Rosa arbeitet in einer Filiale eines großen Lebensmitteleinzelhandelskonzerns und hat mit Perspektive über ihre Arbeitsbedingungen gesprochen und darüber, wie sie sich durch die aktuellen Maßnahmen gegen das Corona-Virus und die Wirtschaftskrise verändern.

Wie haben das Coronavirus, die Maßnahmen der Politik und die Wirtschaftskrise deinen Arbeitsalltag verändert?

Als vor zwei Wochen die ersten Hamsterkäufe begannen, haben wir nicht schlecht geguckt. Wir wurden ziemlich davon überrascht, als auf einmal Mehl, Nudeln, Konserven und Toilettenpapier leer gekauft waren. Unsere Filiale ist sowieso hoch frequentiert und wir haben auch zu normalen Zeiten Mühe, genügend Ware nachzupacken. Am Personal wird ja auch immer gespart. Danach wurde so viel Ware bestellt, dass wir das erst recht kaum bewältigen konnten.

Seit letzter Woche ist nun spürbar weniger Ware gekommen, viele Lebensmittel sind nicht mehr lieferbar. Trotzdem müssen wir versuchen, die Regale irgendwie voll zu kriegen. Was beinahe unmöglich ist, besonders bei den schon erwähnten Lebensmitteln. Zum Teil gehen die KundInnen an unsere Paletten oder nehmen uns die Ware direkt aus der Hand. Die Fragen, wann denn endlich Ware komme, häufen sich und an den Kassen wird sich darüber beschwert, dass es dieses oder jenes Produkt nicht mehr gibt. Die Schlangen an den Kassen sind auch angewachsen, da ja alle ihre Körbe bis oben hin füllen. Das führt zu schlechter Laune bei den KundInnen, die bei uns KollegInnen abgeladen wird. Natürlich gibt es auch einige, die Verständnis und Dankbarkeit für unsere Arbeit zeigen.

Seit Dienstag haben wir jetzt verkürzte Öffnungszeiten, nicht mehr von 7-24 Uhr, sondern nur noch bis 20 Uhr. Danach können wir dann bis 24 Uhr weiter Ware packen. Ob wir jetzt auch wie angekündigt sonntags öffnen, weiß ich noch nicht. Von der Wirtschaftskrise bekommen wir nur durch die Medien mit, bei uns boomt ja noch das Geschäft.

„Hamsterkäufe“ sind ein großes Thema – wie schätzt du die Stimmung unter den KundInnen ein?

Eigentlich habe ich es schon erwähnt, die ersten Hamsterkäufe haben eine regelrechte Welle ausgelöst. Zwar höre ich von den meisten KundInnen, dass sie das alles für verrückt halten, jedoch beeinflusst das trotzdem ihr Kaufverhalten. Die leeren Regale lösen eben Angst bei den Leuten aus, selbst nichts mehr abzubekommen. Dann kauft man doch ein, zwei mehr Packungen, als man normalerweise nehmen würde. Die Stimmung ist sehr unterschiedlich, viele staunen oder sind belustigt, manche auch empört oder wütend. Die Angst, von der ich sprach, äußert kaum einer.

Haben die „Hamsterkäufe“ denn ihre Berechtigung? Glaubst du, es kann zu Versorgungsschwierigkeiten kommen?

Ich sehe täglich Leute, die sich 20 Packungen von ein und demselben Produkt in den Wagen legen, die zig Liter Wasser kaufen usw. Das ist vollkommen unnötig. Klar, wenn man jetzt unter Quarantäne gestellt wird, ist es gut, wenn man bspw. eine Packung Reis, Brot, ein bisschen Gemüse zu Hause hat. Aber die Supermärkte schließen nicht, sprich, man braucht sich nicht für drei Monate einzudecken. Wenn man selbst nicht das Haus verlassen darf, dann kann immer noch jemand anderes einkaufen gehen und die Lebensmittel vorbei bringen. Man darf jetzt auch nicht nur an sich denken, denn die Hamsterkäufe führen ja auch dazu, dass manche Menschen leer ausgehen. Das kann nicht sein. Leider wird uns verboten, Limitierungen einzuführen. Das würde dem Ganzen etwas entgegensetzen.

Versorgungsschwierigkeiten würde ja bedeuten, dass es nicht genügen Lebensmittel mehr geben würde. Das ist nicht der Fall. Es gibt definitiv Lieferengpässe, das ganze funktioniert ja mit Just-In-Time-Produktion und -Lieferung. Das heißt, wenn plötzlich die Nachfrage in die Höhe schnellt, kommt die Logistik nicht hinterher und irgendwann auch die Produktion nicht mehr.

Wir bekommen aber im Moment trotzdem jeden Tag frische Ware – nur eben nicht alles. Als KundIn muss man in diesen Zeiten kreativ werden und auch mal Dinge kaufen, die man sonst vielleicht nicht nehmen würde. Klar, das ist besonders für ärmere Menschen schwierig, weil sie nicht auf teure Produkte ausweichen können. Oder man versucht es am nächsten Tag zu einer anderen Uhrzeit nochmal.

Gleichzeitig wäre es die Verantwortung der Konzerne, Hamsterkäufe zu unterbinden, damit alle was abbekommen und nicht nur die wenigen, die horten. Ich lese gerade überall – sei es bei Lidl, Kaufland oder Edeka -, dass die Versorgung weiterhin gewährleistet sei. Dann müssten sie der Verantwortung aber auch nachkommen und gewisse Lebensmittel limitieren.

Die Regierung betont immer wieder, dass trotz aller Einschnitte, die Supermärkte offen bleiben sollen – ist dein Job sicher?

Welcher Job ist schon sicher? Aber ja, im Moment sind sie auf jede Hand angewiesen. Zum Teil suchen sie gerade sogar nach Personal. Jedoch wissen wir, dass dieser Zustand nicht ewig anhalten wird. Irgendwann sind die Vorräte aufgefüllt und die Nachfrage bricht wieder ein. Besonders LeiharbeiterInnen, MinijobberInnen und andere Aushilfen müssen dann um ihre Jobs fürchten – und das sind nicht wenige.

Auch wenn die Öffnungszeiten weiter eingeschränkt werden, könnte das bedeuten, dass Minijobber nicht mehr eingeteilt werden und damit dann auch kein Gehalt mehr bekommen. Bisher sieht es nicht so aus, als ob ich meinen Job in den nächsten Wochen verliere. Mir ist aber bewusst, dass sich das sehr schnell ändern kann. Ich habe auch Angst davor, für mich ist dieser Job die einzige Einnahmequelle, und da ich gleichzeitig auch noch studiere, habe ich kein Anrecht auf Hartz IV.

Haben sich deine Arbeitsbedingungen in den letzten Wochen verändert?

Unsere Arbeitsbedingungen sind auch sonst nicht die besten, unser Lohn ist niedrig, die Aushilfen bekommen nicht mal die gesetzlich vorgeschriebenen Nacht- und Sonntagszuschläge. Druck und Stress gehören zum Arbeitsalltag und auch die körperliche Belastung. Wir müssen teils schwer heben, ständig auf die Knie gehen und können dabei kaum auf die richtige Körperhaltung achten.

In den letzten Wochen ist die Arbeitsintensität enorm gestiegen, also: wie viel Ware wir in einer bestimmten Zeit verräumen müssen, oder für die KollegInnen an der Kasse, wie viele KundInnen sie in einer bestimmten Zeit abkassieren müssen. Hinzu kommt, dass wir einem besonders hohem Risiko ausgesetzt sind, uns mit dem Coronavirus zu infizieren. Wir haben täglich mit mehreren hundert KundInnen Kontakt. Die KollegInnen an der Kasse noch viel direkter.

Das einzige was von oben kam, waren Desinfektionstücher für unsere KassiererInnen und Aushänge, die aufs Händewaschen usw. hinweisen, und dass man von allen Personen zwei Meter Abstand halten solle. Das ist ein schlechter Witz, das geht weder für uns KollegInnen auf der Ladenfläche und erst recht nicht an der Kasse.

Welche Forderungen müssten im Interesse der ArbeiterInnen im Einzelhandel erfüllt werden?

In allererster Linie müssen natürlich unsere Jobs gesichert werden. Das heißt, dass für alle, die durch fehlende Kinderbetreuung gerade ausfallen, bezahlter Sonderurlaub erteilt werden sollte. Gleiches müsste gelten, falls unsere Filiale geschlossen werden sollte.

Die geänderten Öffnungszeiten sollten beibehalten werden, aber ohne Sonntagsöffnung. Außerdem sollten wir eine Gefahrenzulage erhalten, da wir uns tagtäglich dem Risiko einer Infektion aussetzen. Auch sollten Schutzmaßnahmen ergriffen werden, wie ausreichend Desinfektionsmittel oder auch die Begrenzung der KundInnenzahl im Laden. Für die KollegInnen, die wegen Einschränkungen im ÖPNV, Probleme haben, zur Arbeit zu kommen, sollte es die Übernahme der Fahrtkosten geben.

Wie schätzt du die Stimmung unter deinen KollegInnen ein? Siehst du Potential für Widerstand?

Das ist eine schwierige Frage. Es ist insgesamt oft so, dass sich zwar über Probleme und schlechte Bedingungen beschwert wird. Aber dass das zu gemeinsamem Widerstand führt, das passiert dann doch nicht. Klar, das ist jetzt eine ganz neue Situation, und falls es dann um Existenzen geht, könnte das natürlich einiges in Gang setzen. Ich werde mich jedenfalls weiter mit meinen KollegInnen zusammentun, damit wir uns im Falle einer weiteren Verschlechterung unserer Situation gemeinsam dagegen wehren können.

Alle unsere LeserInnen kaufen natürlich auch selbst in Supermärkten ein, was willst du ihnen sagen?

Denkt bitte daran: wir sind nicht verantwortlich für die Situation und auch nicht für die leeren Regale. Im Gegenteil, wir geben gerade unser Bestes, damit die Leute weiterhin mit Lebensmitteln versorgt sind. Ein bisschen Respekt und Dankbarkeit hilft uns mehr als Beschwerden.

Das gilt natürlich auch unter euch als KundInnen, bleibt freundlich, streitet euch nicht um Produkte. Wenn eure gewohnten Produkte ausverkauft sind, probiert mal was Neues! Seid solidarisch, denkt an eure Mitmenschen. Also: hortet keine Lebensmittel, denn das bedeutet, dass andere Menschen leer ausgehen.

Wie auch die ArbeiterInnen in der Produktion und in der Logistik, werden wir weiterhin jeden Tag die Versorgung mit Lebensmitteln sichern. Die Konzerne lassen gerade verlautbaren, dass sie das tun, aber im Moment merkt man doch ganz eindeutig, dass es die einfachen ArbeiterInnen sind, die das tun.

Unserer aller Solidarität ist gefragt. Falls ihr gefährdet seid, wenn ihr älter oder schwanger seid, wenn ihr eine Immunkrankheit habt, geht nicht selbst einkaufen, bittet eure Angehörigen, FreundInnen oder NachbarInnen um Hilfe. Wir können in unseren Läden nicht für ausreichend Schutz sorgen. Gleiches gilt natürlich, wenn ihr Kontakt zu infizierten Personen hattet, aus einem Risikogebiet eingereist seid oder euch selbst krank fühlt. Es entwickeln sich gerade tolle Nachbarschaftsinitiativen, die euch unterstützen können. Wenn ihr gesund und nicht gefährdet seid, beteiligt euch an solchen Initiativen!