Zu Hunderttausenden streikten und protestierten Frauen in der Schweiz in der vorvergangenen Woche. Manche Stadtteile waren gänzlich lahmgelegt, die Streikfrauen blockierten Verkehrswege. Was sind ihre Forderungen und warum ein Streik? Ein Interview mit Hevi Kaya vom Bund sozialistischer Frauen (SKB).

Wofür streikten die Frauen am 14. Juni 2019?

Die Frauen* streikten für unterschiedliche Forderungen bzw. Themen. Im Manifest des Frauen*streik-Kollektivs sind 19 Punkte aufgelistet. Einige Beispiele sind: Lohngleichheit, Diskriminierung in der Arbeitswelt, Anerkennung der Care-Arbeit, kürzere Arbeitszeiten, Wahlfreiheit in Fragen der Sexualität und der sexuellen Identität, Recht über den eigenen Körper zu bestimmen, Migrantinnenrechte, Abschaffung des Patriarchats in Institutionen, und nicht zuletzt ist eine der Forderungen eine solidarische Gesellschaft ohne Rassismus, Sexismus, Homophobie und Transphobie.

Am Streik nahmen Frauen aus mehreren Generationen teil – einige haben auch beim ersten Frauen*streik schon protestiert. Inwiefern haben sich die Forderungen geändert?

Eine der Hauptforderungen vom Streik im Jahre 1991 war, dass eine Gesetzgebung zur Umsetzung des Verfassungsartikels gefordert wurde. Dies ist der Unterschied vom ersten zum zweiten Streik. Die weiteren Forderungen sind gleich oder ähnlich, weil keine wesentlichen Änderungen und Verbesserungen seit dem letzten Streik stattgefunden haben.

Wen möchten die Streikenden erreichen und wer hat sich überhaupt am Protest beteiligt?

Die Streikenden, alleinstehende Frauen*, Frauen* in einer Partnerschaft, mit oder ohne Kinder, ob jung, erwachsen oder alt, mit oder ohne Arbeit, Heteros, LGBTQI, in der Schweiz oder in einem anderen Land geboren, unterschiedlicher Kultur und Herkunft haben alle ihre Gleichgesinnten zum Streik aufgerufen. Am Streik beteiligten sich Frauen* aus allen Bereichen des Lebens. Unter anderem beteiligten sich Frauen*, Inter-, Trans- und Queerpersonen, alt und jung, mit oder ohne Beeinträchtigung, mit oder ohne Migrationshintergrund, mit oder ohne Aufenthaltsbewilligung.

Wie kommt es, dass nach fast drei Jahrzehnten scheinbarer „Funkstille“ wieder so ein großer Protest stattfand?

Die Ungleichheit zwischen Frauen* und Männer steigt und wird immer grösser. In der Politik, Wirtschaft gibt es Diskriminierungen. Unbezahlte Care-Arbeit ist groß. Bereits am 22. September demonstrierten 20.000 Personen für Lohngleichheit und gegen Diskriminierung in der Hauptstadt Bern. Danach begann die Mobilisierung für den 14. Juni 2019.

Warum wählen die Frauen als Mittel zum Protest den Streik?

Die Frauen* wollten mit dem Streik zeigen, dass ohne die sichtbare und unsichtbare Arbeit der Frauen nichts mehr läuft und wenn Frau* will, steht alles still!

Die Beteiligung war überwältigend und einige Städte wurden stundenweise lahmgelegt. Wie bewertet ihr jetzt – einige Tage danach – den landesweiten Streik?

In der jüngeren Geschichte der Schweiz war die Demonstration vom Frauen*streik eine der größten. Der Streik hat vorerst eine Wirkung in der Gesellschaft erzielt, in dem er in allen Teilen der Bevölkerung zu einem Gesprächsthema wurde. Wichtig ist, wie es weiter geht. Es gibt bereits weitere Aufrufe, nach dem Frauen*streik zusammen weiter zu kämpfen, um das Thema und die Forderungen im richtigen Leben etablieren zu können und auch, dass in den Gesetzen die Forderungen verankert werden.