Die Proteste an der Istanbuler Boğaziçi Universität gegen den von Erdoğan ernannten Staatsrektor Melih Bulu gehen weiter. Vorgestern und gestern wurden mehr als 150 Student:innen mit Gewalt festgenommen und misshandelt. Während der Widerstand der Student:innen anhält, unterstützen Menschen im ganzen Land die Proteste.

Letzte Woche wurde in einer Kunstgalerie, die von Student:innen der Boğaziçi-Universität organisiert wurde, ein Bild gezeigt, auf dem LGBTI+ Fahnen und die Kaaba (das islamische Heiligtum in Mekka) zu sehen sind. Nach Verleumdungen in den Medien und einer homophoben und transphoben Kampagne, an der auch Innenminister Süleyman Soylu beteiligt war, wurden wegen des Bildes zwei Student:innen verhaftet und ins Gefängnis gesteckt.

Die neu gegründete Plattform „Boğaziçi Dayanışması“ (Boğaziçi Solidarität) gab eine Erklärung ab, in der sie einen Aufruf zu weiteren Protesten formulierte und erklärte, dass ihr „Widerstand sich den Verhaftungen, Festnahmen, Repressionen und Angriffen nicht beugen wird“. Die demonstrationen halten mittlerweile seit mehreren Wochen an.

Bei den Protesten am Wochenende und am Montag griff die Polizei die Student:innen an und nahm 159 von ihnen fest, Scharfschützen wurden rund um die Universität platziert. Student:innen, die auf dem Weg zur Universität waren, wurden gewaltsam mit den Worten „schaut nach unten“ verhaftet. Diese Worte wurden schnell zum Slogan der Proteste, der als Hashtag #AsagiyaBakmayacagiz („Wir werden nicht nach unten schauen“) Trend in den sozialen Medien wurde. Während all dies geschah, fand in einem anderen Teil Istanbuls eine islamistisch-faschistische Demonstration statt, ohne dass die Polizei eingriff.

Die meisten der inhaftierten Student:innen wurden danach freigelassen, doch 10 Sozialist:innen und Revolutionär:innen – darunter Mitglieder der Sozialistischen Partei der Unterdrückten (ESP), der Föderation der Sozialistischen Jugendvereine (SGDF) und der Partei der Sozialistischen Wiedergründung (SYKP) – wurden dem Gericht zur Verhaftung vorgeführt. Die Erdogan-Medien behaupteten, dass diese Student:innen Mitglieder von „Terrororganisationen“ seien.

Die Proteste hörten damit jedoch nicht auf und verbreiteten sich mit den Solidaritätsprotesten in anderen Städten wie Ankara, Izmir, Adana und Antalya. In Istanbul wurden die von Student:innen organisierten Proteste im Stadtteil Kadıköy verboten. Die Polizei begann ihre Verhaftungen in den benachbarten Bezirken Beşiktaş und Sarıyer. Die Polizeigewalt und Folter wurden heftiger, aber da die Bevölkerung die Student:innen unterstützte und abwehrend auf die Polizei reagierte, und sich mehr und  Student:innen auf den Straßen versammelten, wurde der ganze Bezirk Kadıköy zum Protestgebiet.

Tausende von Menschen marschierten durch die Straßen mit den Slogans „Wir wollen keinen Staatsrektor“, „Es gibt keine Befreiung allein, entweder wir alle oder keiner von uns“ und „Dies ist nur der Anfang, setze den Kampf fort!“. Die Proteste sollen auch in den kommenden Tagen in weiteren Orten verstärkt weitergehen.


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