Politik und Wissenschaft debattieren derzeit darüber, wie lange der Lockdown für unser Privatleben, Freizeitaktivitäten und die Schulbildung noch anhalten soll. Währenddessen hüllt man sich wie selbstverständlich in Schweigen, wenn es um das Ende von vielen Betriebsferien und den heutigen Arbeitsstart für Millionen von Beschäftigten geht. Ein Kommentar zur kapitalistischen Doppelmoral – von Tim Losowski.

Es ist Montag früh, 3. Januar – die Top5-Trends bei Twitter: „Start in die Woche“, „Wochenstart“, „Erster Arbeitstag,“MondayMotivation“ und „Arbeitsjahr“. Behörden machen wieder auf. Vielerorts gehen Lockdown-bedingte Werksferien heute oder in dieser Woche zu Ende. Wie selbstverständlich machen sich wieder Millionen Menschen in Deutschland daran, ihre Arbeitskraft im Unternehmen einzusetzen – und sich der Ansteckung durch Covid 19 auszusetzen.

Während für unser Privatleben alles weiterhin bis ins Kleinste geregelt ist und hohe Geldbußen bei Verstößen drohen, blieb es bei den Unternehmen nämlich beim Bitten.

So hieß es im Beschluss der Bund-Länder-Konferenz über die Corona-Maßnahmen von Mitte Dezember, dass alle Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber „dringend gebeten“ würden „zu prüfen“, ob die Betriebsstätten entweder durch Betriebsferien oder Home-Office-Lösungen bis 10. Januar 2021 geschlossen werden könnten. Sanfter kann man es nicht formulieren.

Tatsächlich gibt es einige Unternehmen, die dies umsetzen (konnten), doch für viele heißt es spätestens heute wieder: Tore auf.

Krankenhäuser und Altenheime hatten natürlich erst gar nicht erst zu. Aber Unternehmen wie  Zalando oder Amazon waren ebenfalls nicht geschlossen, Corona-Ausbrüche finden auch hier statt, zogen und ziehen jedoch keine gesetzlichen Konsequenzen nach sich.

Während Polizist:innen im Einsatz gegen das Rodeln sind, sollen wir ruhig weiter arbeiten gehen – das bringt die ganze kapitalistische Doppelmoral auf den Punkt. Im Zentrum steht eben nicht der Gesundheitsschutz, sondern die Aufrechterhaltung des Profitsystems – wofür man nun mal einigermaßen arbeitsfähige Arbeitskräfte braucht.

Da der Staat vor allem für das Kapital liefert, heißt das für uns als Arbeiter:innen: im Zweifel auch im Betrieb unseren Arbeitsschutz selbst in die Hand zu nehmen – konkret: Schutzmaßnahmen, Boni und Arbeitserleichterungen durchzusetzen.


Wir schreiben für Perspektive – ehrenamtlich und aus Überzeugung. Wir schalten keine Werbung und nehmen kein Geld von Staat oder Konzernen an. Hilf' uns dabei, unseren unabhängigen Journalismus zu erweitern: mit einer einmaligen Spende, einem regelmäßigen Beitrag bei Paypal, Steady oder am besten als Mitglied in unserem Förderverein.