Am Montag aktualisierte das Robert-Koch-Institut (RKI) die Empfehlungen für Pflegekräfte, die ungeschützten Kontakt zu Infizierten hatten. Demnach könne die Quarantänezeit halbiert werden und bei dringendem Bedarf und Symptomfreiheit solle weitergearbeitet werden. – Das gefährdet PatientInnen und PflegerInnen.

Dabei handelt es sich um Handlungsoptionen für „Ausnahmesituationen mit relevantem Personalmangel“ im Umgang mit Pflegenden, die Kontakt zu Infizierten hatten.

Das Institut unterscheidet dabei zwischen zwei Situationen, in die Pflegekräfte geraten können:

„1. Vorgehen bei hohem Expositionsrisiko [Risiko sich anzustecken]

  • Die häusliche Quarantäne kann statt der bisherigen 14 Tage auf 7 Tage reduziert werden.
  • Zeigt die Kontaktperson anschließend keine Symptome, kann sie mit Mund-Nasen-Schutz arbeiten.
  • In Ausnahmefällen können Pflegekräfte weiterarbeiten und sollen wenn möglich ausschließlich COVID-19-Patientinnen und -Patienten versorgen.
  • Treten Symptome auf, muss sofort auf SARS-CoV-2 getestet werden.

2. Vorgehen bei begrenztem Expositionsrisiko [Risiko sich anzustecken]

  • Pflegende können bei Symptomfreiheit mit Mund-Nasen-Schutz weiterarbeiten.
  • Nach Möglichkeit sollte aber der Einsatz dieser Personen in der Versorgung vulnerabler Patientengruppen vermieden werden.“

„So wird man doch Keime von Corona-Patienten auf Nicht-Corona-Patienten verschleppen.“

Die am Montag aktualisierten Empfehlungen des RKI sollen die „Balance zwischen Praktikabilität und Patientenschutz“ wahren. Stattdessen würden sie jedoch gegen jegliche Hygienevorschriften verstoßen und deshalb PatientInnen und PflegerInnen gefährden, kritisiert ein Pfleger gegenüber dem SWR.

Der Schutz von Pflegenden, die selbst einer Risikogruppe angehören, solle – nach der Empfehlung des RKI – durch deren Einsatz in Bereichen mit geringerem Infektionsrisiko gewährleistet werden. In der Praxis sei das nicht umsetzbar, denn „in der Intensivpflege gibt es kein solches geringes Risiko“, so Carsten Hermes, der Sprecher der Sektion Pflege in der „Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin“ (DGIIN).

Des Weiteren befürchtet er, dass die Kliniken die Empfehlungen sehr großzügig auslegen werden, anstatt jetzt PflegerInnen für die noch bevorstehende große Infektionswelle zu schonen. In der Folge seien Jobflucht und vermehrte Ausfälle zu erwarten, warnt Hermes.

„Wie ein Schlag ins Gesicht“

In den Nachbarländern gibt es keine derartigen Regelungen, die Pflegekräfte in diesem Maße zusätzlich belasten und gefährden. Auch die Personaluntergrenze, die in Deutschland seit dem 1. März für sechs Monate komplett außer Kraft gesetzt ist, wird selbst in Italien nicht aufgeweicht. In einer Facebook-Gruppe schreibt eine Pflegerin aus Berlin: „Wenn man sich anschaut, wie die anderen Länder ihr Personal schützen, erscheint dies wie ein Schlag ins Gesicht.“

Die „HeldInnen des Alltags“ fordern bessere Arbeitsbedingungen

Im Internet richten sich einige PflegerInnen direkt an die Öffentlichkeit und berichten von zwölfstündigen Schichten ohne Pausen, fehlender Schutzausrüstung und ausgelasteten Intensivstationen. Einige posten Fotos ihrer erschöpften Gesichter, in denen die Schutzbrillen tiefe Abdrücke hinterlassen.

Sie äußern Frust und Wut über die Erwartungshaltung der PolitikerInnen, die ihre jahrelangen Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen nicht erfüllten und sie jetzt als „HeldInnen“ der Krise bezeichnen. Um sich zu organisieren und auszutauschen gründen sie Facebook-Gruppen, starten Petitionen und appellieren direkt an die Bevölkerung und Politik, sich für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen.


Wir schreiben für Perspektive – ehrenamtlich und aus Überzeugung. Wir schalten keine Werbung und nehmen kein Geld von Staat oder Konzernen an. Hilf' uns dabei, unseren unabhängigen Journalismus zu erweitern: mit einer einmaligen Spende, einem regelmäßigen Beitrag bei Paypal, Steady oder am besten als Mitglied in unserem Förderverein.