Gestern waren weltweit Hunderttausende auf den Straßen, um gegen Gewalt an Frauen zu demonstrieren. Auch Polizeigewalt und strenge Auflagen konnten sie nicht aufhalten, Femizide, Partnerschaftsgewalt und staatliche Gewalt an Frauen zu verurteilen und Verantwortliche anzuprangern. Pandemie und Wirtschaftskrise haben die Gewalt gegen Frauen noch verschärft. 

Deutschland

Vielerorts waren aus Gründen des Infektionsschutzes die Proteste von Seiten der Polizei stark eingeschränkt worden. Trotzdem eroberten sich gestern weibliche Demonstrantinnen in mindestens 20 Städten die Straßen anlässlich des „Internationalen Tags gegen Gewalt an Frauen“.

Der Protest fand in diesem Jahr vor dem Hintergrund statt, dass sowohl die Wirtschaftskrise als auch der Lockdown die Gewalt gegen Frauen verschärft hat: Sie werden in systemrelevanten Berufen vermehrt ausgebeutet, leisten mehr unbezahlte Care-Arbeit, sind häufiger prekär beschäftigt und noch angreifbarer durch häusliche Gewalt.

Chile

Es ist mehr als ein Jahr her, dass das Kollektiv „Las Tesis“ mit der Performance „Un violador en tu camino“ kämpfende Frauen auf der ganzen Welt zusammenbrachte. Gestern performten Tausende den getanzten Sprechgesang auf dem „Plaza Dignidad“. Im Rahmen der Proteste 2019 hatten die Demonstrant:innen diesen Platz, der eigentlich „Plaza Baquedano“ heißt, umgetauft zum „Plaza Dignidad“ – zum „Platz der Würde“.

https://twitter.com/RosarioOlivares/status/1331751185381003265

Frankreich

Trotz hoher Auflagen zum Infektionsschutz kamen auch am Place de la République in Paris Tausende zusammen. Auch in Frankreich ist seit den Lockdowns das Aufkommen an Frauennotrufen um rund 15% gestiegen. 2019 gab es in Frankreich 142.310 Notrufe wegen häuslicher Gewalt. Reden und Plakate prangerten auch die Rolle des Staates an. So lautete eine Parole: „Police de l’État valet du patriarcat!“ – „Die Polizei ist Staatsdiener des Patriarchats“.

Mexiko

In Mexiko Stadt kam es zu teils heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei und zeitweisen Festnahmen. Mit farbigem Gas versuchten die Polizisten, die Proteste zu kontrollieren. Dennoch konnten die Frauen ihre Demonstration fortsetzen.

Aufgrund der Polizeigewalt nutzten die Demonstrant:innen an diesem Tag den Hashtag #NoMeCuidanMeReprimen (Sie helfen mir nicht, sie unterdrücken mich). Die Stadt beteiligte sich an einer Aktion der UN, die den 25. November zum „OrangeDay“machen möchte. Weltweit strahlen Städte aus diesem Anlass große Gebäude in orangefarbenem Licht an. Ein bizarres Bild produzierten deshalb die Polizeiketten vor der in Orange angeleuchteten städtischen Sicherheitsbehörde.

Schweiz

In Zürich kamen am Abend rund 300 Frauen zusammen gegen das kapitalistische System und patriarchale Gewalt. In Basel benannten Aktivistinnen des „Frauenrats Ronahî und der Bewegung junger kämpferischer Frauen“ (TEKO-JIN) im Zuge der Kampagne „100 Gründe, den Diktator zu verurteilen“ Straßen und Plätze um. Sie verwandten dabei Namen von ermordeten Frauen und erklärten eine Brücke zur „Jin-Jiyan-Azadî-„Brücke.

Türkei

In der Türkei leitete Diktator und Präsident Erdoğan selbst den 25. November mit einer Ansprache ein: „25. November, internationaler Tag für die Bekämpfung von Frauen“, beginnt er seine Rede und fährt fort, ohne sich zu korrigieren.

Einmal mehr machte er sich damit zum Gespött der kämpfenden Frauen an diesem Tag. Bei ihren Protesten zeigten sie auch, wie viel Wahrheit in seinem Versprecher lag. Sie gedachten der ermordeten Frauen in der Türkei, forderten die Umsetzung der Istanbul-Konvention und machten die Rolle des Staates deutlich. Gewalt an Frauen wird in der Türkei selten geahndet, und der türkische Staat setzt sie als militärisches Mittel ein.

Kampagnen-Start: „100 Gründe, den Diktator zu verurteilen!“

Für die kurdische Frauenbewegung markierte dieser 25. November auch den erfolgreichen Start ihrer Kampagne „100 Gründe, den Diktator zu verurteilen!“. Im Zentrum standen die Frauen, deren Leben durch einen Feminizid ausgelöscht wurde. Ein Feminizid ist ein Mord an einer Frau, der aufgrund ihres Geschlechts verübt wird. Die Kampagne setzt sich dafür ein, Feminizide auf internationaler Ebene als ‚Verbrechen gegen die Menschlichkeit‘ anerkennen zu lassen.

Dazu gedachten die Frauen in vielen großen und kleinen Städten Deutschlands der ermordeten Frauen und zogen Erdogan für diese Morde zur Verantwortung. Und auf der Website der Kurdischen Frauenbewegung stellt z.B. eine Kampagne die Biografien von 100 politisch verfolgten und ermordeten Frauen vor. Bis zum 8. März, dem Internationalen Frauentag, wollen die Aktivistinnen ihre Kampagne fortführen.


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