Axel Rosengarten ist Musiker und kann wegen des Corona-Shutdowns zurzeit nicht auftreten. Staatliche Hilfen erhält er keine. Im Interview erzählt er über die aktuelle Lage von Kulturschaffenden.

Wie beeinträchtigt der Corona-Shutdown deine Arbeit als Musiker?

Der Corona-Shutdown hat sämtlichen Kultur-Live-Betrieb lahmgelegt, dementsprechend erlebt mein Leben momentan eine 180-Grad-Wende. Wo ich vor Corona jeden zweiten Tag als Musiker in ganz NRW unterwegs war, bin ich auf einmal zuhause (im besten Fall) mit ein paar Mikros und meinem Instrument eingesperrt. Das ganze soziale Leben, bei dem man sich als Musiker und anderen Kulturschaffenden untereinander auf Sessions austauscht, ist auf Eis gelegt. Ich erlebe die Zeit leider als einsam und trostlos.

Wie versucht die Musik-Community dem entgegenzuwirken?

Durch Online-Live-Streams! Leider erlebt die Musik dadurch eine enorme Entwertung und treibt deren Ausbeute voran, wie die taz ganz treffend formuliert: „Digitale Plattformen sind weder egalitär noch wertneutral, sie entwickeln eine Tendenz zur Monopolisierung ihrer Märkte, sind ihrem Content gegenüber indifferent, solange er ihnen nicht ausgeht, und sie treiben die Ausbeutung des produktiven Vermögens der Arbeitenden nur noch weiter.“ Die ganze soziale Interaktion fehlt dabei, der emotionale Austausch, der nicht durch eine einfache Chatfunktion ersetzt werden kann.

Hast du hierdurch finanzielle Einbußen?

Ja, leider enorm. Viele Live-Musiker, Tonmischer und Kulturschaffende stehen vor dem finanziellen Bankrott. Dies liegt unter anderem daran, dass sich als selbständiger Kleinunternehmer mit dem digitalen Vertrieb keine müde Mark gewinnen lässt. Man ist somit auf die lokalen, von Städten, Wirten und Kulturschaffenden organisierten Veranstaltungen angewiesen – der klassischen Gage! Auch für viele Musikschaffende, die ihr Geld mit Unterricht verdienen, sieht es düster aus. Zwar kann man auf Skype mit wohlwollenden SchülerInnen ausweichen, aber eine langfristige Alternative bietet dies nicht: weil, warum dann nicht gleich Youtube-Lernvideos schauen? Guter Unterricht lebt von der Auseinandersetzung und Reflexion untereinander, die in einer Skype-Schalte unmöglich stattfinden kann.

Der Staat hat unbürokratische Hilfen auch für FreiberuflerInnen und KünstlerInnen angekündigt. Welche Erfahrungen hast du hiermit gemacht?

Die angekündigte Soforthilfe der Landesregierung NRW, in der man mit nachweislich wegfallenden Gageneinnahmen eine Gagenentschädigung von bis zu 2000 Euro ergattern konnte, war leider für viele Musiker ein Luftschloss: Der Topf ist leer, wie der Kölner Stadtanzeiger titelt: „Bis heute kenne ich keinen einzigen Künstler, der sie bekommen hat”, sagt etwa Marina Barth vom politischen Kabarett „Theater Klüngelpütz“ in Köln.

Ich selbst habe insgesamt 2 Anträge (danke Bürokratie!) gestellt und ging wie viele meiner MusikerkollegInnen leer aus. Dabei erhielten alle AntragstellerInnen eine automatisierte Mail der Bezirksregierung, in der bedauert wird, dass die „Mittel des Sofortprogramms“ ausgeschöpft sind. Die wirklich großen Geldhilfen der Regierung gehen nur an die großen Player – nicht an die Selbstständigen, die das multikulturelle vielseitige Leben in Deutschland fördern. Auch die Soforthilfen für Kleinstunternehmen und Selbstständige des Bundes gelten für MusikerInnen und Kulturschaffende nicht, da man mit denen nur anfallende Kosten – wie z.B. Büroräume und Angestellte – abdecken kann, aber keine Gagenausfälle.

Wie ist dein Gesamteindruck der Lage für Kulturschaffende?

„Kein Geld, keine Hoffnung: Die Kultur wird in der Corona-Krise schamlos im Stich gelassen“, titelt da der Stern ganz treffend. Für Politiker wie Spahn sind wir verzichtbar, wie es leider scheint. Ich bin enttäuscht!


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