Die neue Netflix-Serie „Wir sind die Welle“ setzt sich zusammen aus einer typischen Rollenverteilung, einer platten Liebesgeschichte und einem sozialpolitischen Coming-Off-Age-Drama. – Eine Serienkritik von Joleen Haupt

„Wir sind die Welle“ ist eine in Deutschland produzierte Serie, die seit dem 1. November auf Netflix zu sehen ist. Sie handelt von einer Gruppe AbiturientInnen, die, angeleitet durch einen neuen Mitschüler, Aktionen des zivilen Ungehorsams verübt.

Die Aktionen beginnen damit, das Wellen-Logo auf die Schule zu sprühen, sexistische Werbeplakate zu übermalen oder in – Plastikmüll gekleidet – durch den Supermarkt zu laufen, um auf Umweltverschmutzung aufmerksam zu machen. Das Ganze wird stets gefilmt und auf Social Media Plattformen veröffentlicht. Im Verlauf der Serie spitzen sich die Aktionen der Gruppe so weit zu, dass die fünf ProtagonistInnen einen Mob von MitschülerInnen dazu animieren, in einem lokalen Schlachthof zu randalieren.

Produziert wurde die Serie von Dennis Gansel, dem Regisseur des 2008 erschienen Dramas „Die Welle“. Offiziell beruht die Serie auch auf dem Film bzw. dem gleichnamigen Buch, in dem durch einen Versuch aufgezeigt wird, dass sich auch heutzutage noch faschistoide Strukturen in Deutschland etablieren können. Fraglich ist, wo sich der Zusammenhang zu den öko-linken Figuren aus „Wir sind die Welle“ finden lässt – vor allem deshalb, weil die AntagonistInnen der „Welle“ reiche, gewaltbereite MitschülerInnen mit nationalsozialistischer Ideologie sind. Die Darstellung dieser Jung-Nazis vermittelt das Bild, als würde es sich bei UnterstützerInnen rechter Parteien nur um bonzige, unreflektierte Jugendliche handeln (schön wär’s).

Insgesamt wurde darauf geachtet, zwar viel Lärm zu machen und möglichst große Bilder zu schaffen, dabei aber so unkonkret wie möglich die politischen Fragen zu behandeln. Hauptfigur Tristan hat sich von der Antifa in Hamburg abgewandt, da diese im zu sehr im Theorie-Sumpf dümpelten. Er möchte nun lieber kleine Protestaktionen planen, die bloß nicht in einem zu großen Rahmen stattfinden sollen. Gleichzeitig muss er bei jeder Gelegenheit raushängen lassen, wie radikal er ist, indem er z.B. einen FLN-Rebellen (Front de Libération Nationale; Nationale Befreiungsfront) aus dem Algerienkrieg zitiert.

Nur eine platte Liebesgeschichte?

Spätestens ab der 5. Folge fragt man sich dann, ob es sich eigentlich nur um eine platte Liebesgeschichte handelt, eingebettet in ein sozial politisches Coming-Off-Age Drama. Tristan hat Lea mit seiner toughen Art den Kopf verdreht und es brauchte natürlich einen Jungen, der Ihre Weltanschauung in Frage stellt. Ebenso brauchten die hilflosen AußenseiterInnen der Schule erst einen Anführer, damit sie sich gegen ihre MobberInnen wehren können.

Fragwürdig ist auch, dass die zwei leitenden Köpfe der Welle mit Ihrem Hintergrund als Diplomatensohn und Musterschülerin aus der Oberschicht ganz andere Intentionen verfolgen als die restlichen drei der Gruppe. Tristan möchte Rache, Lea ihr schlechtes Gewissen bereinigen. Rahim hingegen möchte gegen die Wohnungsgesellschaft kämpfen, die ihn und seine Familie mit unrechten Methoden rauswirft und Hagen will den Müllkonzern entlarven, der durch Glyphosat-Nutzung die umliegenden kleinen Landwirtschaftsbetriebe ruiniert hat.

Und das sind die Kämpfe, die wir führen sollten – als ArbeiterInnen, MieterInnen, Frauen und MigrantInnen. Dafür brauchen wir keine reichen Vegetarier mit schlechtem Gewissen oder einen „coolen“ Typen, der uns anleitet. Dafür brauchen wir Klassenbewusstsein und Solidarität!