Da es für Frauen ein fundamentales Grundrecht sein muss, über ihren Körper selbst zu bestimmen, sind die Fragen nach Verhütung und Schwangerschaftsabbruch zentrale Anliegen vieler Frauenrechtlerinnen. Eine Vertreterin, die den Kampf für den weiblichen Körper weit voran gebracht hat, ist die amerikanische Krankenschwester Margaret Sanger. Dies ist ihre Geschichte. – Eine Serie von Felix Thal.

Um das Überleben einer Familie zu sichern, war es im Mittelalter und in der frühen Neuzeit ein gängiges Mittel, viele Kinder in die Welt zu setzen. Doch fehlende Verhütungsmittel oder die legale Möglichkeit, Schwangerschaftsabbrüche durchführen zu lassen, erschwerten die Familienplanung. Daher waren viele Frauen der ArbeiterInnenklasse oder ökonomisch schlechter gestellter Gruppen einen Großteil ihres Lebens schwanger. Bei Geburten oder illegalen Abtreibungen kam es sehr häufig zu lebensgefährlichen Verletzungen oder gar zu Todesfällen.

Margaret Sanger (1879-1966) wurde in eine kinderreiche Familie hinein geboren. Ihre Mutter, die früh verstarb, durchlief insgesamt achtzehn Schwangerschaften, von denen elf Kinder lebend zur Welt kamen. Diese familiäre Erfahrung und ihre Arbeit als Krankenschwester in New York prägten Sanger nachhaltig. Sie arbeitete in den ArbeiterInnenvierteln der amerikanischen Großstadt und kam schnell in Kontakt mit Frauen, die ein ähnliches Schicksal durchliefen wie ihre Mutter.

Douchebag

Sanger begann die Frauen in ihrem Krankenhaus über verschiedene Verhütungsmöglichkeiten aufzuklären und stellte zum Beispiel eine Vaginaldusche vor. Der „Douchebag“ (heute im Englischen eine Beleidigung, was tief blicken lässt) ist eine kleine Pumpe, die das Sperma aus der Vagina spülen sollte, was selbstredend keine wirksame Verhütungsmethode darstellt. Doch der Bedarf nach Möglichkeiten, eine Schwangerschaft zu verhindern, war groß, da es in Schulen keinen Sexualunterricht gab und Ärzte sich über dieses Thema ausschwiegen.

Da der Diskurs über Verhütung in der Gesellschaft verpönt und als unmoralisch galt, begann Sanger 1914 ihren eigenen Rundbrief The Woman Rebel zu veröffentlichen. Darin schrieb sie über Sexualität und Verhütung, was die konservativen Teile der Gesellschaft entsetzte. Andere Teile ihrer Leserschaft waren begeistert von ihren Streitschriften und empfanden es als einen befreienden Moment, über diese Themen lesen zu können.

Da The Woman Rebel so viel Aufmerksamkeit erregte und Sanger wegen „Verbreitung obszönen Materials“ angeklagt wurde, floh sie im August 1914 über Kanada nach Europa. Durch ihre Flucht konnte sie einer langjährigen Haftstrafe entgehen.

Diaphragma

In den Niederlanden war der Umgang mit Verhütung liberaler und Margaret Sanger lernte in einer Frauenklinik das Diaphragma kennen. Diese kleine Kunststoffkappe liegt vor dem Muttermund und stellt eine Barriere dar, so dass die Spermien nicht zur Gebärmutter gelangen können.

Sanger war von dieser Erfindung so sehr begeistert, dass sie sich dafür entschied, das Diaphragma heimlich in die USA zu importieren. Vorher konnte durch öffentlichen Druck auf die Behörden erreicht werden, dass der Haftbefehl auf Sanger fallen gelassen wurde und sie in die Vereinigten Staaten zurückkehren konnte.

1916 gründete sie mit ihrer Schwester Ethel die erste Frauenklinik der USA, mit dem Schwerpunkt Familienplanung und Geburtenkontrolle. Nach gerade einmal zehn Tagen wurden beide Frauen festgenommen. Sie mussten eine dreißigtägige Gefängnisstrafe absitzen, und Ethel trat in einen Hungerstreik. Sie war die erste Frau der USA, die zwangsernährt wurde. Beide Frauen hatten bis zu dem Zeitpunkt ihrer Verhaftung bereits 488 Frauen mit einem Diaphragma versorgt.

Erlaubnis zur Verhütung erkämpft

Die Solidarität, die die beiden Frauen erfuhren, führte dazu, dass die Behörden 1918 Ärzten die Erlaubnis erteilten, Verhütungsmittel zu verschreiben. 1922 reiste Sanger bis nach Indien und Japan, um Kampagnen zur Familienplanung zu leiten und ihre Aufklärungsarbeit weiter zu verbreiten.

Auf ihrer Suche nach einer wirksamen und schonenden Methode Schwangerschaften zu verhindern, arbeitete sie mit dem Forscher und Biologen Gregory Pincus zusammen. Sanger unterstützte Pincus finanziell in seiner Entwicklung eines Hormonpräparats, welches am 23. Juni 1960 in den USA zugelassen wurde. Der Beginn der heute bekannten Antibabypille.

Im September 1966 verstarb Margaret Sanger im Alter von 86 Jahren in Arizona. Sieben Jahre nach ihrem Tod, 1973, wurde allen Frauen in den USA das Recht zugesprochen, selbst über einen Schwangerschaftsabbruch zu entscheiden.

Im achten und letzten Teil der Serie „Frauen der Weltgeschichte“ wird es um die pakistanische Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai gehen.

*Die Geschichte schreiben in der Regel Männer über Männer. Als angehender Historiker habe ich die Aufgabe, das zu ändern: Bis zum Frauenkampftag am 8. März möchte ich meinen wöchentlichen Beitrag auf Perspektive Online dazu nutzen. Die geschilderten Frauen sind durch ihr Lebenswerk in die Geschichte eingegangen, werden im historischen Gedächtnis aber gern vergessen, verschwiegen oder ihre Taten klein geredet. Über die Befreiung von Menschen aus der Sklaverei durch Harriet Tubman, zum Kampf für das Frauenwahlrecht in England durch die Feministinnen Millicent Fawcett und Emmeline Pankhurst bis hin zu den Sozialistinnen Clara Zetkin und Rosa Luxemburg – diese kleine Serie möchte Frauen vorstellen, die sich zu Lebzeiten für eine gerechtere und solidarischere Gesellschaft eingesetzt haben.

Felix Thal
Schreibt für die Belange vom Geflüchteten und gegen die AfD. Solidarität stellt sich nicht von selbst her, sie muss organisiert werden.