In der Nacht zum Mittwoch brach in Griechenlands größtem Geflüchtetenlager ein Feuer aus. Bereits seit Monaten warnen Menschenrechtsorganisationen vor der prekären Lage in den Lagern und der Gefahr solcher oder ähnlicher Ereignisse.

Im Geflüchtetenlager Moria auf der Ägäis-Insel Lesbos ist in der Nacht auf den Mittwoch ein Feuer ausgebrochen. Nach dem Ausbruch mehrerer Brände wurde das Lager teilweise evakuiert, teilte die Feuerwehr mit. Den Angaben eines Fotografen der Nachrichtenagentur AFP zufolge sollen nicht nur Teile sondern fast das gesamte Lager in Flammen gestanden haben. Seit dem frühen Mittwochmorgen ist das Feuer laut Angaben der griechischen Regierung weitestgehend unter Kontrolle.

Der Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis hat für den Vormittag ein Krisentreffen in Athen einberufen. Dazu sollen neben dem Migrations- und dem Bürgerschutzminister auch der Chef des griechischen Nachrichtendienstes (EYP) und der Generalstabschef teilnehmen. Die Ursache des Brandes sei noch unklar, man vermute allerdings organisierte Brandstiftung, so der Regierungssprecher Stelios Petsas.

Die Feuerwehr gab an, dass in der Nacht mehrere Brände innerhalb des Lagers, allerdings auch in der Landschaft und Umgebung ausgelöst wurden. Ein AFP-Fotograf berichtete weiterhin noch in der Nacht selbst über einen Olivenhain mit Zeltunterkünften, der außerhalb des Hauptlagers liegt und ebenfalls in Flammen steht. Dem Fotografen zufolge flüchteten die dort lebenden Menschen zu Fuß in Richtung des Hafsen der Inselhauptstadt Mytilini. Dabei sollen sie von Polizeiwagen gestoppt worden sein.

Über Twitter berichtete die Flüchtlingshilfsorganisation „Stand by Me Lesvos“: „Alles brennt, die Menschen fliehen.“ Der Organisation zufolge sollen EinwohnerInnen die flüchtenden Menschen daran gehindert haben, ein nahegelegenes Dorf zu betreten.

Bis jetzt ist unklar, wer das Feuer entfacht hat. Die griechische Nachrichtenagentur ANA meldete, die Brände seien nach einer Revolte im Lager ausgebrochen. Die Geflüchteten sollen protestiert haben, nachdem einige von ihnen positiv auf das Corona-Virus getestet wurden oder direkten Kontakt zu Infizierten hatten. Der Einsatzleiter der Feuerwehr berichtete im Fernsehen, dass die Feuerwehrleute nach Ausbruch des Feuers von LagerbewohnerInnen mit Steinen beworfen wurden und auch sonst versucht wurde, sie an den Löscharbeiten zu hindern. Trotz dieser Berichte sei nicht ausschließen, dass das Feuer nicht von Geflüchteten selbst, sondern anderen InselbewohnerInnen gelegt wurde.

Zur Teilevakuierung des Lagers waren laut Feuerwehr 25 Feuerwehrleute im Einsatz, außerdem 10 Löschwagen. Ein großer Teil der ca. 12.000 in den Lagern lebenden Menschen floh in die Wälder und Hügel der Umgebung, andere versuchten, sich ihren Weg zur Inselhauptstadt Mytilini zu bahnen, wie griechische Medien berichteten. Auch hier sollen sollen manche InselbewohnerInnen versucht haben, die Geflüchteten am Zutritt zu den Dörfern zu hindern.

Verschiedenste Organisationen, darunter See-Brücke, Sea-Watch aber auch Mission Lifeline warnen seit Monaten vor der menschenunwürdigen und gefährlichen Situation in den Lagern: „Aufgrund der katastrophalen humanitären Situation und weitreichenden Ausgangsbeschränkungen wegen Covid19 sind die Menschen in Moria extremem psychischem Stress ausgesetzt. Die Abriegelung des Lagers hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Die Geflüchteten in Moria werden nicht wie Menschen behandelt. Wir haben davor gewarnt, dass es eskaliert. Wir haben unter anderem die Bundesregierung wieder und wieder aufgefordert, alle Menschen aus den griechischen Lagern zu evakuieren. Doch kaum etwas ist passiert.“, äußerte sich Axel Steier, Mitbegründer des Dresdner Vereins Mission Lifeline.

Die Bundesländer selbst boten Hilfe an. Damit das funktioniere, müsse laut NRW-Integrationsminister Stamp (FDP) nun der Bund die Koordination übernehmen. In seiner Mitteilung kritisierte er den Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und den Außenminister Heiko Maas (SPD), diese seien bisher untätig geblieben.

Dass Moria restlos überfüllt ist, ist seit Jahren bekannt. Das Lager ist auf rund 2.800 Menschen ausgelegt, momentan leben dort über 12.700 Menschen unter menschenunwürdigen Bedingungen. Viele von ihnen können deshalb nicht mehr in den eigentlichen Lagern untergebracht werden und leben in den naheliegenden Olivenhainen. In den vergangenen Wochen wurde dort ein erster Fall des Corona-Virus festgestellt, seitdem befindet sich das gesamte Lager in Quarantäne. Das Migrationsministerium gab an, dass seit Bekanntwerden etwa 2.000 Tests durchgeführt werden konnten, dabei wurden 35 weitere Infektionsfälle festgestellt.


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