Vergangenen Donnerstag ereignete sich nahe der Leipziger Innenstadt ein brutaler Vorfall… Ein Fahrkartenkontrolleur geriet aufgrund fehlender Sprachkenntnisse mit einem australischen Fahrgast aneinander. Die Verkehrsbetriebe distanzieren sich. Ein Kommentar von Stefan Pausitz

Die Bilder gingen bundesweit durch die Schlagzeilen. Ein Presseteam des Leipziger Stadtmagazins „kreuzer“ filmte, wie ein Fahrkartenkontrolleur über mehrere Minuten einen Fahrgast im „Schwitzkasten“ hält. Mehrmals wird der Kontrolleur aufgefordert dem Fahrgast nicht den Hals zuzudrücken. Während die ZeugInnen ihn das sagen, kniet sich ein weiterer Kontrolleur auf die Beine des Betroffenen.

Nach einiger Zeit läuft sogar sein Gesicht rot – spätere blau – an. Der Kontrolleur bittet die ZeugInnen zu verschwinden. Später heißt es, dass ein Kollege es geschafft hat den brutalen Übergriff mit Worten zu beenden. Es war nicht die erste Auffälligkeit, die der Kontrolleur während seines Dienstes verübte. Es sind Szenen, die an den ermordeten US-Amerikaner George Floyd erinnern. Es sind ebenfalls Szenen, die mehr Fragen, als Antworten übriglassen.

„Nicht neu, aber gut dokumentiert“

Immer wieder monieren die LeipzigerInnen, dass sie bei Fahrkartenkontrollen schikaniert werden. Natürlich sind die Übergriffe nicht immer so heftig, wie am vergangenen Donnerstag, doch die Einschüchterung der Kontrolleure hinterlässt bei den Fahrgästen ihre Spuren. Egal ob mit oder ohne Ticket werden sehr häufig migrantisch aussehende Fahrgäste in Generalverdacht genommen. Eine unzumutbare Vorstellung in einer so – marketingtechnisch – weltoffenen Stadt, wie Leipzig.

Falls sich TouristInnen das falsche Ticket kaufen und auf Kulanz der Kontrollierenden hoffen, haben diese aufs falsche Pferd gesetzt. Wie am vergangenen Donnerstag wollen die Kontrollierenden kein englisch sprechen und werden dazu noch rassistisch. Ebenfalls wurden vor ein paar Jahren bei einzelnen Kontrolleuren faschistische Tattoos festgestellt. Um sich unter anderem auch dieser Diskriminierung zu entziehen, haben sich knapp 5000 Leute in einer Telegramgruppe (@freifahren_leipzig) organisiert, um eine entspannte Beförderung zu gewährleisten. Egal wo ein Kontrolleur auftaucht, direkt wird der Rest der Gruppe informiert.

Wo ist die Zivilcourage?

Doch in dem Video ist nicht nur die Brutalität des Kontrollierenden ein Thema. Auch die Passivität der ZeugInnen lässt stark zu wünschen übrig. Der filmende Reporter, Michael Kees, nennt für sein Handeln vier Argumente: er hat das Zeitgefühl verloren, das Video ist ein Beweismaterial, er wollte dem Betroffenen nicht schaden und letztendlich wollte er nur das richtige tun. Viele Gründe.

Doch im untertitelten Video kann man hören und lesen, wie die ZeugInnen rufen, dass der Betroffene blau anläuft. Spätestens nach dieser Aussage ist genug gefilmt und Beweismaterial gesammelt, um nun aktiv zu werden. Die Bilder vom Mord an George Floyd sind keine zwei Monate alt. Dort bauten bewaffnete Polizisten eine Drohkulisse auf. Doch bei den Kontrolleuren der Leipziger Verkehrsbetriebe handelt es sich um keine bewaffneten Menschen. Ebenso bedarf es keiner Kampfausbildung, um als dritte, vierte oder fünfte Person einen Schwitzkasten zu lösen.

Währenddessen schaltete sich der Oberbürgermeister, Burkhardt Jung (SPD), ein und verurteilte diesen Vorfall. Die CDU will Ermittlungen in alle Richtungen, die Grünen loben die Zivilcourage. Lediglich die Linke fordert „endlich tiefgreifende strukturelle Veränderungen“. Die Leipziger Verkehrsbetriebe sehen eine rote Linie überschritten und haben den Kontrolleur suspendiert. Am Montag wollten diese eine weitere Konsequenzen verkünden – doch die Konsequenzen bleiben bisher aus.


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