Der Lieblingssport der Deutschen ist im Ruhestand. Kein anderer Sport findet so viel mediale Aufmerksamkeit in diesen Breiten wie der Fußball. Doch zu Corona-Zeiten rollt der Ball einfach nicht. Kann das Runde bald wieder ins Eckige oder müssen die ZuschauerInnen noch weiter warten?

Zum Ausgangspunkt der Corona-Pandemie in Europa wurde unter anderem das Champions League-Spiel Atalanta Bergamo gegen Valencia CF. 40.000 Zuschauer erlebten das Spiel damals live im Stadion. Bergamo war zu diesem Zeitpunkt krasser Außenseiter, gewann das Spiel und kam in die nächste Runde. Alle Menschen der Region fieberten so anteilnehmend mit, dass sie sich vor Freude umarmten und liebkosten. Zwei Tage später sollte in Europa nichts mehr so sein, wie es vorher war, denn der Corona-Virus breitete sich aus.

Der deutsche Fußball erlebte mit dem 11. März seine letzte Bundesliga-Partie. Danach waren die Vereine teilweise in Ohnmacht. Die Spieler, die mehrere tausend Euro im Monat verdienen, verzichteten auf ihr Gehalt. Für alle anderen MitarbeiterInnen wurde Kurzarbeit angemeldet, während ganze Vorstände von ihren Gehaltszahlungen absahen.

Denn was passiert, wenn kein Fußball gespielt wird? Es wird kein Geld eingenommen. Die wöchentlichen Einnahmen aus den Heimspielen (TV-Gelder, Bratwurst- und Bierstände, die Eintrittskarten, etc.) fehlen in den Kassen, und die Vereine nehmen kein Blatt vor den Mund: Werder Bremens Clubchef, Klaus Fibry, bezifferte den Verlust des Vereins auf bis zu 45 Millionen Euro.

Freie Lizenzen für kommende Saison

Dass angesichts dieser Summen die Vereine darauf bedacht sind, den Spielbetrieb wieder aufzunehmen, dürfte kein Geheimnis sein. So beschlossen alle Vereine zusammen mit der Deutschen Fußballliga (DFL), dass es zur Wiederaufnahme des Spielbetriebs kommen soll. Wie Perspektive schon berichtete, soll das zum 9. Mai anvisiert werden.

Der Geschäftsführer der Borussia Dortmund Aktiengesellschaft, Hans-Joachim Watzke, nannte im Interview mit dem Spiegel dieses Vorgehen ein „Qualitätszeugnis für die Deutschen“. Die selbstauferlegte Maßnahme zur Wiederaufnahme sei, dass alle Spiele ohne ZuschauerInnen stattfinden sollen, sogenannte „Geisterspiele“.

Währenddessen wurde allen Vereinen – ohne Auflage – die Lizenz für den Spielbetrieb in der kommenden Saison 2020/2021 erteilt. Ein Novum in der deutschen Fußballgeschichte, denn viele kleine Vereine hadern jedes Jahr mit der Lizenzvergabe. Im schlimmsten Fall droht den Vereinen die Insolvenz oder die Aufnahme des Spielbetriebs in viel tieferen Ligen.

Zwischen Grätschen und Jubel

Geisterspiele sind ein beliebtes Sanktionsmittel der Verbände gegen Vereine, deren Fans sich auffällig verhalten haben. Doch nun droht die gesamte Fußballwelt vom gruseligen Spektakel „Geisterspiele“ heimgesucht zu werden. Die Vereine wappnen sich und versuchen, kreativ an die Sache heranzugehen: Zaunfahnen werden erlaubt, und es wurde sogar über Geräuscheinspielungen nachgedacht. Letzteres ist allerdings bisher nicht zulässig.

Zu den Geisterspielen häufen sich nun die Stimmen, dass das die unvernünftigste Art sei, den Fußball zu retten. So hat die Ultrágruppierung „Commando Cannstatt“ aus Stuttgart mit Bannern wie „Quarantäne für Fußball – Nein zu Geisterspielen“ verkündet, dass Geisterspiele „keine Lösung“ seien. Die Gruppierung moniert unter anderem, dass nur die „großen“ Vereine die Geisterspiele betreiben dürfen. Der Breitensport hingegen müsse weiterhin dem Stadion fernbleiben, außerdem, dass die „großen“ Vereine nur den Spielbetrieb wieder aufnehmen, um TV-Gelder einnehmen zu können.

Will man an dieser Stelle das Ganze auf den Gipfel treiben, so müsste es für eine Grätsche die rote Karte geben, denn hier will ein Spieler einen anderen Spieler wissentlich berühren, während die Auswechselspieler mit Abstand voneinander entfernt auf der Bank sitzen. Kontaktloser Fußball mit Mindestabstand dürfte sich schwierig gestalten. Auch der Torjubel dürfte wesentlich verhaltener ausfallen.


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