Sabine Meißner (Name von der Redaktion geändert) arbeitet als Sozialarbeiterin in einer Notunterkunft für Wohnungslose in einer baden-württembergischen Großstadt. Perspektive-Autor Ashraf Khan hat ein Interview mit ihr geführt.

Frau Meißner, Sie arbeiten in einer kommunalen Notübernachtungsstelle für Wohnungslose, die von einem freien Träger im Auftrag der Stadtverwaltung betrieben wird. Was können Sie über ihren Arbeitsalltag erzählen?

Ich bin vor Ort die Ansprechpartnerin für bis zu 30 männliche Bewohner. So gut wie alle sind hochverschuldet und haben kein soziales Netz vor Ort, das ihnen helfen könnte. Mit vielen Vorurteilen über Wohnungslose kann ich aus Erfahrung aufräumen: Es ist überhaupt nicht so, dass alle drogenabhängig oder psychisch krank wären. Tatsächlich ist sogar ca. ein Viertel der Bewohner berufstätig. Und „freiwillig“ lebt ganz sicher auch niemand hier, die Bewohner sind nicht irgendwelche Freigeister, die das Leben ohne festen Wohnsitz romantisch finden, sondern leiden unter ihrer Situation.

Die Leute kommen zu mir, wenn sie Konflikte untereinander haben oder auch, weil wieder mal etwas im Gebäude nicht funktioniert. Mit vielen lese ich gemeinsam ihre Post und helfe ihnen bei Anrufen oder Antwortschreiben an Ämter und Anwaltsbüros, die Schulden eintreiben wollen. Aber um auf die Frage, was ich erzählen kann, zurückzukommen: Unter meinem echten Namen leider nicht viel, da ich selbst nur einen befristeten Arbeitsvertrag habe und damit rechnen muss, dass dieser nicht verlängert wird, wenn ich über die Missstände in der Unterkunft spreche. Darum möchte ich dieses Interview anonym führen.

Was für Missstände meinen Sie?

Nun, der Alltag der Bewohner beginnt morgens um 9 Uhr – am Wochenende um 10 Uhr – wenn sie vom Sicherheitsdienst geweckt werden. Dann werden sie auch direkt aus dem Haus geschickt und dürfen erst ab 16 Uhr wieder rein. Für viele ist das gesundheitlich belastend: Es sind hier bis zu vier Betten in einem Zimmer, da können viele nicht gut schlafen. Diesen Winter hat sich ein älterer Bewohner eine schwere Lungenentzündung zugezogen, die beinahe tödlich geendet hätte.

Verantwortlich dafür ist die Rausschmeiß-Politik: Der Mann hat wiederholt klar geäußert, dass er sich zu krank fühlt um aufzustehen. Aber gebracht hat das alles nichts und das ist leider sogar legal: Da seine Notunterkunft über kein Krankenzimmer verfügte und die nächste „nur“ vier Kilometer entfernt war, wurde er zu Fuß dorthin geschickt, um sich dort auf ein anderes Bett zu legen. Etwa einmal im Monat kommt es vor, dass sich ein Bewohner weigert, sein Zimmer zu verlassen. Der Sicherheitsdienst ruft dann die Polizei, um denjenigen hinaus zu bringen.

Schlafen verboten! – Obdachlose vertreiben, ist das gerecht?

Was ist der Grund für dieses Vorgehen?

Die Rechtsgrundlage für die Regelungen in Notübernachtungen bildet das Polizei- und
Ordnungsrecht. Die offiziellen Stellen begründen das morgendliche Rausschmeißen damit, dass es den Bewohnern einen geregelten Tagesablauf erleichtern würde. Das ist Unsinn. Erstens geht man davon aus, dass keiner der Bewohner selbst in der Lage wäre zurecht zu kommen, was definitiv falsch ist, und zweitens taugt dieses Vorgehen überhaupt nicht zur „Resozialisierung“. Welcher Mensch löst denn seine Probleme besser, wenn er sieben Tage die Woche den ganzen Tag aus seiner Wohnung ausgesperrt wird, aber dann bis Punkt 22 Uhr wieder dort zu sein hat, um die Nacht nicht auf der Straße verbringen zu müssen? Es geht hier darum, den Menschen das Leben in der Notunterkunft möglichst unangenehm zu gestalten. Hauptsache, möglichst schnell rausekeln, damit sich die Bewohner noch teurere Hostel-Zimmer mieten müssen und das Bett frei machen.

Noch teurer? Zahlen die Wohnungslosen etwa Miete für die Notunterkunft?

Ja, ein Bett im Viererzimmer kostet fast 300€ im Monat. Und wie gesagt, es darf nur über Nacht genutzt werden. Auch an die Spinde, in die Küche oder Sanitäranlagen kommen die Bewohner nur nach 16 Uhr. Bei den Meisten wird die Miete vom Amt, also vom Jobcenter oder bei den Bewohnern im Rentenalter vom Amt für Soziales und Senioren bezahlt. Deswegen ist die Miete auch so hoch.

Während jede Kommune für die Notunterkünfte aufkommen muss, wird das Arbeitslosengeld oder die Grundsicherung natürlich vom Bund finanziert. Hier macht also die Stadt den Gewinn, nur eben auf dem Rücken der Bewohner, die arbeiten. Die Bewohner, die Vollzeit arbeiten, tun das meistens für Zeitarbeitsfirmen und bekommen selten mehr als den Mindestlohn. Da ist eine solche Miete natürlich eine große Belastung.

Geld, um auf die eigene Wohnungskaution zu sparen oder um Schulden abzubezahlen kann da gar nicht übrig bleiben. Auf auf diese Weise werden den Bewohnern also eine Menge Steine in den Weg raus aus der Wohnungslosigkeit gelegt. Fast 300€ zahlen auch Studierende für ein Wohnheimzimmer – inklusive Gratis-WLan und ohne Rausschmiss.

Hier fallen regelmäßig die Heizung oder das Licht aus, an einigen Stellen tropft es von der Decke und die Küche ist eine Katastrophe. Dabei handelt es sich um einen Container, der außerhalb der Unterkunft steht – aus Brandschutzgründen, vorgeblich. Dort gibt es kein fließendes Wasser und der Strom schaltet sich alle zehn Minuten aus. Ich vermute da viel mehr reine Schikane als Motiv, als die Sorge, dass jemand vergisst, den Herd abzustellen. Es soll bloß niemand auf die Idee kommen, länger als unbedingt notwendig hier wohnen zu bleiben.

Aber unsere Bewohner haben natürlich eine Meldeadresse, die in einer Mieterselbstauskunft oder beim Vorstellungsgespräch gar nicht gut ankommt, und auch einige Schufa-Einträge. Da der kommunale Wohnungsbau wie fast überall abnimmt und allgemein großer Wohnraummangel besteht, ist die Suche nach einer eigenen Wohnung für die meisten leider ziemlich aussichtslos. Nach drei bis vier Monaten müssen die meisten in eine Dauerunterkunft ziehen oder können sich, wenn sie eine Vollzeitstelle haben, ein Hostel-Zimmer leisten.

Was denken Sie, was Wohnungslosen wirklich helfen würde?

Kostenloser Wohnraum natürlich! Ich finde, das sollte ein Menschenrecht sein! Bis dahin würde aber auch kostenloser ÖPNV den Leuten viel Stress nehmen: Ständig werden Bewohner wegen Schwarzfahrens bestraft. Einer geht jetzt sogar 20 Tage ins Gefängnis, wegen einer Strafe von 200€, die er eben nicht zahlen kann. Stattdessen hätte er 80 Arbeitsstunden leisten können, ist aber chronisch krank und viel zu schwach dafür. Auch ein Schuldenschnitt könnte vielen Leuten wieder Luft zum Atmen geben.