Vor 75 Jahren wurde das Nazi-Konzentrationslager Buchenwald durch die US-Armee befreit. „Haben wir versagt?“– diese Frage stellte Ivan Ivanji, ein Überlebender von Buchenwald, schon vor Jahren. Er hatte – wie die anderen Überlebenden – den Schwur von Buchenwald geleistet. Er endete mit den Worten: „Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung, der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“ Aber dieses Ziel sei nicht einmal in absehbarer Nähe, wenn er in seine Stadt Erfurt blicke. – Ein Kommentar von Bruno Winter

Ich selbst wohne seit etwa einem halben Jahr in Erfurt, keine 30 Kilometer von Weimar entfernt. Vorher habe ich in Leipzig gewohnt.

Wenn ich mich 10 Minuten von meinem Zuhause entferne, sehe ich den Ettersberg und damit auch den Glockenturm von Buchenwald, wie er mahnend über den ihn umgebenden Tälern steht.

Ich muss jedes Mal kurz innehalten, wenn ich ihn sehe – in den Gedanken für einen Moment bei allen, die dort ihr Leben ließen. Und seit ich das Essay von Ivan Ivanji gelesen habe, muss ich auch jedes Mal an seine Frage denken.

FaschistInnen wieder viel zu ungestört

Jeder hier kann den Turm sehen. In einer Stadt, in der sich vor gar nicht langer Zeit ein FDP-Kandidat von Faschisten zum Ministerpräsidenten hat wählen lassen und nur durch den großen Druck, der sofort auf der Straße erzeugt wurde, zurückgetreten ist. In einer Stadt, in der Neonazis vom Dritten Weg quasi ungestört ihre faschistische Propaganda verteilen können. In einer Stadt, in der eine faschistische Partei mit über 25% im Landesparlament sitzt.

Ivan Ivanji adressierte seine Frage an sich und seine GenossInnen, die gemeinsam mit ihm diesen Schwur leisteten. Als ich sie das erste Mal las, musste ich mit den Tränen kämpfen. Und auch jetzt möchte ich ihm sagen: Nein, ihr habt nicht versagt!

Die Vernichtung des Nazismus mit all seinen Wurzeln ist keine Aufgabe für nur eine Generation. Ihr tatet, nachdem ihr solche Grausamkeiten überlebt habt, alles, was in eurer Macht stand. Wieder und wieder habt ihr den Menschen eure Geschichte erzählt. Und viele haben sie gehört. Sie haben sie gehört und verstanden, was ihre Verantwortung sein muss. Ihr habt euer ganzes Leben für den Schwur gekämpft.

Unsere Verantwortung

Jetzt sind wir in der Verantwortung, dieses Vermächtnis anzutreten. In der Verantwortung, dass ein solches Unrecht nie wieder geschieht. In der Verantwortung, in Zeiten einer neu erstarkenden Rechten einen kompromisslosen Kampf gegen eben diese zu führen. In einer Zeit, in der unsere Grundrechte unvergleichbar eingeschränkt werden, dies zu hinterfragen und uns gegen diese Einschränkung zu wehren, wenn es notwendig ist.

Es ist so dringend, wie schon lange nich mehr t auf dieser Welt, den Kampf für eine Welt in Frieden und in Freiheit zu führen. Und es ist unsere Verantwortung, die Erinnerung an all diese vergangenen Helden, an all die Gefallenen und Ermordeten aufrecht zu erhalten.

Und deshalb schwören auch wir: Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung, der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.


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