Etwa 1.500 AntifaschistInnen fanden sich am Sonnabend, 1. Juni, in der sächsischen Großstadt Chemnitz ein, um sich dem diesjährigen Aufmarsch der neonazistischen Kleinstpartei „Die Rechte“ entschieden entgegenzustellen. – Ein Bericht aus Chemnitz von Heiner L. Beisert

Dort, wo vormals ein Seifenkistenrennen geplant war – was es jedoch laut den zuständigen Behörden augenscheinlich hinten anzustellen galt – nahmen nun weniger als dreihundert FaschistInnen am Aufmarsch teil, der unter dem Titel „Tag der deutschen Zukunft“ (TddZ) firmierte.

Dass sich auch die Chemnitzer Zivilgesellschaft mit verschiedenen Aktivitäten, an denen tausende Menschen in der Innenstadt teilnahmen, merklich dagegen wehrte, hielt die Staatsmacht jedoch nicht davon ab, dem faschistischen Aufmarsch den Weg freizuräumen.

Das massive Polizeiaufgebot, bestehend aus etlichen Hundertschaften diverser Landespolizeieinheiten, der Bundespolizei, sowie Spezialkräften des bayerischen USK, behinderte gleich zu Beginn der rechten Demonstration JournalistInnen bei ihrer Arbeit.

Nachdem durch die Polizei effektive Blockaden der Nazi-Route verhindert wurden, untersagte man vorübergehend übrigen AntifaschistInnen, die aus anderen Richtungen dazu stießen, die Teilnahme am Protest gegen den sogenannten „Tag der deutschen Zukunft“.

Doch auch der faschistische Aufmarsch musste kurzzeitig stoppen. Die zunächst noch martialisch Trommelnden im Aufmarsch sollten eben dies nach Angaben der Polizei gleich nach Beginn unterlassen.

Für Überraschungen sorgte wohl der Landeschef der sächsischen NPD, Jens Baur. Dieser zitierte, gleich nachdem populistische Bewegungen und Parteien wie die AfD als nicht konsequent genug abgeschrieben wurden, den chinesischen Revolutionär Mao Tse-Tung und sprach: Man solle sich „im Volk bewegen, wie der Fisch im Wasser.“

Die OrganisatorInnen der Gegenveranstaltung sowie die übrigen Kräfte betonten unterdessen erneut, wie strukturell verfestigt sich die Chemnitzer Naziszene habe, auch wenn die Beteiligung an dem Aufmarsch sehr begrenzt war.

Mit dem ortsansässigen und bundesweit tätigen Rechtsrock-Label PC-Records, der ultra-rechten Fan-Szene um den Chemnitzer FC mitsamt der Gruppe HooNaRa (Hooligans Nazis Rassisten), dessen bedeutendstes Gründungsmitglied Thomas Haller kürzlich verstarb und als erster Neonazi-Kader mit einer offiziellen Trauerveranstaltung von Seiten des Vereins bedacht wurde, schafft sich die Szene im vorderen Erzgebirge Freiräume.

Obgleich die Veranstaltung ansonsten friedlich verlief, bleibt festzustellen, dass die Mobilisierungen gegen die Chemnitzer Zustände, mitsamt der Verstrickung diverser Akteure der Neonazi-Szene in die bürgerliche Gesellschaft, zusehends an Fahrt aufnehmen. Immer mehr Menschen begreifen den antifaschistischen Protest heute wieder als legitimen Ausdruck gegen die herrschenden Verhältnisse, deren Politik des sozialen Kahlschlags und die Unterwerfung aller Lebensbereiche unter die kapitalistische Verwertungslogik. Letztere ist es nicht zuletzt, die derart fragwürdige Phänomene wie den TddZ auf den Plan ruft.