Aktuell wird in den Bereichen von Studium und Lehre viel diskutiert. Der Betrieb an den Universitäten kann in diesem Semester nicht wie gewohnt stattfinden. Um die ArbeiterInnen und Studierenden an den Universitäten zu entlasten, brachten drei Professorinnen den Vorschlag für ein „Nicht-Semester“ auf den Weg. Wir wollen klären, was das bedeutet, ob es umsetzbar und sinnvoll ist. – Ein Überblick von Tabea Karlo

Am 18.03. erwähnte der Vizepräsident des Heinrich-Koch-Instituts, Prof. Dr. Urlich Radtle, in einem Interview mit dem Deutschlandfunk erstmals das so genannte „Nicht-Semester“. Daraufhin machten es sich drei Professorinnen verschiedener Universitäten, Frau Prof. Dr. Paula-Irene Villa Braslavsky, Frau Prof. Dr. Andrea Geier und Frau Prof. Dr. Ruth Mayer, zur Aufgabe, diese Idee genauer auszuformulieren. Dafür verfassten sie einen öffentlichen Brief, der mittlerweile von mehr als 1.400 Menschen unterzeichnet wurde. In diesem Brief fordern sie, das kommende Semester nicht wie gewohnt zu zählen, es eben zu einem „Nicht-Semester“ zu erklären.

Was bedeutet „Nicht-Semester“?

Das heißt für die InitiatorInnen, den Universitätsbetrieb und die Lehre schnellstmöglich wieder ans Laufen zu bringen, auch mit digitalen Hilfsmitteln. Jedoch zeitgleich dafür zu sorgen, dass denjenigen StudentInnen und MitarbeiterInnen der Unis, die diese Angebote nicht wahrnehmen können, daraus keine Nachteile entstehen. Das würde konkret bedeuten, die Regelstudienzeit der jetzigen Studierenden und die befristeten Verträge der MitarbeiterInnen um ein Semester zu verlängern und Lehraufträge nicht zu kündigen.

Gute Gründe zu Verlängerung?

Um diese Forderungen zu begründen, haben die Professorinnen einige Argumente vorgelegt. Einige davon haben einen technischen Hintergrund. Die Server der Universitäten seien nicht auf das Hochladen so vieler Informationen ausgelegt und würden schnell zusammenbrechen. Das kann man so ähnlich schon bei den Online-Plattformen für Schulen in Bayern beobachten. Außerdem seien Internetzugang, Laptopverleih durch Rechenzentren, Bibliotheksnutzung und anderer Service der Uni nicht mehr möglich. Das würde das Lernen generell, aber insbesondere das digitale Lernen für Studierende, die weniger Geld zu Verfügung haben, erschweren. Abgesehen davon seien weder die Beschäftigten an den Universitäten, noch ihre StudentInnen an das sogenannte „E-Learning“ gewöhnt.

Den Professorinnen geht es allerdings nicht nur um technik-bezogene Belange. Sie führen an, dass viele Menschen, die sonst Teil des Universitätsbetriebs sind, sich nun vermehrt mit Kinderbetreuung oder Pflege auseinander setzen müssen. Und dass viele Studierende Jobs verloren haben, die zur Finanzierung ihres Studiums nötig seien. Daher seit es unbedingt notwendig, das BAföG um ein Semester zu verlängern. Des weiteren könne das „Nicht-Semester“ genutzt werden, um noch offene Prüfungen aus dem Wintersemester abzuschließen.

Ist ein „Nicht-Semester“ sinnvoll?

Ein „Nicht-Semester“ nach Vorstellung der Professorinnen scheint erst einmal sinnvoll: Es nähme viel (Leistungs-)druck von Studierenden, Lehrenden und MitarbeiterInnen der Universitäten. Und ginge erste Schritte, ihnen bei der finanziellen Absicherung in Corona-Zeiten zur Seite zu stehen.

Mit der Umsetzung des „Nicht-Semesters“ dieser Art wird es allerdings Probleme geben. Die Professorinnen betrachten die Universität größtenteils als einen Ort des Lernens und nehmen den Zusammenhang mit der Wirtschaft nur dort wahr, wo es um die Finanzierung der MitarbeiterInnen und Studierenden geht. Wer die Gehälter an den Universitäten finanziert, bleibt unerwähnt.

Sogenannte „staatliche Universitäten“ werden in Deutschland, auch wenn es der Name anders vermuten lässt, nicht allein vom Staat finanziert. Sie sind zu einem gravierenden Teil abhängig von Drittmitteln. Das bedeutet, dass sie nicht nur durch den Staat, sondern zum großen Teil auch von Anderen, sogenannten Dritten, finanziert werden. Das sind dann beispielsweise große Unternehmen, die den Universitäten bezahlte Forschungsaufträge zukommen lassen. Bleibt die Forschung jedoch aus, bleibt auch die Finanzierung durch die Konzerne aus.

Daraus soll jetzt nicht geschlossen werden, dass man kein „Nicht-Semester“ fordern solle. Ganz im Gegenteil, ich will damit darauf aufmerksam machen, dass es zur tatsächlichen Umsetzung eben noch klarer formulierter Forderungen bedarf. Es müsste mindestens festgehalten werden, dass die Aufträge nicht gekündigt werden und den Forschenden ein halbes, und  je nach Lage ein ganzes Jahr mehr Zeit gegeben wird.

Der Brief legt noch ein weiteres Problem offen, das es so nicht erst seit dem Corona-Ausbruch gibt: die Finanzierung des Studiums. Die ProfessorInnen fordern eine Verlängerung des BAFöG. Das wäre der erste Schritt. Sie sprechen aber auch an, dass viele Studierende ihr Studium durch einen Nebenjob finanzieren müssen. Viele dieser Jobs beispielsweise in der Gastronomie fallen gerade weg. Für diese Studierenden bietet allein die Verlängerung des BAFöGs noch keine Lösung, sie brauchen jetzt Geld, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren.

Die Verlängerung um ein Semester bedeutet auch, dass die Studierenden erst später voll arbeiten gehen können. Für viele ist das nicht so einfach, sie benötigen möglichst früh ein richtiges Einkommen. Erschwerend hinzu kommt, dass ein „Nicht-Semester“ für viele StudentInnen nicht nur ein Semester bedeutet. Viele Universitäten bieten bestimmte Kurse nur jährlich an. Dadurch verlängert sich für viele die Studienzeit nicht nur um ein, sondern um zwei Semester. Auch in diesem müssen sie weiter finanziert werden.

Zur Lösung dieser Probleme wäre es ein erster Schritt, flächendeckend ein eltern-unabhängiges BAFöG einzuführen, das auch über die Regelstudienzeit hinaus gewährleistet würde. Gleichzeitig müsste der Betrag an die tatsächlichen Lebensbedingungen der Studierenden angepasst und Rücksicht auf Sonderanschaffungen wie Laptops, Bücher etc. genommen werden. Die Möglichkeit, eine Universität zu besuchen, hängt auch heute noch immer damit zusammen, welchen finanziellen Hintergrund man hat – und das merkt man besonders in Zeiten der Krise.

Der Vorschlag eines „Nicht-Semesters“ ist gut und unterstützenswert, so lange er nicht dafür sorgt, dass die finanziell Schwachen auf der Strecke bleiben.