Vorletzten Sonntag, am 17. Mai, kam es in Cottbus zu einem Mord: Ein Ehemann wirft seine Frau aus dem Fenster ihrer Wohnung, prügelt weiter auf sie ein, schlägt ihren Kopf auf die Treppen des Eingangs und massakriert sie, bis sie ihren Verletzungen erliegt und vor Ort stirbt. – Während regionale, bürgerliche Medien ausschließlich von einem Familiendrama und einer Beziehungstat sprechen, wollen wir diese Tat benennen und als das sichtbar machen was sie ist: Ein Frauenmord! Ein Femizid! Gewalt gegen Frauen in seiner schlimmsten und brutalsten Form. – Ein Kommentar von Emilia Zucker

In Ländern wie Argentinien hat eine starke Bewegung von Frauen es mit ihren Kämpfen geschafft, die Bezeichnung „Femizid“ zu etablieren. Der Begriff zeigt auf, dass es sich hier um strukturelle Gewalt innerhalb patriarchaler Macht- und Dominanzverhältnisse zwischen Männern und Frauen handelt. Und er entlarvt das Ausmaß dieser Taten. Doch in Deutschland gibt es außerhalb der feministischen Bewegung kaum Diskussionen über dieses Thema. Einmal mehr zeigen diese Bedingungen auf, wie unsere Gesellschaft mit Frauen umgeht, die von Gewalt betroffen sind.

Menschen sind entrüstet, schockiert über solche Brutalität und Gewalt in ihrer Stadt. Doch sehen scheinbar die wenigsten, das diese Gewalt gegen Frauen Alltag ist. Fast jeden 2. Tag wird ein Femizid begangen, von Partnern oder Ex-Partnern. Und dennoch sind die Menschen in Cottbus emotional besonders bestürzt. Der Aufschrei hallt in alle Stadtteile.

Die Gedenkveranstaltung hingegen für die ermordete Frau – wenig besucht.

Zwanzig Frauen bringen ihre Wut über diesen Femizid auf die Straße, trauern mit den Angehörigen, drücken ihr Mitgefühl und Beileid aus und ordnen diesen Mord gesellschaftlich ein, um zu sensibilisieren. Sie zeigen erneut die Interventionsperformance von dem feministischen Kollektiv „Las Tesis“ und rufen die Botschaft in alle Straßen der Stadt:

Das Patriarchat ist ein Richter, der uns verurteilt von Geburt.
Und unsere Strafe ist die Gewalt, die du nicht siehst.
Es ist Femizid!

Einige wenige Menschen bleiben stehen, hören der Rede des Frauen*kollektivs Cottbus zu. Die Rede spiegelt einerseits das Gedenken an die junge 28-jährige ermordete Frau und all die anderen Opfer patriarchaler Gewalt wieder, andererseits die Wut auf das System. Die Gruppe schafft es, trotz der bedächtigen und bedrückten Atmosphäre auf Grund des Todes einer Frau, zu zeigen: Wir lassen keine Gewalttat unkommentiert.

Für sie ist klar, der Kampf geht weiter. Die Rednerin sagt:

„Wir sind wütend, wir sind traurig, wir kämpfen weiter! Wir tragen unseren Widerstand gegen patriarchale und kapitalistische Verhältnisse weiter auf die Straßen, um diese Taten sichtbar zu machen. Dies ist der einzige Weg, Femizide und Gewalt gegen Frauen zu stoppen!“

Doch müssen genau diese Inhalte auch weiter verbreitet werden in Cottbus, gegen die instrumentalisierende Demagogie der Faschisten von AfD und Zukunft Heimat. So wurde am Tag der Tat ein großes Transparent an einer zentralen Cottbuser Brücke aufgehängt mit den Worten: Gemeinsam gegen Gewalt an Frauen – in Cottbus und überall! Stoppt Femizide!

Doch bereits am Folgetag wurde es abgerissen und versucht, die Forderung
„durch den Dreck zu ziehen“. Man sieht, nachdem die Stadt kurz den Atem anhielt:
ungeachtet dieser Gräueltat ging es scheinbar normal weiter. Doch die Menschen dürfen sich nicht entmutigen lassen. Der Kampf muss weitergehen. Denn wenn eine ganze Stadt den Atem anhält, ist es Zeit wieder Luft zu holen und die richtigen Wege zu gehen.


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