Werden Schlachthöfe zu neuen Beschleunigern der Corona-Pandemie? In Coesfeld sind es 129 Infizierte, in Bad Bramstedt 109, in Birkenfeld sogar über 300 ArbeiterInnen, die sich mit dem Corona-Virus infiziert haben. Viele der Betroffenen sind RumänInnen, die in engen Behausungen zusammenleben. Trotzdem wird die Produktion in den meisten Betrieben weitergeführt.

Die Kreisstadt Coesfeld hat die meisten Corona-Infizierten pro Kopf in NRW – und ist so zum Pandemie-Hotspot geworden. Grund dafür ist das Unternehmen „Westfleisch“, das die Produktion trotz Coronafällen aufrecht erhält. Mittlerweile ist in seinem Schlachthof rund jede/r zehnte ArbeiterIn infiziert – insgesamt sind es 129.

ArbeiterInnen werfen dem Unternehmen vor, eine massive Ausbreitung billigend in Kauf genommen zu haben. So berichtet die lokale Allgemeine Zeitung davon, dass ein Mitarbeiter ihr gegenüber geäußert hätte, dass teils auch fiebernde Personen durchgewunken worden seien und vor allem bei den ArbeiterInnen aus Osteuropa „viel Druck aufgebaut“ werde, auch krank zur Arbeit zu kommen („sonst kannst Du deine Papiere abholen!“). Unternehmenssprecher Phillip Ley wies dies zurück. Generell achte man konsequent auf jegliche Warnsignale bei Krankheitssymptomen.

Der Landkreis hat das Unternehmen mittlerweile für „systemrelevant“ erklärt und dem Konzern die Entscheidung über einen Produktionsstopp überlassen. Nachdem kurzzeitig eine Schließung im Raum stand, erklärte das Unternehmen dann gestern, dass sich ein personeller Engpass „deutlich relativiert“ habe, sodass in reduzierten Umfang weiter produziert werde.

Ein Schlachtbetrieb, 300 Infizierte

In anderen Schlachtbetrieben ist die Situation ähnlich. So sind in einem Rinderschlachthof in Birkenfeld in Baden-Württemberg rund 300 ArbeiterInnen Ende April positiv auf das Corona-Virus getestet worden.

Davon stammen 200 Menschen aus Rumänien. Damit sind rund ein Viertel der gesamten Belegschaft mit 1.100 MitarbeiterInnen mit dem Corona-Virus infiziert. Nach Angaben der lokalen Behörden befinden sich etwa fünf Infizierte in stationärer Behandlung, einer werde beatmet.

Offenbar wurde auch hier der Ausbreitung kein Riegel vorgeschoben. Einen ersten Verdacht auf einen Corona-Ausbruch in dem Betrieb hat es laut einem Bericht des Schwarzwälder Boten schon am 7. April gegeben – vor rund einem Monat. Doch auch hier bleibt der Betrieb bislang offen.

Kaserniert in der Kaserne – Wachdienst vor den Toren

Einen weiteren Ausbruch gab es beim Schlachthofbetreiber „Vion“. Hier haben sich nach Informationen des NDR Schleswig-Holstein 49 ArbeiterInnen, die in einer Unterkunft in Kellinghusen zusammen leben, infiziert. Sie sind über einen Subunternehmer angestellt.

Die WerksmitarbeiterInnen wurden nun für zwei Wochen in ihren Wohnungen unter Quarantäne gestellt. Gemeinsam leben sie mit rund 110 Menschen aus Rumänien in einem Wohnkomplex, einer alten Kaserne. Diese dürfen sie nicht verlassen. Der Kreis beauftragte dafür extra einen Sicherheitsdienst. Laut NDR stelle der Schlachthof-Betreiber MitarbeiterInnen für die Zeit der Quarantäne Lebensmittel, Getränke und Medikamente zur Verfügung.

Bei dem Corona-Ausbruch scheinen sowohl die Arbeits- als auch die Wohnsituation eine Rolle zu spielen. So wurden die ArbeiterInnen täglich mit dem Bus von Kellinghusen zum Vion-Schlachthof nach Bad Bramstedt gefahren.

Der Schlachthofbetreiber Vion hat derzeit die Produktion unterbrochen. Doch Ziel ist es nach Unternehmensangaben, ihn so schnell wie möglich wieder in Betrieb zu nehmen.


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