Am 1. März verstarb der 95-jährige Priester, Dichter und Politiker Ernesto Cardenal. Welche postume Relevanz hat sein Leben für die internationale Linke? – Ein Kommentar von ‚Kein Paradies‘ aus Leipzig

„Ich bekenne mich als Kommunist und als Christ, doch eigentlich waren die ersten Christen die ersten Kommunisten.“ (Cardenal, 2010)

Dies war einer der ersten Sätze, mit dem Ernesto Cardenal seine Rede auf dem Bundeskongress der Partei ‚Die Linke‘ in Rostock 2010 eröffnete. Der nicaraguanische Befreiungstheologe eckte jedoch nicht erst mit dieser Rede in der katholischen Kirche an, denn sein revolutionärer Charakter hat Geschichte.

El camino

Ernesto Cardenal wird am 20. Januar 1925 als Kind einer wohlhabenden Familie Nicaraguas in Granada geboren.

1947 schließt Cardenal sein vierjähriges Magisterstudium für Literatur, Philosophie und Theologie in Mexico ab. Darauf folgend beginnt er 1948 ein zweijähriges Studium englischer und nordamerikanischer Literatur in Kolumbien, nach dessen Abschluss er sich jedoch 1957 nach Kentucky, USA, in das Trappistenkloster Gethsemani zurückzieht. Nach dem Klosteraufenthalt absolviert Cardenal 1961 bis 1965 ein Theologiestudium in Kolumbien und empfängt noch im Jahr seines Abschlusses die Weihe zum katholischen Priester.

Ebenfalls Mitte der sechziger Jahre gründet Ernesto Cardenal eine urchristliche Kommune auf den Solentiname-Inseln im Großen See von Nicaragua. Zusammen mit den dort lebenden Bauern besetzt er kurze Zeit später eine Kaserne der Nationalgarde und flüchtet anschließend ins Exil nach Costa Rica. Cardinal schließt sich dort der sandinistischen Befreiungsfront (FSLN) an, einer Guerilla, die den Sturz des Diktators von Nicaragua, Somoza, plant.

Ein online verfügbares Video zeigt Priester Ernesto, wie er mit den bewaffneten Guerilleros das Abendmahl feiert und zuvor folgende Predigt hält:

„Was ihr für einen Menschen tatet, wie gering er auch war, ihr tatet es auch für mich. Auf jene wartet die ewige Strafe, die Gerechten aber gehen ins ewige Leben. Mit Christus begann das revolutionäre Denken, das später verwissenschaftlicht wurde. Aber Christi Sprache war nicht wissenschaftlich, sondern einfach und verständlich für das Volk. Christus sagt an einer Stelle, das Gericht habe bereits begonnen. Wo es eine Revolution gibt, hat das Gericht begonnen. All diese Waffen hier sind Waffen für Christus, der arm war. Um dem Kleidung, Bildung und Essen zu geben, der nichts hat. Um dem alles zu geben, der nichts hat.“

Kirchliche Repression

Für Cardenal war der christliche Glaube untrennbar vom Kampf gegen Armut, auch wenn dieser Waffengewalt gegen die Ausbeutungsstrukturen verlangte. Diese Einstellung geriet jedoch in heftige Kritik der katholischen Kirche, einer Kirche, deren Klerus der herrschenden Klasse angehört.

Nach dem Sieg der FSLN über die Somoza-Diktatur 1979 übernahm Cardenal bis 1987 das Amt des Kulturministers in der Regierung unter Daniel Ortega und wurde 1985 dafür durch Papst Johannes Paul II vom Priesteramt suspendiert. Erst im Februar letzten Jahres hob Papst Franziskus die Sanktionen gegen Ernesto Cardenal auf.

Das Erbe des Cardenals

1990 brach Cardenal nach der Wahlniederlage der Partei mit der FSLN-Herrschaft und übte bis zu seinem Tod am 1. März 2020 im Alter von 95 Jahren scharfe Kritik an der neuen Diktatur Ortegas sowie der bürgerlichen Kirche, da Ortega die Revolution und die Kirche das Evangelium verraten habe.

Am 4. März wurde Ernesto Cardenal in Managua, der Hauptstaat Nicaraguas beerdigt, wo er drei Tage zuvor im Krankenhaus einen Herzstillstand erlitt. Der Trauergottesdienst wurde von Unterstützern der sandinistischen Regierung gestört, wobei politische Gegner der Diktatur sowie Journalistinnen und Journalisten sogar physisch attackiert wurden.

Ernesto Cardenal ist für uns von ‚Kein Paradies‘ ein kämpferisches Vorbild. Er vereinte den scheinbaren Widerspruch von Marxismus und Religion in seiner Theologie der Befreiung. Cardenal offenbarte uns durch seinen Blick auf die Bibel den Ursprung des kommunistischen Gedankens im Christentum, welcher unser politisches Handeln maßgeblich bestimmt. Zudem ließ Ernesto Cardenal trotz all der Kritik und dem Hass, der ihn vom katholischen Klerus traf, nie von der Kirche selbst ab und hegte stets die Hoffnung, die bürgerliche Kirche zu revolutionieren – der Traum einer Revolution der Kirche, die nicht nur für die katholischen Christen, sondern auch für die internationale Linke enormen Wert hätte. Wie sähe unsere Welt aus, wenn eine Weltreligion mit über zwei Milliarden Mitgliedern zurück zu ihren kommunistischen Wurzeln fände und sich mit den Genossinnen und Genossen der nicht-konfessionellen Linken verbünden würden? Es stünde schlecht um das Kapital.

Cardenal war auch schon vor seinem Tod ein Symbolbild für alle linken Christen, weit über die Landesgrenzen Nicaraguas hinweg. Ebenso weit wird das politische Echo seiner Taten und Werke über sein irdisches Leben hinaus schallen. Wir behalten Bruder Ernesto in Erinnerung und führen seinen begonnenen Kampf fort: Für eine Kirche der Armen! Für den Kommunismus!


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