Der Abstand zwischen hohen und niedrigen Einkommen in Deutschland wird durch die Corona-Pandemie weiter wachsen. Menschen mit schon vorher niedrigen Einkommen sind im bisherigen Verlauf der Krise fast doppelt so häufig von Einbußen betroffen wie Menschen mit hohen Einkommen. Damit verschärft sich ein Trend, der schon die wirtschaftlich starken 2010er-Jahre gekennzeichnet hat.

Das zeigt der aktuelle „WSI-Verteilungsbericht“ der Hans-Boeckler-Stiftung – der jährliche Bericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI), diesmal erstellt von Bettina Kohlrausch, Aline Zucco und Andreas Hövermann.

„Deutschland ist bislang besser durch die Coronakrise gekommen als viele andere Länder. Trotzdem gilt auch bei uns: Menschen, die zuvor schon wenig hatten, sind besonders oft und besonders hart von wirtschaftlichen Verlusten betroffen. Denn sie arbeiten oft an den Rändern des Arbeitsmarktes. Dort werden sie nur unzureichend durch Schutzmechanismen in den Sozialversicherungen oder durch Tarifverträge erfasst, die viele Beschäftigte im mittleren Einkommensbereich bisher recht effektiv vor drastischen Einkommenseinbußen bewahrt haben“, fasst Kohlrausch die Ergebnisse zusammen.

Ungleichheit steigt langfristig

Im Vergleich der Industrieländer liegt die Einkommens-Ungleichheit in Deutschland auf einem mittleren Niveau, doch die Einkommen sind aktuell deutlich ungleicher verteilt als noch in den 1990er-Jahren. Rund um die Jahrtausendwende stiegen höhere Einkommen stark, während mittlere und insbesondere niedrigere Einkommen zurückblieben.

Zugleich lag aber der Anteil der Haushalte, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben und damit nach gängiger Definition als ‚arm‘ gelten, 2017 mit 16 Prozent um zwei Prozentpunkte höher als 2010. Überproportional von Armut betroffen sind demnach Alleinerziehende, Arbeitslose, Menschen mit Migrationshintergrund und Ostdeutsche. Dagegen haben Personen mit Hochschulabschluss, Selbstständige, Beamte und Angestellte ein deutlich unterdurchschnittliches Armutsrisiko.

Niedrigverdiener leiden unter Corona-Krise

In der Corona-Krise hat sich danach der Rückstand der niedrigen Einkommen noch verschärft. Und diesmal fallen auch Haushalte im unteren Bereich der mittleren Einkommensgruppen gegenüber jenen mit hohen Einkommen zurück: Je niedriger ihr Einkommen schon vor der Krise war, desto häufiger haben Befragte im Zuge der Pandemie an Einkommen eingebüßt. Zudem steigt mit abnehmendem Einkommen auch der relative Verlust: wer weniger hatte, hat auch viel verloren.

  • Konkret haben im Durchschnitt aller Befragten bis Juni 2020 knapp 32 Prozent Einkommenseinbußen hinnehmen müssen.
  • Bei denjenigen, mit Haushaltseinkommen unter 1.500 Euro netto monatlich, lag der Anteil deutlich über 40 Prozent.
  • In der untersten der mittleren Einkommensgruppen, die zuvor ein monatliches Nettoeinkommen von 1.500 bis 2.000 Euro hatte, waren knapp 37 Prozent betroffen.
  • Von den Befragten mit Haushaltsnettoeinkommen über 4.500 Euro berichteten lediglich rund 26 Prozent von Einbußen.

Neben den Selbstständigen waren vor allem prekär Beschäftigte wie Leiharbeiter:innen und Minijobber:innen betroffen. Stärker verbreitet waren Einkommensverluste auch bei Menschen mit Migrationshintergrund und Familien mit Kindern.

Gründe für sinkende Einkommen

Als wichtigen Grund für spürbare Einkommenseinbußen nennt das WSI neben dem Verlust von Umsätzen bei Selbstständigen oder dem Verlust des Arbeitsplatzes die Kurzarbeit. Diese sichert in der Krise zwar zahlreiche Jobs, könne aber empfindliche Einbußen mit sich bringen. Einkommensstützend könne dabei ein Tarifvertrag sein.

So erhielten im Fall von Kurzarbeit im Durchschnitt 58 Prozent der Beschäftigten, die nach einem Tarifvertrag bezahlt wurden, eine Aufstockung. In Unternehmen ohne Tarifbindung waren es hingegen lediglich 34 Prozent. Ähnlich groß fiel der Vorsprung in Betrieben mit Betriebs- oder Personalrat aus.

Menschen mit Niedrigeinkommen arbeiten seltener in tarifgebundenen, mitbestimmten Betrieben, sie haben also eine geringere Chance auf Aufstockungen. Selbst mit dem gesetzlichen Kurzarbeitergeld allein landen Niedrigverdienende schnell unterhalb des Existenzminimums.

Maßnahmen gegen wachsende Ungleichheit

Dass die Ungleichheit 2020 deutlich steigt, ist aus Sicht der Wissenschaftlerinnen auch deshalb wahrscheinlich, weil sich die Vermögen, die noch weitaus ungleicher verteilt sind als die Einkommen, in der Krise bislang als stabil erwiesen hätten. Die Reichen bleiben reich, die Armen bleiben arm.

Gegen die wachsende Ungleichheit empfehlen Kohlrausch, Zucco und Hövermann mehrere kurz- und langfristig wirkende Maßnahmen. Dazu zählen aus ihrer Sicht kurzfristig:

  • Anhebung des Kurzarbeitergeldes, insbesondere für Beschäftigte mit Niedrig-Einkommen,
  • Verlängerung der Bezugsdauer von Arbeitslosengeld I für den gesamten Zeitraum der Krise,
  • dauerhafte Anhebung des Hartz-IV-Regelsatzes auf ein „armutsfestes“ Niveau,
  • mehr Qualifizierungsmöglichkeiten während der Kurzarbeit – dazu müsste das Qualifizierungschancengesetz gestärkt werden.

Weitere notwendige Maßnahmen wären:

  • Anhebung des allgemeinen gesetzlichen Mindestlohns auf 60 Prozent des mittleren Lohns von Vollzeitbeschäftigten,
  • Stärkung der Tarifbindung, unter anderem durch eine gesetzliche Tariftreueklausel als Voraussetzung für öffentliche Aufträge,
  • bessere Anerkennung der Ausbildungsabschlüsse von Menschen mit Migrationshintergrund und mehr Qualifizierung,
  • Rückkehr zu einer progressiven Besteuerung von Kapitalerträgen und stärkere Besteuerung sehr hoher Erbschaften, um eine weitere Konzentration von Vermögen zu begrenzen.

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