Ein echtes Bildungssystem, das diesen Namen verdient, müssen wir uns hart erkämpfen. – Ein Kommentar von Envar Liria

Die deutschen Hochschulen platzen aus allen Nähten. Momentan sind in Deutschland fast drei Millionen Studierende eingeschrieben. Was früher einmal ein Privileg der Oberschicht war, ist heute für viele ein notwendiger Schritt auf dem Weg in den Arbeitsmarkt. Dass heute auch die normalen ArbeiterInnen längere Zeit im Bildungssystem verbringen, sorgt aber nicht zwangsläufig für ein klareres Weltbild und ein wahres Bewusstsein über die eigenen Lebensumstände. Ganz im Gegenteil: Das Bildungssystem und gerade die Hochschulen erzeugen systematisch ein falsches Bild der Gesellschaft.

Die Sicherung der herrschenden Ordnung

Unser Bildungssystem ist nicht so demokratisch und fortschrittlich, wie gemeinhin verbreitet wird. Vielmehr dient es zur Aufrechterhaltung der herrschenden Ordnung. Das sieht man daran, dass nach der Einschulung und wenigen Jahren die SchülerInnen schon aufgeteilt und ausgesiebt werden. In einer Gesellschaft, die nur für den Profit produziert, braucht es nun einmal eine Masse an Menschen, die die Drecksarbeit machen und herumkommandiert werden.

Wenn die Bildungslaufbahn nicht allzu früh endet, sorgen Unterrichtsfächer wie Sozialkunde, Politik, Wirtschaft und Religion dafür, dass das Weltbild sorgsam umzäunt wird. Die Debatten werden dann nur noch in einem verengten Rahmen geführt: CDU oder SPD? Freier Markt oder Soziale Marktwirtschaft? FAZ oder taz? Am Ende stehen dann fähige Arbeitskräfte, deren revolutionäres Potential entschärft wurde.

Die Universitäten bilden hierbei das Rückgrat der ideologischen Verblödung. Nicht nur werden in ihnen die herrschenden Zerrbilder der Gesellschaft erzeugt. Auch alle angehenden LehrerInnen müssen diese Institution durchlaufen und sich dort beweisen, bevor sie unterrichten dürfen. Hier darf man nicht vergessen, dass es in der BRD unter der Führung der SPD in den 70er Jahren bereits zu Berufsverboten für LehrerInnen gekommen ist, die zu weit links standen.

Universität heute

Sieht man sich die Universitäten heutzutage an, erkennt man schnell eine negative Entwicklung. Die Qualität der Lehre sinkt bedenklich, da trotz der wachsenden Zahl an Studierenden ihre Grundfinanzierung weiter gekürzt wird. Mehr und mehr wird die Universität so zu einer Lernfabrik, die kostengünstig Arbeitskräfte produziert und mithilfe des Bachelor- und Mastersystems schnellstmöglich dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stellt.

Im Kampf um die notwendigen Gelder werden die Universitäten in ein konstantes Wettbewerbsverhältnis zueinander gezwungen. Sie müssen um sogenannte „Drittmittel“ konkurrieren, da die Grundversorgung immer seltener ausreicht. Das ist ein probates Mittel, um die Arbeitsintensität bei den wissenschaftlichen ArbeiterInnen hochzuschrauben. Darunter leidet aber auch die Forschungsfreiheit. Ein kaputt gespartes Institut hat daher überhaupt keine Chance, lange zu überlegen, wenn es Gelder von einem Konzern oder der Waffenlobby angeboten bekommt. Es ist auf diese Gelder angewiesen.

Das Klassensystem schafft sich seine Uni

Parallel dazu findet eine weitere Entwicklung statt: Die Herausbildung von Elite-Unis. Um die deutschen Konzerne auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu machen, wurde die sogenannte „Exzellenz-Initiative“ eingeführt. Sie soll „Exzellenz-Universitäten“ herausbilden, um den Abstand zu internationalen Elite-Unis wie der Harvard University oder der University of Oxford aufzuholen. So entsteht an unseren Universitäten ein Zwei-Klassen-System aus führenden Exzellenz-Unis, die die meisten Gelder bei sich konzentrieren, und Mittel- und Klein-Unis, die kaputt gespart werden.

Die gesamte Exzellenz-Strategie ist ein Werkzeug des deutschen Imperialismus, der in diesen dynamischen Zeiten nicht ruhen wird. Die deutschen Konzerne wollen den größeren Teil vom Kuchen abhaben, ganz egal, wer dabei unter die Räder kommt. Wir sehen heute, dass auch unsere Universitäten davon nicht verschont bleiben.

Ein Großteil der wissenschaftlich Arbeitenden hangelt sich dabei von einem befristeten Vertrag zum nächsten – bis zum Burnout. Die Studierenden klagen über eine immer schlechter werdende Ausbildung, und selbst die Forderung nach einer Bildungsreform scheint utopisch. So gesehen ist sie das auch, denn der ausbeuterische, unterdrückerische Kapitalismus wird immer sein ihm entsprechendes Bildungssystem hervorbringen. Der Kampf für eine bessere Bildung bleibt also untrennbar mit dem Kampf für den Sozialismus verbunden.