In der Corona-Pandemie standen Pflegekräfte an der vordersten Front. Sie waren mit fehlender Schutzkleidung und noch mehr Belastung konfrontiert. Wir haben mit der Pflegerin Rahel Semt aus einem großen Universitätsklinikum im Norden Deutschlands gesprochen. Über ihren Alltag vor, während und nach der ersten Corona-Welle – und welche Forderungen sie an die Politik stellt.

Zu Beginn der Corona-Pandemie wurden massive Lücken in unserem Gesundheitssystem deutlich, es fehlte an Intensivbetten und Schutzkleidung. Wie hast du die Situation empfunden?

Durch die hohe Nachfrage und den damit verbundenen Preisanstieg bestimmter Artikel, z.B. Mund- und Nasenschutzmasken oder aber Desinfektionsmittel, bekamen einige nicht wenige Menschen lange Finger. Das hatte zur Folge, dass Schutzkleidung und Desinfektionsmittel weggeschlossen werden mussten. Das heißt: Pro Schicht kommt nur eine Person an diese Hilfsmittel und jede Herausnahme muss penibel dokumentiert werden.

Das ist ein hoher Zeitaufwand und führt oft dazu, dass diese Mittel fehlen, weil keine Zeit da ist, um die zuständige Pflegekraft zu suchen. Zudem kommt es zu Mehrarbeit durch die Abstriche, die bei der Aufnahme gemacht werden müssen und ggf. noch bei Verlegung. Durch die prä-stationären PatientInnen kommt es zu Dopplungen der Abstriche, da sie bei Voraufnahme getestet werden und nochmal bei der Wiederaufnahme.

Hatte sich die Situation zur Lage davor verschärft?

Tatsächlich war es einige Woche etwas ruhiger bei uns, zumindest im chirurgischen Bereich, da zunächst die aufschiebbaren Eingriffe nach Möglichkeit ausgesetzt wurden – auch aufgrund dessen, dass Intensiv-Betten freigehalten werden mussten. Das Freihalten der Intenisvbetten, so nötig es auch ist, führte bei Wiederanstieg der Operationen dazu, dass PatientInnen verfrüht auf die Normalstationen verlegt wurden. Dies hatte zur Folge, dass die verlegten PatientInnen noch nicht stabil genug waren und es zu Komplikationen kam. Natürlich waren die vermehrten Verlegungen und die Schwere der Fälle auch ein Grund für den Anstieg des Arbeitsaufwands.

Während der Corona-Zeit wurde die Maximalarbeitszeit auf 12 Stunden für PflegerInnen erhöht, bis heute gibt es keinen Corona-Bonus für Pflegekräfte im Krankenhaus. Wie empfindest du das?

Dass die Arbeitszeiten hoch gesetzt wurden, wundert mich nicht. Es gibt ja in der Pflege ohnehin schon einige Sonderreglungen. Zum Beispiel brauche ich als Pflegekraft nur 10h Ruhepause zwischen den Schichten, andere Berufsfelder haben hingegen 11h.

Das Einhalten ist aber nicht immer möglich, denn bei einem Spät-/Frühwechsel sind keine 10h gegeben. Dass es keinen Bonus gibt, finde ich natürlich nicht toll. Altenpfleger bekommen einen und auch im Einzelhandel gab es einen. Ich will denen den Bonus nicht absprechen, aber wir sind alle systemrelevant, und er sollte somit auch für alle gelten.

Was muss sich deiner Meinung nach an den Arbeitsbedingungen jetzt, wo die erste Welle der Pandemie zurückgeht, ändern?

Es muss auf jeden Fall aufgerüstet werden. Durch die Lockerungen kann es zu mehr Infektionen kommen. Wenn wir uns nicht entsprechend vorbereiten, laufen wir Gefahr, im Chaos zu versinken. Es sollte gut überlegt werden, welche Eingriffe nötig sind und welche eventuell noch warten können, um Kapazitäten frei zu halten. Schließlich sind wir im Krankenhaus auch einer Gefahr ausgesetzt. Wir sind viele verschiedene, in Schichten wechselnde Berufsgruppen.

Die PatientInnen werden am Tag von viel Personal gesehen: Da sind die zuständige Pflegekraft mit einer Auszubildenden, der Arzt, der Student, der Blut abnimmt, die Medizinisch-technische Assistentin beim Röntgen, der Transportdienst, der die PatientInnen zu den Untersuchungen bringt, die Putzfrau, die Servicekraft und der Konsiliardienst. Im Krankenhaus können wir auch nicht die Mindestabstände einhalten. Ich kann niemanden mit einer Distanz von 2 Metern pflegen, Essen anreichen oder Infusionen anschließen.

Welche Möglichkeiten siehst du dafür, dass sich KollegInnen zusammen organisieren und sich gemeinsam wehren?

Leider scheuen sich viele meiner Kollegen, in den Streik zu gehen, weil das Gefühl entsteht, wir würden die PatientInnen vernachlässigen. Aber wir müssen einfach aufzeigen, dass es so nicht weitergehen kann. Andernfalls machen wir nicht deutlich, dass das System nicht funktioniert. Denn es macht immer den Eindruck, dass es eben doch funktioniert, auch mit nur einer Pflegekraft, aber wie diese Pflegekraft sich dabei fühlt und wie abgebrannt sie dann ist, realisiert keiner. Hauptsache alles geht seinen Gang, und wenn es nur auf dem Papier ist.


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