Wer sich häufig mit tagesaktuellen Themen beschäftigt und dazu den gesellschaftlichen Konsens in einer TV-Talksendung der Öffentlich-Rechtlichen noch mehr Inhalte aufsaugen will, sollte aufpassen. Die Zusammensetzung der TeilnehmerInnen dieser Sendungen repräsentieren nicht die Realität.

Der linksliberale Thinktank „Das Progressive Zentrum“ beschäftigt sich seit seiner Gründung 2007 mit verschiedenen fortschrittlichen Themen. Die Analyse der Themen werden in einem internationalen Netzwerk diskutiert, sodass die Qualität der Analysen häufig die Datenerhebungen anderer Thinktanks übertrifft.

In der jetzigen Studie beschäftigte sich „Das Progressive Zentrum“ mit der Zusammensetzung der Studiengäste in Talkshows. Überraschenderweise ergab die Analyse, dass stets die Leute eingeladen werden, um die es nicht geht: hochkarätige PolitikerInnen und JournalistInnen sitzen häufig auf den Stühlen der Öffentlich-Rechtlichen. Eben danach richtet sich auch häufig die Themengestaltung.

Während der Corona-Zeit stiegen die Einschaltquoten auf über 30 Prozent. Auch diese Entwicklung trieb die Gruppe aktuell an, diese Untersuchung durchzuführen. Das Hauptaugenmerk lag dabei auf den „Big 4“ (dt. „Großen 4“) der deutschen Polit-Talkshows in ARD und ZDF: Anne Will, hart aber fair, Maischberger und Maybritt Illner. Ausschlaggebend für die Studie waren folgende Fragestellungen: „Für wen wird gesprochen?“, „Wer spricht zu was?“, „Welche politischen Ebenen sprechen?“ und „Welche Unterschiede gibt es zwischen den Talkshows?“.

Westdeutsche Abgeordnete dominieren die Sendungen

Demnach gehören zwei Drittel der Gäste der Politik und den Medien an. Gefolgt werden sie von Menschen aus dem Bereich Wissenschaft mit 8,8%. 6,4 % kommen aus der Wirtschaft und gerade einmal 2,7% aus der organisierten Zivilgesellschaft, z.B. lokalen BürgerInneninitiativen.

Den meisten Raum unter den PolitikerInnen nehmen Bundestagsabgeordnete mit 70% ein. Talkgäste aus dem europäischen Parlament nehmen 7,3% und lokale PolitikerInnen magere 2,4% ein.

Auch die Schere zwischen „Ost und West“ wird hier bedient. Demnach sind 84,8% der PolitikerInnen aus Westdeutschland, gerade einmal 15,2% von ihnen aus Ostdeutschland.
80% der Gäste aus der Wirtschaft repräsentieren die Unternehmerseite. Auch hier werden die Interessen der ArbeiterInnenklasse – mit z.B. einer Unterrepräsentation an GewerkschafterInnen oder VerbraucherschützerInnen – nicht vertreten.

Auch Nichtregierungsorganisationen (NGO) haben es schwer, in eine Talkshow eingeladen werden. Vor allem dann, wenn das Thema „Klima“ aufkommt, werden mit über 66% AktivistInnen aus der organisierten Zivilgesellschaft zum Talk eingeladen.

Interessanterweise gab es im Gesamtergebnis noch eine erwähnenswerte Auffälligkeit: Zu Beginn der Corona-Krise stieg der Anteil der WissenschaftlerInnen auf 26,5%, wohingegen Gäste aus dem Sozialbereich oder der Bildung mit 0,7% kaum nachgefragt wurden.

Das Fazit

Die Gruppe kommt zu dem Ergebnis, dass während einer Sendung nicht aus jedem Bereich Menschen zu Wort kommen können. Das würde schlicht den Rahmen der Sendung sprengen und aufregende Diskussionen würden in Monologe abflachen. Dennoch sei es negativ, dass vor allem diejenigen Organisationen kaum zu Wort kämen, die „ein besonders hohes Vertrauen in der Gesellschaft genießen“, wie etwa soziale und zivilgesellschaftliche Organisationen.

Auch MigrantInnen sind stark unterrepräsentiert. Außerdem würden Flüchtlinge in den Sendungen sehr häufig als „Problem“ dargestellt.

Zudem „wird die Realität des politischen Mehrebenensystems nur unzureichend abgebildet, worunter insbesondere die Wertschätzung der kommunalen und europäischen Ebene leidet“.


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