Vahide İlgün war in der Türkei Aktivistin der Demokratischen Partei der Völker (HDP) und musste aufgrund ihrer politischen Identität nach Deutschland fliehen. Im Interview berichtet sie über die Zustände, unter denen sie nun in der Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber (ZASt) in Halberstadt leben muss.

Sie sind als politische Geflüchtete nach Deutschland gekommen. Aus welchen Gründen mussten sie ihr Heimatland verlassen?

Ich war in der Türkei Mitglied in der Konföderation der Gewerkschaften der BeamtInnen (KESK). Ich war Menschenrechtlerin und Aktivistin. 2018 kandidierte ich bei den BürgermeisterInnen-Wahlen für die Demokratische Partei der Völker (HDP) in Ankara. Aufgrund der Politik unserer Partei wurde ich von der Polizei bedroht und Opfer faschistischer Angriffe. Daraufhin flüchtete ich am 12. April 2018 nach Deutschland. Seither lebe ich hier als Geflüchtete.

Erzählen sie uns doch bitte etwas über ihre aktuelle Situation und dem Heim, in dem sie nun leben müssen.

In dem Heim in Halberstadt, in dem ich untergebracht bin, leben Familien, aber auch alleinstehende Frauen und Männer. Meiner Meinung nach ist das größte Problem der Geflüchteten das Fehlen von ÜbersetzerInnen – weil Anliegen bezüglich Gesundheit, Ernährung und sonstigen Bedürfnissen voraussetzen, sich ausdrücken zu können. So viele ÜbersetzerInnen wie nötig wären, gibt es einfach nicht. Das habe ich am eigenen Leib erlebt. Drei Tage bevor ich hier im Heim ankam, hatte ich eine Magenblutung. Gleichzeitig habe ich Asthma. Ich konnte meine Probleme der Ärztin bei der Erstaufnahme nicht schildern. Es gab keine ÜbersetzerInnen vor Ort. Sie fing an mich anzubrüllen und warf mit einem Stift nach mir.

Aufgrund meiner Magenbeschwerden fragte ich nach Brot in der Kantine. Die KüchenarbeiterInnen haben meine Anfragen bezüglich Brot oder Zucker damit beantwortet, indem sie mir sagten, ich solle ein Rezept vom Arzt holen. Ich bereite mich schriftlich vor, wenn ich zum Arzt gehen muss. Der Krankenpfleger hat mir einmal gesagt, dass er und der Arzt zu tun hätten und wenn ich Schmerzen hätte, solle ich aufhören, Brot zu essen. Er bat mich um meine Papiere und schickte mich fort.

An meiner Zimmertür hing ich daraufhin einen Zettel, worauf stand, dass ich mich im Hungerstreik befinde. Der Krankenpfleger entschuldigte sich nachher und ich hängte den Zettel ab. Allerdings haben sie ihre rassistischen Handlungen verleumdet, indem sie meine angeblich psychisch labile Situation anführten.

Wie sieht die Versorgung vor Ort aus?

In einem Heim, wo Geflüchtete aus ganz unterschiedlichen Kulturkreisen leben, sind die Menschen besonders benachteiligt. Alles wird abgewogen verteilt. Egal ob man satt wird oder nicht. Auf der anderen Seite landet das meiste Essen im Müll. Weil niemand fragt, was die Menschen möchten oder nicht. Eine Woche gibt es Reis, eine Woche Kartoffeln, eine Woche Nudeln. Seit vier Monaten ist das unser Essen hier. Aus den Blocks, in denen wir uns befinden, müssen wir drei mal täglich zur weit entfernten Küche laufen und unser Essen mitnehmen. Würden wir wirklich gewürdigt werden, würden sie Tische und Stühle in die Kantine stellen um dort essen zu können.

Nach ihrer Flucht aus der Türkei fühlen sie sich nun sicher?

Ich kann die Situation im Lager mit folgenden Beispielen beschreiben: Vor etwa zwei Monaten ist ein junger Mensch vom vierten Stockwerk gesprungen, um sich umzubringen. Den Freund hatten die SicherheitsarbeiterInnen vorher übel zugerichtet. Wir haben es alle gesehen, aber konnten nicht eingreifen. Vor unseren und den Augen der SicherheitsarbeiterInnen werden Drogen gehandelt und Prostitution betrieben. Aber niemand sagt etwas, weil alle Angst um ihren Aufenthalt haben.

Ich bin eine politische Frau, welche unter Todes- und Haftdrohungen geflohen ist. In der Türkei waren sehr viele Polizisten Anhänger der Sekte von Fetullah Gülen. Wenn wir hier ÜbersetzerInnen benötigen, kommen ebenfalls Anhänger dieses Predigers. Somit bin ich meine politischen Gegner auch hier nicht los geworden. Im wesentlichen besteht das Problem darin, dass sie unsere persönlichsten Probleme kennen und uns hier geheimdienstlich behandeln.

Meine Situation kann ich wie folgt zusammenfassen: Ich bin unter den bereits benannten Umständen aus der Türkei geflohen, aber auch hier im Heim wurde ich Opfer sexueller und rassistischer Übergriffe und wurde schlecht behandelt. Gleichzeitig habe ich hier immer noch mit den Gülen-Anhängern zu tun.

Möchten sie noch etwas hinzufügen?

Ich bedanke mich dafür, dass ich die Gelegenheit bekam mich zu der Situation zu äußern. Bis die Menschen in Würde leben können und alle Völker frei sind grüße ich euch mit meinem tiefsten Glauben daran.