„Das möchte ich mir anschauen“, dachte ich: Die neue Bewegung „Fridays gegen Altersarmut“ hatte am Freitag, den 24. September zu einer Kundgebung in Freiburg aufgerufen. – Ein Erfahrungsbericht von Ashraf Khan.

Uhrzeit und Ort der Veranstaltung hatte ich von einer sehr unangenehmen Quelle: Der Internetseite der Neonazi-Partei „Die Rechte“. Natürlich hatte ich schon die vielen Warnungen aus linken Kreisen gehört: FaschistInnen würden die Bewegung unterwandern, ja in einigen Städten sollten sogar die OrganisatorInnen selbst rechten Parteien wie der AfD oder NPD angehören.

Ich hatte nach meinen eigenen Recherchen auch keinen Grund gesehen daran zu zweifeln, immerhin wenden Rechte solche Taktiken regelmäßig an. Die Facebookgruppe, über die die bundesweite Koordinierung läuft, hat aber ca. 300.000 Mitglieder. Alles Nazis? Wohl kaum. Ich war darauf eingestellt, dass zumindest die OrganisatorInnen aus dem Umfeld des lokalen AfD-Verbandes kommen könnten.

Darum druckte ich schnell noch einige Flyer aus mit der Stellungnahme des Solidaritätsnetzwerks* zu „Fridays gegen Altersarmut“. In extra großer Schrift auf A4, damit auch ältere Leute keine Probleme beim Lesen haben. Der Inhalt im Groben: Der Protest gegen Altersarmut ist gut und notwendig, aber echte Verbesserungen können wir uns nur gemeinsam und solidarisch erkämpfen. Die rechten Hetzer stehen dabei ganz bestimmt nicht auf unserer Seite.

Mit den Flugblättern in der Hand schaute ich mich also erstmal auf dem belebten Platz um: Fridays for Future hielt in der Mitte eine kleine Kundgebung ab und hatte den Boden mit Kreide bemalt. Vor der Universität chillten ein paar alternativ gekleidete Studierende, die sich eine Zigarettenpause von ihrer Hörsaalbesetzung gönnten. Keine Nazis in Sicht. Dann sah ich, ganz am Rande des Platzes, den kleinen Amazon-Stehtisch für 20€ mit einer großen Thermoskanne darauf.

„Rechte wolle man hier nicht“

Genau den gleichen haben wir auch für unser Solidaritätsnetzwerk. Nur eine Handvoll ältere Frauen standen in der Nähe. Um das Gespräch zu suchen, schlenderte ich zum Tisch und wurde bei meinem ersten Kontaktversuch sehr abrupt unterbrochen: Die AfD und sonstige Parteien und vor allem Rechte wolle man hier nicht, ich solle mit meinem Flugblatt wieder gehen, sonst werde die Polizei gerufen.

Etwas verdutzt, aber auch erfreut-verwundert, konnte ich erklären, dass ich keineswegs die Absicht hatte, den Protest mit rechten Parolen zu unterwandern, sondern sich mein Flyer genau dagegen richte. Die Veranstalterin – Manuela, wie sich herausstellte – blieb zunächst skeptisch, redete aber weiter mit mir: Sie habe mehrfach überlegt die ganze Mahnwache abzusagen, wegen der Stigmatisierung. Irgendwelche rechten Seiten hätten einfach zu ihrer Kundgebung aufgerufen, eine Unterstützung, die sie nie gewollt habe.

„Na, weil ich selbst Betroffene bin!“

Sie sei auch Mitglied beim Sozialverband VDK und habe sich dort Hilfe holen wollen, dieser hätte aber abgelehnt. Auf die Frage, warum sie das dann überhaupt mache, entgegnete sie: „Na, weil ich selbst Betroffene bin!“ Und so sah es auch bei den meisten anderen TeilnehmerInnen aus: Rentner und (zum überwiegenden Teil) Rentnerinnen versammelten sich nach und nach um den Stehtisch, bis die Zahl auf ca. 30 TeilnehmerInnen angewachsen war.

Auch junge Leute waren dazwischen: AntifaschistInnen, die nachsehen wollten, ob lokale Neonazis sich unter die Protestierenden gemischt hatten. Eine enttarnte Faschistin verließ die Kundgebung, ein Kamerateam eines rechten YouTube-Kanals, das einen Livestream eingerichtet hatte, wurde auf das Geheiß von Manuela von der Polizei vom Platz verwiesen. Für die Rechten sieht es also schlecht aus mit ihren Unterwanderungsplänen – zumindest in Freiburg.

Nach vielen interessanten Gesprächen konnte ich sehr positiv überrascht nach Hause gehen. In meiner Stadt gibt es jetzt also RentnerInnen, die sich eigenständig organisieren um ihre Interessen zu verteidigen und die Nazis keinen Raum bieten wollen. Ein gutes Zeichen für 2020! Wir dürfen alle gespannt sein, was aus der Bewegung wird, und das nach Möglichkeit nicht nur als passive BeobachterInnen, sondern als solidarische Protestierende: Denn Altersarmut geht uns alle an!

*Das Solidaritätsnetzwerk ist eine Nachbarschaftsorganisation, in dessen Freiburger Ortsgruppe ich aktiv bin. Mehr Infos gibt es auf: www.soli-net.de