieb die gleiche: Im Kapitalismus steht nun mal der Gewinn, den die Textil-, Bus- oder sonstigen Unternehmer einheimsen können, an erster Stelle. Das Leid der Angehörigen von überfahrenden oder verschütteten SchülerInnen oder ArbeiterInnen interessiert die herrschende Klasse und ihren Staatsapparat nur so viel, wie sein muss, um größere Unruhen und Störungen des Betriebsfriedens zu vermeiden. Durch ihre Proteste versuchte die Jugend in Bangladesh Druck auszuüben und schöpft nun Kraft bis zur nächsten, unvermeidlichen Eskalation.

Auch für die SchülerInnenproteste in Deutschland unter dem Motto „Fridays for Future“ gilt es, das im Kopf zu behalten: Nur durch Bitten und Betteln lassen sich die Herrschenden nicht dazu bewegen, den Klimawandel zu bekämpfen, zumindest nicht, solange sie mit Kohlekraft am meisten verdienen können.

Darum gilt für die fortschrittlichen Jugendbewegungen in Deutschland, Bangladesh und überall: Weiter Druck ausüben und sich nicht auf faule Kompromisse einlassen! Wir bekommen nur, was wir uns erkämpfen!