Osteuropäische SaisonarbeiterInnen haben teilweise jahrzehntelange Erfahrung bei der Erntearbeit. Dass sie dieses Jahr nur erschwert einreisen können, sorgt dafür, dass LandwirtInnen sie von konkurrierenden Betrieben abwerben. Dennoch bleiben die Arbeitsbedingungen miserabel, von Infektionsschutz kann vielerorts keine Rede sein.

Die ErntehelferInnen, die alljährlich zur Ernte von beispielsweise Spargel und Erdbeeren als SaisonarbeiterInnen kommen, arbeiten unter härtesten Bedingungen. Sie haben keine andere Möglichkeit, als in den Unterkünften zu leben, die die LandwirtInnen für sie bereitstellen. Die Kosten dafür – in nahezu beliebiger Höhe vom Landwirt festlegbar – gehen oft direkt vom Lohn ab. An den prekären Arbeitsbedingungen ändert sich auch in dieser Erntesaison nichts, im Gegenteil: Es gab schon Todesfälle, weil LandwirtInnen den SaisonarbeiterInnen keine Möglichkeit gewährten, sich vor einer Corona-Infektion zu schützen.

Doch in diesem Jahr können nicht beliebig viele SaisonarbeiterInnen einreisen. In den bisherigen Jahren mussten SaisonarbeiterInnen zu jeder möglichen Bedingung und jedem noch so schlechten Lohn arbeiten. Wenn nicht, bekäme eine andere Saisonkraft die Stelle – auf Kündigungsschutz oder ähnliches können die ArbeiterInnen sich nicht berufen. In diesem Jahr gibt es einen wahren Mangel an ErntehelferInnen. Das hat unter anderem zur Folge, dass ArbeiterInnen sich verbünden, um gegen ihre Beschäftigungsverhältnisse vorzugehen.

Erdbeerernte-Streik in Darmstadt

Beispielsweise in Darmstadt haben einige ErntearbeiterInnen begonnen, grüne Erdbeeren zu ernten. Diese sind unverkäuflich, reifen auch nicht nach. FAZ-Redakteurin Anna Steiner beschreibt die Streikenden als „aufmüpfige Erntehelfer„. Sie sollen einem Streikbrecher mit Gewalt gedroht haben, würde er sich ihrem Protest nicht anschließen.

Im Fall dieses Hofs in Darmstadt berichtet die FAZ, dass einige ArbeiterInnen am folgenden Tag von einem anderen Landwirt abgeholt wurden. Es ist gut denkbar, dass dieser sie abgeworben hat. Das ist neu: Jahrzehntelang konnten LandwirtInnen sich darauf verlassen, dass konkurrierende Betriebe ähnlich prekäre Verhältnisse bieten. In dieser Saison konkurrieren sie um die erfahrenen Arbeitskräfte.

„Ein Leben für den Spargel“

Dabei ist das Berufsrisiko für die ohnehin harte Arbeit in diesem Jahe besonders hoch. Mitte April verstarb ein 57-jähriger Saisonarbeiter, Nicolae Bahan, in Bad Krozingen. Wie Landwirtschaftsministerin Klöckner nicht müde wurde zu betonen, war die Todesursache ein Herzinfarkt. Doch der Erntehelfer war auch corona-infiziert, er lebte gemeinsam mit seinen KollegInnen in einem Container.

Im Interview mit dem SPIEGEL berichtet seine Frau, dass in ihrem Wohnort viele SaisonarbeiterInnen verunsichert seien. „Aber man kann ja auch an Hunger sterben“, erklärt sie ihre Situation.

Verstöße gegen Gesundheitsschutz an der Tagesordnung

Scheinbar sind schlechte Hygienebedingungen an den Arbeitsplätzen der Saisonkräfte eher Regel als Ausnahme. Die ArbeiterInnen sind nicht nur vom Arbeitsverhältnis und den Wohnmöglichkeiten, sondern auch von der Einstellung de LandwirtInnen zu Hygienevorschriften abhängig. Betriebe in Bayern, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und Baden-Württemberg haben bei Stichproben die Gesundheitsschutzmaßnahmen nicht eingehalten.


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