Nach einem faschistischen Angriff am 15. Juli auf seinen Kiosk in Köln berichtet Askerov V. im Interview über diese Feindseligkeit, den Umgang der Polizei mit dem Täter und seine allgemeinen Erfahrungen mit Rassismus und Ausgrenzung in Deutschland.

Was passierte am Morgen des 15. Juli, und welches Motiv hatte der Täter?

Der Täter war ein ehemaliger Kunde, der mich sehr oft provozierte und sich schlichtweg nicht zu benehmen wusste. Er forderte des öfteren andere Kunden auf, sein Bier zu zahlen, oder ihm Geld zu geben. Die Situation, in der ich ihm Hausverbot erteilte, lief so ab:

Als ich ihm nach dem Öffnen einer Flasche Wein im Kiosk, aus der er noch vor meinen Augen trank, sagte, dass er sie später zahlen würde, habe ich ihm Hausverbot erteilt und ihm die Flasche abgenommen. Zunächst dachte ich, er würde bezüglich des Geldes nur Spaß machen, aber als ich merkte, dass er es ernst meinte, musste ich konsequent sein. Da begann er mir, seinen Angriff auf das Café „African Drum“ am Ebertplatz zu schildern, das er am Abend des vorherigen Tages entglast habe. Er sagte mir, er würde meinen Kiosk ebenfalls angreifen und ich hätte ihm nichts zu sagen – er könne machen was er will, die Polizei hätte ihn am Abend zuvor ja auch wieder frei gelassen.

Nachdem er den Kiosk auf Druck meinerseits verließ, begann er sein Essen und sein Bier aus seinem Rucksack auszupacken und es sich vor dem Kiosk gemütlich zu machen.
Dann, als ich ihn darauf hinwies, dass es keine Alternative ist, es sich jetzt vor dem Kiosk gemütlich zu machen, begann er mit nationalistischen Sätzen um sich zu schmeißen.

Er sagte: „Das ist mein Land, ich kann essen und trinken wo ich will – Leute wie du sollten verschwinden und haben kein Recht uns Deutsche zu belehren.“ Doch ich bin ruhig geblieben, da ich schlichtweg Respekt vor älteren Menschen habe. So packte ich mit großer Ruhe seine Tasche und bat ihn erneut zu gehen und wiederholte das Hausverbot. Ein paar Meter weiter führte er das Spiel fort. Er brüllte plötzlich rum und wiederholte, dass er sich von Ausländern – die dahin gehen sollen, wo sie herkommen – nicht sagen lassen wird, wo er hinzugehen hat und dass er Deutscher ist, der machen kann was er will.

In der Nacht zerstörte er dann die Scheiben eines dicht am Kiosk geparkten Autos, das ich zum Einkaufen nutze und zündete es an, nachdem er Benzin auf dem Auto verteilte. PassantInnen, die die Tat beobachteten, schritten nicht ein.

Am 10. Juli hatte ich ihn bereits gefragt, ob er Nazi und Faschist sei, weil er eben Äußerungen tätigte, die ich nur dorthin zuordnen konnte. Da hat er mich ausgelacht. In der Nacht des 10. Juli schrieb er dann „Schweine Nazi“ mit einem Pfeil zum Eingang des Ladens auf die Wand.

Du erzähltest, dass dieser Mann bereits polizeibekannt ist. Kannst du schildern, was du damit meinst?

Abgesehen davon, dass ich ihn persönlich mehrfach bei der Polizei meldete: Nachdem die Zeitungen über den Brandanschlag auf meinen Kiosk und den Angriff auf das „African Drum“ schrieben, besuchte mich eine Filialleiterin einer Stadtsparkasse, die mir anbot ebenfalls gegen den Mann auszusagen, der bei ihr in der Filiale ebenfalls Hausverbot hätte, weil er Wände beschmierte und ArbeiterInnen bedrohte.

Zudem hat der Mann hier an der Bushaltestelle (unweit des Kiosks) auch schon BusfahrerInnen rassistisch beleidigt. Er wiederholte die Beleidigungen auch in Anwesenheit der Polizei, doch er wurde von den Beamten nur aufgefordert, still zu sein und musste keine Konsequenzen davon tragen. Außerdem durfte er nach mündlicher Auskunft über seine Person wieder gehen. Nicht zuletzt hat die Polizei ihn auch nach dem Angriff auf das Café gehen lassen.

Mich hat es unter diesen Umständen nicht überrascht, dass die Polizei den Mann sofort erkannt hat, als sie sich die Bilder meiner Videokamera angesehen hat.

Du hast gesagt, dass du erst vor Kurzem erneut bedroht wurdest?

Am 29. Juli kam in der Nacht ein Mann zum Kiosk, der bereits abgeschlossen war. Er begutachtete die Fensterreihe, bis er die Überwachungskamera sah. Dann zögerte er einen Moment und hielt ein Feuerzeug in die Kamera. Das darf dann jetzt jeder und jede selbst interpretieren. Ich sehe eine große Leere in diesem Bereich in Deutschland.

Wie meinst du deinen letzten Satz?

Naja, ich habe den Eindruck, dass viele Menschen, denen es ökonomisch sehr schlecht geht oder die drogenabhängig sind, durch Bestechung sehr leicht für solche Taten zu gewinnen sind und von Faschisten benutzt werden können.

Was denkst du zum Rassismus in Deutschland im Allgemeinen?

Es gibt eine Spaltung in der Gesellschaft. Wir haben hier das konkrete Beispiel. Ich bin der Überzeugung, dass, wenn der Täter Migrant wäre, die ganze Abwicklung dieser Straftat anders verlaufen wäre. Ich habe ihn so oft gemeldet, es ist nie was passiert. Wenn er so einen Anschlag auf ein deutsches Lokal verübt hätte, müsste er ganz andere Konsequenzen tragen.

Wie empfindest du persönlich die Spaltung der Menschen?

Ich habe das Gefühl, dass die Deutschen, so oft sie auch sagen, sie wären weltoffen, uns hier eigentlich nicht wollen. Gerade in Momenten, in denen sie bei einzelnen MigrantInnen Schwachpunkte finden, hagelt es meinem Gefühl nach Vorwürfe, die extrem verallgemeinert sind.

Welche Momente, in denen du Rassismus erfahren hast, sind dir in Erinnerung geblieben?

In Niederfischbach bin ich das erste Mal mit Rassismus konfrontiert worden. Das war irgendwann in den 90er Jahren. Dort gab es keine Vergnügungsmöglichkeiten – bis auf eine selbst aufgebaute Kneipe auf einem Privatgrundstück.

Als junge Erwachsene wollten wir dort in dieser Atmosphäre Zeit verbringen bei ein paar Bier. Doch je höher der Pegel der anwesenden Gäste war, desto unerträglicher wurde es für uns. Sie sagten, ich würde das Bier von ihrem Geld trinken. Als ich gefragt habe, wie sie denn darauf kommen, haben sie geantwortet: „Na, du beziehst doch Sozialhilfe!“ Sie haben uns dort immer wieder bedrängt.

In Köln empfinde ich die Situation anders. Hier sind viele MigrantInnen und die Faschisten haben es schwer, hier unentdeckt und ungestört unter die Menschen zu kommen. Trotzdem ist es wahr, dass sie sich auch in NRW regelmäßig versammeln – das will ich nicht abstreiten, aber permanent präsent sein ist schon noch was anderes.

In Russland habe ich ähnliche Erfahrungen gemacht. Da war es auch so, dass dort, wo es weniger MigrantInnen gab, die Angriffe der Rechten heftiger waren, und in Griechenland habe ich auch Nationalisten Ausländer jagen sehen.

Ich habe glücklicherweise selbst nicht viele Angriffe erlebt, doch weiß ich über viele Bescheid. Mein Kollege wurde in Thüringen ca. 1999 von Faschisten mit Baseballschlägern verprügelt und ist seither behindert. Außerdem spricht man im Bekanntenkreis darüber und wir hören zu. Die, die nicht zuhören wollen und alles als Gerüchte abstempeln, sind Beamte, Politiker und alle, die ihren Platz nicht innerhalb der arbeitenden Bevölkerung haben.

Was tun gegen den Rassismus? Was hast du für Vorstellungen?

Diese Angelegenheiten hat in erster Linie der Staat in der Hand, und er trägt die Verantwortung für den Rassismus. Er muss vorbeugende Maßnahmen unternehmen. Außerdem habe ich das Gefühl, dass Deutsche und MigrantInnen mehr miteinander zu tun haben müssen. Wenn man sich isoliert, oder andere isoliert, verstärkt sich diese Spaltung. Neid untereinander usw. sollten keine Rolle spielen – wir müssen den Zusammenhalt fördern, damit wir MigrantInnen nicht zum Ziel gemacht werden können und selbst keines abgeben.

Wir sind seit vielen Jahren hier. Ich bin seit über 22 Jahren hier. Wir denken zumindest, wir sind ein Teil von Deutschland. Wir wollen in Frieden und Freundschaft leben. Ich finde die verschiedenen Völker sollten zusammen stehen und Konflikte beiseite legen.

Gleichzeitig befürworte ich demokratische Proteste von verschiedenen Volksgruppen, denn viele wollen hier die Stimme derer sein, die in ihrer Heimat gegen die Diktatoren Widerstand leisten. Diesbezüglich wünsche ich mir mehr Verständnis von den Deutschen und eine andere Haltung gegenüber Protesten von MigrantInnen in Deutschland. Wir müssen die Spaltung unter den Menschen aufbrechen, was schon in Kindesalter anfängt, damit wir mehr zusammenwachsen.


Wir schreiben für Perspektive – ehrenamtlich und aus Überzeugung. Wir schalten keine Werbung und nehmen kein Geld von Staat oder Konzernen an. Hilf' uns dabei, unseren unabhängigen Journalismus zu erweitern: mit einer einmaligen Spende, einem regelmäßigen Beitrag bei Paypal, Steady oder am besten als Mitglied in unserem Förderverein.