Am 19.09.1991 starb der aus Ghana stammende Samuel Kofi Yeboah bei einem rassistischen Brandanschlag in Saarlouis-Fraulautern. Jahrzehntelang leugnete die regionale Politik den rassistischen Zusammenhang des Anschlags, ermittelte die Polizei „in alle Richtungen“. Und das, obwohl antifaschistische und linke Gruppen, sowie zivilgesellschaftliche Organisationen seit nunmehr fast 30 Jahren kontinuierliche (Öffentlichkeits-)Arbeit leisten. Im Gegenteil: angebrachte Gedenksteine wurden von der Stadt Saarlouis entfernt, Aktivist:innen kriminalisiert. Seit Sommer 2020 bekommt der „Kriminalfall Samuel Yeboah“ neue Brisanz. Die Bundesstaatsanwaltschaft ermittelt. – Ein Kommentar von Emanuel Checkerdemian

30 Jahre Lügen, Verleumdung und Verdrängung

Als in der Nacht vom 19. September 1991 das Treppenhaus der Geflüchtetenunterkunft in der Saarlouiser Straße Feuer fängt, hat dies fatale Folgen für die Bewohner:innen. Können einige noch durch Fenstersprünge das eigene Leben gegen Knochenbrüche oder Verbrennungen eintauschen, ist Samuel Yeboah in den Flammen gefangen. Er stirbt kurze Zeit später an den Folgen des Brands. Im Treppenhaus wird Brandbeschleuniger festgestellt, ein Auto soll vom Tatort weggefahren sein.

Saarlouis und das benachbarte Dillingen (Saar) stellten zu diesem Zeitpunkt eine Hochburg der westdeutschen Neonazi-Szene dar. „Nationalbefreite Zonen“, Freie Kameradschaften oder Parteistrukturen, wie die der faschistischen „Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei“ (FAP), waren gut ausgebaut, Demonstrationen und Veranstaltungen an der Tagesordnung. Die starke örtliche Nazi-Skin-Szene hatte hier Party- und Rückzugsorte.

Und so kam der Brandanschlag vom 19.09.1991 nicht allein daher, sondern war Teil einer Serie von Anschlägen im Ballungsgebiet Saarlouis. Am Asylbewerberheim Orannaheim wurde beispielsweise eine Rohrbombe gefunden. Auch bundesweit kam es 1991 und vor allem in den darauf folgenden Jahren immer wieder zu Anschlägen gegen Geflüchtete und Migrant:innen.

Nur wenige Monate später stirbt eine Familie bei einem Brandanschlag im hessischen Lampertheim. Mölln, Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda oder Solingen bestimmen in der Folge des Mordes an Samuel Kofi Yeboah die bundesdeutsche mediale Öffentlichkeit. Und auch antifaschistische Gruppen erhöhten den Druck dahingehend, nach einem rassistischen Motiv für den Mord zu ermitteln.

Die saarländische Polizei tat jedoch genau das nicht! Zwar ließ man sich das Hintertürchen offen, dass ein rassistischer Mord nicht ausgeschlossen werden könne, die Ermittlungen stellte man trotzdem nach nur elf Monaten ein – trotz verschiedener Hinweise, wie dem des beschriebenen PKWs.

Und mehr noch, die Saarlouiser Regionalpolitik tat in den folgenden Jahrzehnten alles dafür, den Mord aus dem Gedächtnis der Stadt zu tilgen. Er sollte dem, im bourgeoisen Stil daher kommenden, Saarlouis nicht den Makel eines Neonazi-Verbrechens anheften. Die Herrschenden der Fress- und Feiermeile des Saarlandes hielten sich selbst für viel zu gut, als dass so etwas in ihren Straßen passieren könnte.

So wurde von der regierenden SPD die „Parole der Ahnungslosigkeit“ ausgegeben: Man wisse einfach nicht genau, was damals geschehen sei. Antifaschist:innen und Antirassist:innen wurden indes für ihre legitime Öffentlichkeits- und Erinnerungsarbeit diskreditiert und kriminalisiert. Gedenkstätten wurden von der Stadt beseitigt, teilweise wehrte sie sich gar juristisch.

Und selbst noch zur Demonstration zum 25. Jahrestag des Brandanschlages – als selbst die bundesdeutschen Archive Samuel Kofi Yeboah schon als Opfer rechter Gewalt anerkannt hatten -, äußerte sich der damalige Oberbürgermeister Henz (SPD) hartnäckig zurückweisend: “Die Stadt Saarlouis und deren Verantwortliche leugnen den Brandanschlag nicht. Aber bis heute, anders als anderswo, gibt es keine eindeutigen Beweise für einen rassistischen Anschlag. Insofern will ich meine und unsere Stadt nicht in Vergleich setzen mit Städten, in denen die Anschläge zweifelsfrei rassistischen Ursprungs waren.“ Eine Politik, die das Antlitz Saarlouis zwar nicht in den bundesdeutschen Archiven sauber halten kann, in der saarländischen Öffentlichkeit dafür umso mehr. – Bis zum Sommer 2020…

Neue Ermittlungen sprechen von rassistischem Mord

Dann nämlich gab die zuständige Generalstaatsanwaltschaft Saarbrücken den Fall überraschend an die Bundesstaatsanwaltschaft ab. Dazu hätten neue Erkenntnisse geführt, wie die Pressestelle in der saarländischen Landeshauptstadt bekannt gab.

Die nun federführende Bundesstaatsanwaltschaft setzte daraufhin eine 18-köpfige Sonderkommission ein, die den Fall neu aufrollen sollte. Ebenso wurde eine Arbeitsgruppe gegründet, die damalige Fehler in den Ermittlungen untersuchen soll. Mit vergleichsweise raschem Erfolg. So war in den Darstellungen der Bundesstaatsanwaltschaft nun die Rede davon, dass man von einer „rechtsextremistischen Tat“ ausgehe und dahingehend ermittle.

Am 15. Januar 2021, fast 30 Jahre nach dem Mord, wendeten sich die Ermittler:innen dann mit neuen Erkenntnissen an die Öffentlichkeit: Ein Mann, der damals 20-30 Jahre alt gewesen sein soll, wurde am Tatort gesehen. Auch der silbergraue PKW, der vom Tatort weggefahren sein soll, weckt nun größeres Interesse. 10.000 Euro hat die Polizei nun zur Belohnung ausgesetzt, um den oder die Täter zu fassen. Ebenso wurden ein Hinweistelefon und eine Postadresse angelegt.

Nach den Jahrzehnten der Verleumdungspolitik in Saarlouis steht nun in der öffentlichen, wie auch der juristischen Ansicht fest, dass es sich beim Tod von Samuel Kofi Yeboah um einen rassistischen Mord handelte. Die örtliche Politik ist nun gezwungen, darauf zu reagieren. Mit ihrer schändlichen Strategie in der Vergangenheit hat sie ein Ergreifen der Täter wohl vollkommen unmöglich gemacht. Sollte der Fall nach all der Zeit nicht mehr aufgeklärt werden können, so ist diese Politik dafür maßgeblich mitverantwortlich!


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