Paula ist selbstständige Hebamme und Mutter. Auch für sie stellen die Krisen um Corona mehrere Belastungen dar. Wir haben uns mit ihr unterhalten und dieses Interview geführt.

Hallo Paula, wie sieht denn aktuell dein Alltag aus – was hat sich verändert?

In erster Linie ist mein Sohn zu Hause, weil die Tagesmutter geschlossen hat. Ich habe das große Glück, dass sich mein Freund auch um ihn kümmern kann. Also war mein erster Gedanke: „Ach cool, wenn er sich ums Kind kümmert, kann ich ja super viel arbeiten gehen!“. Ich habe mich daraufhin bei einer Freundin in der Klinik gemeldet, um den MitarbeiterInnen dort auszuhelfen. Jedoch habe ich dann mitbekommen, dass mein Plan gar nicht aufgeht.

Warum?

Ganz viele Frauen haben die Termine abgesagt, und auch ich musste meine Termine absagen. Das hängt mit dem Kontaktverbot zusammen. Alles fährt sich runter. Ich arbeite gerade nur 40% von meinem alten Arbeitspensum. Ich habe Anmeldungen bis in den November rein, aber derzeit sehe ich nur die Frauen, die im April und Mai entbinden sollen. Mit den anderen habe ich vereinbart, dass sie sich bei Bedarf jederzeit melden können.

Gibt es auf einmal tatsächlich weniger zu tun?

Ja, die Frauen sagen die Termine ab, gehen teilweise nur noch zu den Gynäkologen. Zu mir kommen sie, wenn sie eine Akupunktur brauchen oder zum CTG (Anm. d. Red.: Wehenschreibgerät) kurz vorm Geburtstermin müssen oder eben nach der Geburt im Wochenbett. Dass ich dabei natürlich mit Mundschutz und Handschutz arbeite, ist selbstverständlich. Allerdings ist es schwierig, an diese Schutzkleidungen ranzukommen. Uns haben die Behörden vollkommen vergessen. Wir wurden erst nachträglich auf die Listen für die Schutzkleidung gesetzt. Es ist schon ein komisches Gefühl mit Mund- und Handschutz in dieser intimen Situation im Zimmer der Eltern zu sitzen.

Nach der Geburt empfehle ich den Frauen, die Klinik schnell wieder zu verlassen, sodass ich sie ambulant betreuen kann. Normalerweise bin ich nach der Geburt noch zwölf Wochen bei den Müttern, allerdings merke ich, dass diese versuchen, den Kontakt nach zwei bis drei Wochen runterzuschrauben. Das kann ich aber voll verstehen und nachvollziehen!

Verständlich. Zu Hause ist es nicht immer steril und du hast auch eine kleine Familie zu beschützen.

Genau das ist der Punkt, aber auf der anderen Seite ist das meine Arbeit und ich verdiene damit meinen Lebensunterhalt. Das ist etwas schwierig. Ich habe mich jetzt entspannt, aber in der ersten Woche hatte ich sehr viele finanzielle Sorgen. Keine Kurse, keine Schwangerenvorsorgen – nur das Nötigste. Ich persönlich genieße die Zeit jetzt. Ich gehe mit meinem Kind und den Hunden raus in den Wald und freue mich, dass ich wenigstens noch etwas verdiene – im Gegensatz zu anderen. Mein Freund und ich haben auch viel zu tun mit dem Kind. Das strapaziert etwas, weil das Kind eben nicht von 8 bis 15 Uhr auf „Arbeit“ ist (lacht).

Wie geht es deinen Schwangeren in der ganzen Zeit?

Viele sind sehr unsicher und ängstlich. Ich sehe es auch nicht als positiv, dass alle ausschließlich zum Gynäkologen gehen. Ich habe allen angeboten, dass sie zu mir zur Vorsorge kommen können, weil in meinem Raum das Ansteckungsrisiko geringer ist als in der Arztpraxis mit all den Wartenden. Es haben aber erstaunlich wenige das Angebot angenommen. Der Arzt gibt den Schwangeren dann doch eine bestimmte Sicherheit. Bspw. darf er den Ultraschall machen, weil das eben eine ärztliche Angelegenheit ist.

Wie hat sich deine Berufsgruppe umgestellt?

Es gibt mittlerweile ein großes Angebot im Internet. Geburtsvorbereitungen und so. Sogar die Krankenkassen haben das Prinzip schnell anerkannt. Ich habe mich da noch nicht rangetraut, weil ich an die Effizienz des persönlichen Kurses glaube. Ich habe auch die Hoffnung, dass im Mai/Juni die Kurse langsam wieder stattfinden können und dann will ich volle Power für die Frauen machen und zwei bis drei Kurse anbieten.

Nachvollziehbar, du willst deinen Frauen ein gutes Gefühl in dieser Zeit vermitteln. Das geht online manchmal nur schwer. Wie sieht es derzeit bei den Entbindungen in den Kreißsälen aus?

Viele Frauen stellen sich die Frage: „Muss ich jetzt alleine in die Klinik?“, denn am 3. April haben drei große Kliniken in Leipzig die Kreißsäle komplett gesperrt für begleitende Personen. Die Begründung lag im Schutz des Personals. Die Krankenhäuser haben in dieser Situation von ihrem Hausrecht Gebrauch gemacht.

Unten am Eingang haben die begleitenden Personen ihre Frauen abgegeben und dann war Schluss mit dem Kontakt. Die Begleitpersonen sind also komplett von der Geburt und der Wöchnerinstation ausgeschlossen worden. Das verärgert natürlich viele Leute und ist auch unlogisch: vor dem Krankenhaus geben sie sich einen Kuss oder haben die vergangene Nacht im gleichen Bett geschlafen. Entweder sind sie beide infiziert oder eben nicht. Es ist sehr selten, dass eine Person infiziert ist und die andere nicht. Am Ende suchten sich die Frauen einfach eine andere Klinik, bspw. in Halle (Saale), Eilenburg oder Leißnig. Das fand ich krass. Stell dir vor, die Wehen gehen los und du musst erst mal noch eine kleine Städtereise unternehmen.

In einem Fall habe ich es erlebt, dass der Vater auf die Kinderintensivstation durfte, während die Mutter auf Station lag. Sie durften sich aber nicht sehen und nur getrennt zum Kind. Seit dieser Woche ist dieser Erlass vorerst wieder aufgehoben wurden, das gilt allerdings nicht für die Wochenbettstation. Viele Frauen empfinden das gerade als schön, weil nicht so viel los ist und die Bettnachbarin auch keinen Besuch erhalten darf. Alle anderen – die das doof finden, allein zu sein – gehen direkt vier bis fünf Stunden nach der Geburt ambulant nach Hause – das geht natürlich nur, wenn die Geburt reibungslos abgelaufen ist.

Wie kann ich mir da den Informationsfluss für die Schwangeren vorstellen? Erfahren sie von den Besonderheiten auf Station nur vom Gynäkologen oder aus der Zeitung?

Ich stehe mit meinen Frauen per Messenger in Kontakt und gebe ihnen die Nachrichten, die sie brauchen, direkt weiter. Wir haben hierzu den Leipziger Hebammenverteiler und die Internetseiten der Krankenhäuser. Dadurch ist der Informationsfluss deutlich schneller, als bei Zeitungen oder städtischen Homepages.


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