21 Prozent der deutschen Unternehmen sehen sich durch die aktuelle Krise in ihrer Existenz bedroht. Im September wird die Pflicht, Insolvenzen anzuzeigen, wieder eingesetzt. Dann könnte das ganze Ausmaß sichtbar werden. Bereits seit Juni steigt die Zahl der Pleiten. Derweil gibt sich Wirtschaftsminister Altmaier (CDU) optimistisch – und geht von einem Aufschwung ab Oktober aus.

Ein gutes Fünftel der deutschen Unternehmen sieht sein Überleben durch die Coronakrise gefährdet. Das ergibt sich aus der neuesten Umfrage des ifo-Instituts. Demnach hätten 21 Prozent der Firmen im Juni geantwortet, die „Beeinträchtigungen durch Corona“ seien existenzbedrohend.

Damit hat das Ifo-Institut die Fragestellung politisch gewollt auf Corona zugespitzt – und folgt so der derzeitigen Erzählung in den bürgerlichen Wirtschaftswissenschaften, es handele sich bei der Wirtschaftskrise um eine „Coronakrise“. Dabei dürften die Unternehmen bei der Beantwortung der Frage auch auf die Auswirkungen der gleichzeitigen aktuellen Wirtschaftskrise auf ihre Geschäfte eingegangen sein.

Besonders hart trifft es die DienstleisterInnen, von denen sich 27 Prozent als gefährdet einstuften. Im Handel waren es 18 Prozent, in der Industrie 17 und auf dem Bau nur 2 Prozent.

Dienstleistungssektor besonders betroffen

Ganz besonders wackelig sind die Reisebüros und Reiseveranstalter mit 85 Prozent, die Hotels mit 76 Prozent und die Gaststätten mit 67 Prozent. Aber auch 55 Prozent der Kreativen, KünstlerInnen und UnterhalterInnen sehen ihre Existenz bedroht.

Es folgen die Schifffahrt mit 50 Prozent und die Filmbranche mit 48 Prozent. Leiharbeitsfirmen sehen sich zu 39% bedroht.

Auch Industrie wankt

Doch nicht nur der Dienstleistungssektor ist betroffen, sondern auch die industrielle Produktion. In der Industrie sind es vor allem die Metallerzeuger und -bearbeiter, die sich zu 53 Prozent für gefährdet halten. Es folgen die Textilhersteller mit 38 Prozent, das Druckgewerbe mit 28 Prozent, die Lederbranche mit 27 Prozent und die Autohersteller und ihre Zulieferer mit 26 Prozent.

Im Handel sind es vor allem die Einzelhändler mit 21 Prozent. Der Großhandel ist mit 15 Prozent weniger betroffen.

Aussetzung der Pflicht zur Pleite-Anzeige

Auf den ersten Blick mag es erstaunen: Im April lag die Zahl der angezeigten Insolvenzen noch 13,4% unter dem Vorjahreszeitraum, im Mai immerhin noch 10% darunter. Dabei hatten wir es zu diesem Zeitpunkt schon mit dem Lockdown zu tun.

Doch der Hintergrund dafür ist eine Regelung der Bundesregierung, welche die Pflicht zur Anzeige einer Insolvenz ausgesetzt hatte – bis Ende September 2020. Das bedeutet, dass Unternehmen derzeit nicht anzeigen müssen, dass sie pleite sind.

Insolvenzwelle läuft an

Spätestens seit Juni scheint nun auch diese Regelung immer mehr an Wirkung zu verlieren. So stiegt die Zahl der Insolvenzen um 13 Prozent gegenüber dem Juni 2019 an. Darunter sind insbesondere große Firmen. So seien laut Insolvenz-Trend des Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH) im zweiten Quartal 81 Prozent mehr Beschäftigte von einer Firmenpleite betroffen gewesen als in den ersten drei Monaten 2020.

„Wir sehen mehr große Unternehmen scheitern und beobachten sehr viel weniger Insolvenzen bei Kleinstunternehmen“, fasste IWH-Insolvenzforscher Steffen Müller die Entwicklung zusammen. Müller geht davon aus, dass vor allem kleine Unternehmen das Prinzip Hoffnung walten lassen und erst dann Zahlungsunfähigkeit melden, wenn es unausweichlich ist.

Ifo und Wirtschaftsminister gehen  von Aufschwung aus

Das „Prinzip Hoffnung“ scheint auch große Beratungsunternehmen wie das „Ifo“-Institut zu bewegen. Denn obwohl die eigentliche Pleitewelle erst ansteht – und das ifo-Institut genau diese selbst untersucht hat – rechnet das Institut mit einem „kräftigen Aufschwung“ der deutschen Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte. Also ab jetzt.

So werde zwar in diesem Jahr das Wirtschaftswachstum insgesamt um 6,7% im Vergleich zu 2019 schrumpfen, für 2021 erwartet das Ifo-Institut dann aber ein Wachstum von 6,4 Prozent.

Wirtschaftsminister Altmaier scheint das ähnlich zu sehen. „Ich bin mir sicher, dass wir den Abschwung unserer Wirtschaft nach der Sommerpause stoppen können und spätestens ab Oktober die Wirtschaft in Deutschland wieder wächst“, sagte der CDU-Politiker der Bild am Sonntag laut Vorab-Bericht. Das ist der Zeitpunkt, zu dem die Pflicht Insolvenzen anzumelden wieder greift.


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