Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) ruft zum Beginn der Schnäppchenaktion „Prime Day“ bei Amazon die Beschäftigten in den Versandzentren Leipzig, Bad Hersfeld (zwei Standorte), Rheinberg, Werne, Graben bei Augsburg und Koblenz ab dem 13. Oktober zu einem zwei Tage dauernden Streik auf.

Am Morgen haben Beschäftigte an sechs Amazon-Standorten die Arbeit niedergelegt. Wie hoch die Beteiligung sei, konnte Ver.di am Dienstag Vormittag noch nicht mitteilen. Ein Konzernsprecher erklärte erwartungsgemäß, dass die Arbeitsniederlegungen keinen Einfluss auf das Geschäft hätten.

„Die Beschäftigten legen seit Beginn der Corona-Pandemie Höchstleistungen an den Tag, oft ohne hinreichenden Schutz“, sagt Orhan Akman, ver.di-Bundesfachgruppenleiter für den Einzel- und Versandhandel zu den Gründen des Streiks. Diese enorme zusätzliche Belastung zahle sich für sie aber nicht im Geldbeutel aus.

„Während Amazon-Chef Jeff Bezos Milliarden verdient, hat der Konzern die Zulage von zwei Euro pro Stunde, die den Beschäftigten im März gewährt wurde, Ende Mai wieder abgeschafft“, kritisiert der Gewerkschafter.

Amazon könne sich höhere Gehaltssteigerungen durchaus leisten: „Von den wirtschaftlichen Problemen, mit denen sich Ketten des stationären Einzelhandels durch Lockdown und andere Corona-Beschränkungen konfrontiert sehen, ist Amazon weit entfernt.“

Die zwischenzeitlich gezahlte Corona-Zulage solle daher in einem ersten Schritt in eine dauerhafte tariflich abgesicherte Gehaltserhöhung für alle umgewandelt werden.

Lücke bei Sonderzahlungen sowie fehlender Tarifvertrag

Zwar habe der Konzern den Beschäftigten im September eine Gehaltserhöhung von 1,8 Prozent gewährt und sich damit einmal mehr an den tarifvertraglich im Einzelhandel vereinbarten Einkommenssteigerungen orientiert. „Allerdings klafft nach wie vor eine Lücke bei Sonderzahlungen wie dem Weihnachts- und Urlaubsgeld“, so Akman.

Zudem verweigert Amazon – obwohl es ein Weltkonzern ist – weiterhin einen Tarifvertrag. Dazu gäbe es nun „keine Alternative, zumal Amazon nun auch Mitglied im Handelsverband Deutschland ist“, erklärte Akman. Grundsätzlich halte ver.di an einer Allgemeinverbindlichkeit von Tariflöhnen fest. Sollten Unternehmen weiter blockieren, müsse das Gesetz so geändert werden, dass einseitige Blockaden auf dem Rücken der Beschäftigten nicht länger möglich sind. „Die Schnäppchenjagd muss beim Gehalt aufhören“, so Akman.

Kritik an „Union-Busting“

Neben der Lohnpolitik kritisiert Akman auch die jüngsten Enthüllungen über die Bespitzelung von Amazon-Beschäftigten und die Versuche, Gewerkschaften mit „Geheimdienstmethoden“ aus den Betrieben fernzuhalten. „Es kann nicht sein, dass ein Unternehmen sich über Recht und Gesetz hinwegsetzt. Die Beschäftigten sind kein Freiwild,“ sagte der Handelssekretär von ver.di.

In den vergangenen Tagen haben Gewerkschaften aus 15 europäischen Ländern, unter ihnen ver.di, von der EU-Kommission gefordert, eine Untersuchung über entsprechende, möglicherweise illegale Handlungen von Amazon gegen Beschäftigte dieses Unternehmens in Europa einzuleiten. 37 Europaabgeordnete haben sich in einem offenen Brief an Amazon-Chef Jeff Bezos gewandt und ihn zu einer Kursänderung aufgefordert.

Amazon argumentiert dagegen, dass das Unternehmen bereits „exzellente Löhne, exzellente Zusatzleistungen und exzellente Karrierechancen“ in einer „sicheren, modernen Arbeitsumgebung“ biete.


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