Ein Interview mit Roza Awaz vom „Defend Rojava Komitee Köln“ über die aktuelle Situation in Nordsyrien und wie Menschen in Deutschland sich gegen den Krieg der Türkei engagieren und ihre Solidarität mit der örtlichen Bevölkerung zeigen können.

Vergangene Woche begann die türkische Armee einen militärischen Großangriff auf Nordsyrien/Rojava. Wie sieht die aktuelle Situation in Rojava aus?

Bereits seit mehreren Wochen drohte der faschistische Staatschef der Türkei, Recep Tayyip Erdoğan, in Nordsyrien, Rojava einzumarschieren. Die angebliche Sicherheitszone, die für die Rückkehr der Geflüchteten nach Syrien dienen soll, wurde als Vorwand genutzt, um diesen Krieg mit kolonialistischen und faschistischen Zielen zu beginnen. Während die Türkei vergangenen Mittwoch unter dem Operationsnamen „Friedensquelle“ mit Bombardierungen auf Städte wie Sere Kaniye und Gire Spi an der Grenze zur Türkei begann, entschieden sich die USA dazu, ihre Truppen aus Rojava zurück zu ziehen. In den vergangenen Tagen starben bereits hunderte ZivilistInnen und tausende Menschen wurden verletzt.

Die Demokratische Föderation Nord- und Ostsyriens (QSD) veröffentlichte, dass aufgrund des türkischen Angriffskriegs bereits 275.000 Menschen flüchten mussten. Obwohl europäische Staaten wie Frankreich, die Niederlande oder Deutschland die Waffenexporte stoppten, erklärte Erdoğan, dass er auch ohne internationale Unterstützung diesen Krieg führen werde. Die Türkei und dschihadistische Kräfte haben in den letzten Tagen immer wieder Dörfer unter anderem in Kobane, Sere Kaniye und Minbic angegriffen. Die Demokratischen Kräfte Syriens hatten bereits vor den Angriffen klargestellt, dass, falls Angriffe folgen sollten, sie die Haft der Gefangenen des „Islamischen Staats“ (IS), unter anderem aus Europa, nicht länger aufrecht erhalten könnten, da die Gefängnisse nur provisorisch seien. Mit den Angriffen ist genau dies eingetroffen und ein Teil der Insassen sind bereits frei gekommen.

Am Dienstag forderten über 70 kurdische Parteien und Organisationen eine Flugverbotszone über Rojava. Der Widerstand seitens der kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG und YPJ geht derweil weiter. Die Bevölkerung in Rojava ist entschlossen und verteidigt die Errungenschaften der seit sieben Jahren andauernden Revolution. Sie möchten weder unter dem Faschismus der Türkei, noch unter dem Islamismus des IS leben. Sie haben sich ein Leben aufgebaut, das demokratisch, ökologisch und feministisch ist. Nach Jahrhunderten voller Unterdrückung leben sie jetzt in Selbstbestimmung und Freiheit. Dieses Leben möchten sie nicht hergeben und sind hoffnungsvoll, dass sie Rojava gegen jegliche faschistische und imperialistische Angriffe verteidigen werden.

In den vergangenen Tagen sind überall auf der Welt Zehntausende gegen den anhaltenden Invasionsversuch auf die Straße gegangen. Wie schätzt ihr die aktuelle Solidaritätsbewegung ein?

Sobald die Nachricht kam, dass Rojava angegriffen wurde, gingen weltweit tausende Menschen auf die Straßen und protestierten. Innerhalb weniger Stunden wurden Solidaritätskomitees gegründet und verschiedenste Aktionen in den Städten durchgeführt. Von Besetzungen der Check-Points der Turkish Airlines bis hin zu Störaktionen von öffentlichen Veranstaltungen deutscher Politiker wie von Wolfgang Schäuble in Köln. Aus Rojava kam bereits die Nachricht, dass die vielfältigen Aktionen und Demonstrationen in Europa der Bevölkerung vor Ort viel Kraft und Mut geben. Sie merken somit, dass die Welt sie nicht vergessen hat. Die Teilnahme der InternationalistInnen an den Protesten ist stark und von großer Bedeutung. Wir stehen gemeinsam auf den Straßen und fordern einen Stopp der Kriegsangriffe, weil wir nicht innerhalb von Grenzen denken. Denn unsere Solidarität ist und bleibt international.

Die deutsche Bevölkerung ist entsetzt über die Angriffe der Türkei auf Rojava und verachtet ihre kriegerische Politik. Leider bleibt es aber oft nur dabei. Viele Menschen stimmen uns zwar zu, denken aber, dass wir nicht viel verändern können. Daher müssen wir oft Diskussionen gegen die politische Ohnmacht der Menschen führen und sie für praktische Solidaritätsbekundungen überzeugen. Dass die Türkei etwas falsch macht, ist ein Ansatz, bei welchem wir mit Vielen übereinstimmen. Doch sobald wir politische Entscheidungen der deutschen Regierung kritisieren, wie beispielsweise Waffenexporte, dann kommt es schnell zu Meinungsunterschieden. Die Menschen möchten nicht hören, dass Deutschland seine Finger im Krieg in Rojava hat und verschließen da wieder die Ohren.

Für die kommenden Tage habt ihr und andere Strukturen vielfältige Solidaritätsaktionen geplant. Was wird genau stattfinden?

Wir organisieren seit Montag jeden Tag Mahnwachen, um uns mit Rojava solidarisch zu zeigen. Bis Freitag wird es jeweils von 12 bis 18 Uhr ein Protest-Zelt auf dem Bahnhofsvorplatz geben. Dieses soll zum Austausch dienen und die Menschen über die Angriffe auf Rojava informieren. Zwischendurch gibt es im Zelt Vorträge zu Themen wie Ökologie, Feminismus oder Internationalismus. Wir möchten den Menschen zeigen, weswegen wir die Revolution in Rojava als so wichtig empfinden. Wir möchten, dass alle verstehen, weswegen einem faschistischen Staat wie der Türkei diese demokratische Selbstverwaltung ein Dorn im Auge ist. Die Vorträge und weiteren Aktivitäten des Protest-Zelts sind offen für alle Menschen, und nähere Details sind in den sozialen Medien zu finden.

Beginnend vom Bahnhofsvorplatz wird es jeden Tag im Anschluss der Mahnwache ab 18 Uhr eine Demonstration geben. Wir fordern alle DemokratInnen dazu auf, gegen die Ermordung und Verschleppung von unschuldigen Menschen laut zu werden. Vor allem innerhalb imperialistischer Länder wie Deutschland gibt es genug Forderungen, die wir unserer eigenen Regierung stellen können. Die Waffenexporte, Deals über Geflüchtete, Nato-Mitgliedschaft und Zusammenarbeit mit der Türkei sind nur einige Themen hierfür. Zudem möchten wir auf die Demonstration der KlimaaktivistInnen von Fridays for Future aufmerksam machen, die ihre Demonstration am kommenden Freitag, dem 18.10., Rojava und der ökologischen Revolution dort widmen. Am kommenden Samstag, dem 19.10., findet in Köln ab 11 Uhr eine NRW-weite Demonstration statt, die mit zwei Fingern am Chlodwigplatz und Ebertplatz beginnt. Alle FeministInnen, KlimaaktivistInnen, DemokratInnen, SozialistInnen und Menschen, die für Menschlichkeit und Frieden einstehen möchten, sind hierzu eingeladen. Lasst uns unsere internationale Solidarität an diesem Tag zum Ausdruck bringen!

Was können Menschen außerhalb von Rojava, wie hier in Deutschland, noch tun, um die Bevölkerung vor Ort zu unterstützen?

Alle Aktionen in Deutschland erreichen die Menschen in Rojava. Jeder Mensch, der hier aufsteht, wird die Bevölkerung vor Ort unterstützen können. Es ist die Verantwortung von uns allen, dass die Menschen in Deutschland von den Verbrechen in Rojava erfahren. Gemeinsam können wir auf die Staaten Druck ausüben und Forderungen stellen. Mit unseren Demonstrationen und Aktionen erreichen wir tagtäglich immer mehr Interesse an der Solidaritätsarbeit. Werdet ein Teil der Planungen und setzt eure Haltung in die Praxis um! Von Blockaden bis zu Störaktionen, in dieser Zeit brauchen wir Aktionen, die die Menschen wachrütteln. Denn während tagtäglich Bomben fallen, werden wir hier schnell handeln müssen. Die Hilfsorganisation „Heyva Sor“ hat einen Spendenaufruf gemacht, da die Menschen vor Ort verletzt sind und Behandlungskosten immer mehr steigen. Die finanzielle Hilfe ist ebenfalls eine wichtige Unterstützung in dieser Zeit. Ein Aufruf an alle MitarbeiterInnen der Presse ist eine Berichterstattung über die Verbrechen in Rojava, und zudem können alle Menschen sich bei uns als Solidaritätskomitee melden und Formen der Unterstützungen mit uns gemeinsam finden. Aus Deutschland heraus können wir ebenfalls viel verändern.