Tausende Student:innen der Istanbuler Boğaziçi-Universität protestieren gegen den von Erdogan ernannten Rektor und sagen: „Wir wollen keinen staatlich ernannten Rektor.“ Am gestrigen Dienstag reagierte der Staat mit Hausdurchsuchungen und Inhaftierungen, doch die Proteste gehen weiter.

Was ist passiert? Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan setzte persönlich Rektoren an fünf Universitäten ein, darunter an der renommierten Boğaziçi-Universität in Istanbul.

Melih Bulu, ein Kandidat der AKP bei den Kommunalwahlen 2009 und den Parlamentswahlen 2015, wurde zum Rektor der Boğaziçi-Universität ernannt. Die Student:innen der Boğaziçi-Universität reagierten in den Sozialen Medien auf Melih Bulus Ernennung mit den Worten „#WirwollenkeinenStaatsrektor“.

Die Solidaritätsplattform der Boğaziçi Student:innen boykottierte daraufhin die Online-Kurse für Montag, den 4. Januar, veröffentlichte am Vormittag eine Pressemitteilung und rief zu einer Protestkundgebung auf. In der Pressemitteilung heißt es unter anderem: “In der Boğaziçi Universität wurde ein neuer Rektor ernannt, Kapitalist und AKP-Politiker Melih Bulu. Halten wir es kurz, Melih Bulu ist nicht unser Rektor, wir wollen keinen Rektor im Auftrag des Staates.”

Nach stundenlangem entschlossenem Widerstand von Hunderten von Student:innen und Dozent:innen verschiedener Universitäten, die dem Aufruf der Bogazici-Student:innen folgten, begannen brutale Polizeiangriffe. Die Masse wehrte sich gegen die Offensive und hinderte die Wasserwerfer und Polizeieinheiten, die Universität zu betreten. Nachdem sie das Eindringen der Polizeieinheiten blockieren konnten, gaben die Student:innen eine Erklärung ab und riefen am Dienstag, 5. Januar, erneut zu einen Boykott der Online-Kurse und für Mittwoch, 6. Januar, zu einer Versammlung vor der Universität auf.

Der AKP-Sprecher, Ömer Çelik, sprach daraufhin gestern Abend nach der Sitzung des Vorstands seiner Partei mit der Presse und nahm die Student:innen der Universität Boğaziçi in kriminalisierender Weise ins Visier. Er verteidigte die Ernennung des Rektors durch die AKP und verteidigte sich auch weiter gegen die Kritik von Student:innen und Akademiker:innen , weil “die akademische Freiheit bedroht“ werde.

Stattdessen versuchte er, den Protest der Student:innen zu illegalisieren: „Studenten der Bogazici-Universität in der Türkei sind unsere Würde. Aber jetzt sehe ich, dass einige Studenten, die euch nicht vertreten, zu Demonstrationen aufrufen. (…) Die Boğaziçi-Universität gehört nicht zu dieser oder jener Gruppe, sondern zu unserer gesamten Nation.“

Regierung reagiert mit Festnahmen auf Proteste

Nachdem der AKP-Sprecher Çelik auf der Pressekonferenz die Student:innen der Boğaziçi-Universität ganz persönlich anklagte, wurden am Dienstagmorgen Hausdurchsuchungen und Inhaftierungen gegen 17 Student:innen vollzogen. Die inhaftierten Student:innen wurden körperlich misshandelt und mussten sich auf der Polizeiwache nackt ausziehen. Bereits während den Hausdurchsuchungen kam es in einigen Fällen zu Polizeiübergriffen, sowie Vergewaltigungs- und Morddrohungen gegen die Student:innen. Außerdem wurde während der Durchsuchungen auch die Hauswand eines Studenten, der nicht zu Hause war, durch die Polizei zertrümmert, da sie nicht durch die Haustür eindringen konnten.

Die Namen der Inhaftierten lauten wie folgt : Taylan Özgür Karatepe, Ahmet Furkan Polatkan, Havin Özcan, Yıldız İdil Şen, Ulaş Çelik, Azad Aksoy, Ferhat Can, Cihan Çiçek, Şilan Delipalta, Burak Çetiner, Arda Yüksel, Doğukan Gürbey, Roni Gören, Denizhan Eren, Kudret Çetinkaya, Tuana Oğuz, Ferhat Ergen.

Bereits am Dienstag wurde eine Solidaritätsaktion für die 17 Student:innen organisiert, die wegen ihrer Teilnahme am Widerstand an der Boğaziçi-Universität inhaftiert wurden. Die Student:innen riefen dabei wiederholt, dass sie den ‚Handlanger‘-Rektor nicht wollten und dass sie seinen Rücktritt forderten. In der Erklärung, die im Namen der Student:innen abgegeben wurde, wurde daran erinnert, dass viele Menschen nach ihrem Widerstand mit Inhaftierungen aufwachten.

Die Aktion endete mit den Slogans: „Dies ist nur der Anfang, setze den Kampf fort“ oder „Schüler und Lehrer in Solidarität“. Die Aktionen und die Solidarität werden auch in den kommenden Tagen weiter gehen.


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