Die anstehenden Massenentlassungen beim schwedischen Textilkonzern „Hennes & Mauritz“ haben nichts mit dem Corona-Virus zu tun. In Wirklichkeit ist die Pandemie aus Sicht der verantwortlichen Kapitalist:innen ein willkommenes Unglück, um lang geplante Entlassungen zu rechtfertigen. – Ein Kommentar von Nataliya Winter

Jede Wirtschaftskrise hat einen Namen. 2008/2009 wurde die damalige Krise eine „Immobilien-Krise“ und „Banken-Krise“ genannt, 2020/2021 bekommt sie den Namen „Corona-Krise“. Dieser Versuch, einen konkreten Schuldigen auszumachen und die Verantwortung von sich weg zu schieben, geht in die völlig falsche Richtung und soll nur vom eigentlichen Problem ablenken.

Das System ist schuld

Wirtschaftskrisen kehren nämlich in einem profitorientierten System regelmäßig wieder, und deshalb gilt es auch heute zu sagen: Nicht Corona ist schuld, sondern das System – und das heißt Kapitalismus.

Seit fast 2 Jahren befinden wir uns in einer solchen kapitalistischen Wirtschaftskrise, welche sich durch die Corona-Pandemie nochmals verschärft hat. Die Wirtschaftskrise, die wir jetzt erleben, unterscheidet sich in einigen Merkmalen von anderen Wirtschaftskrisen, da durch die Corona-Maßnahmen auch Branchen betroffen sind, die sonst eher weniger tangiert wären.

Frauen in der Krise

In diesen Branchen arbeiten vermehrt Frauen: zum Beispiel in der Gastronomie, der Tourismusbranche und im Einzelhandel. Hier arbeiten Millionen von Arbeiter:innen und weiblichen Angestellten, die jetzt von der Arbeitslosigkeit und Armut bedroht sind.

Die Weltwirtschaftskrise hat den Bereich der Leih- und Zeitarbeit noch ausgebaut, ebenso den Beschäftigungsanteil im prekären Sektor. Dies diente und führte dazu, die Kosten, die durch die Finanzkrise entstanden sind, auf die Arbeiter:innenklasse abzuwälzen. Frauen sind aber mehrfach davon betroffen, weil sie weltweit wesentlich häufiger unter prekären Bedingungen beschäftigt sind als Männer.

Vor allem migrantische Frauen verdienen in der Regel deutlich schlechter. Die Gründe dafür sind vielfältig. Zum einen ist die Quote von lohnabhängigen Migrant:innen ohne Berufsabschluss mit 35% mehr als dreimal so hoch wie bei einheimischen Frauen. Zum anderen sind rund 40% für ihren ausgeübten Berufentgegen dem Klischee der schlecht ausgebildeten Fachkraft aus dem Auslandüberqualifiziert.

Das liegt vor allem an im Ausland erworbenen Berufsabschlüssen und der mangelnden Anerkennung durch deutsche Behörden. Dadurch sind sie deutlich schlechter gestellt als die übrigen Frauen im Land.

Trotz dieser Unterschiede haben die Arbeitsplätze der Arbeiterinnen eine große Gemeinsamkeit – egal ob „einheimisch“ oder migrantisch: Wenn es darum geht, am Personal zu sparen, sind sie in der Regel als Erste betroffen. In den nächsten Monaten drohen massive Massenentlassungen, durch die Frauen wieder zu unbezahlter Haus- und Care-Arbeit und zur Abhängigkeit vom Mann und vom Staat verdammt werden.

Entlassungen bei H&M

Das aktuellste Beispiel hierfür ist die geplante Entlassung von wieder ca. 800 Arbeiter:innen bei H&M, was laut Führungsetage unumgänglich sei. Es stimmt, dass die Einnahmen auch bei H&M im letzten Jahr eingebrochen sind. Der Jahresumsatz lag dennoch bei rund 18,3 Milliarden Euro! Die Entlassungen wären also – rein finanziell betrachtet – nicht notwendig.

Von dieser Willkür betroffen sind in erster Linie junge Mütter in Elternzeit. Mütter rechnen sich für den Konzern nämlich nicht, denn meistens können und wollen sie wegen der Kinderbetreuung weder abends noch an Samstagen arbeiten – doch dies sind halt die umsatzstärksten Zeiten.

Um in der Öffentlichkeit nicht ganz so schäbig dazustehen, hat H&M sich eine elegante Lösung ausgedacht: Die betroffenen Arbeiter:innen werden nämlich nicht direkt gekündigt. Sie erhalten zuerst ein Angebot, das eine Abfindung mit einem bestimmten Betrag pro Kind unterbreitet. Das ist der Versuch, bereits schon dann Mütter loszuwerden, wenn sie durch die Schwangerschaft oder die Elternzeit noch vor einer Kündigung geschützt sind. Sie sollen ihrer Entlassung einfach freiwillig zustimmen.

Diese sogenannten „Freiwilligenprogramme“ des Milliarden-Konzerns existieren jedoch nicht erst seit Corona. Damit widmen wir uns der Frage, was die Sparmaßahmen von H&M überhaupt mit der Corona-Pandemie zu tun haben, und kommen damit zurück zum Beginn dieses Beitrags. Das Vorgehen von H&M hat nämlich rein gar nichts mit der Pandemie zu tun!

Entlassungen und Filialschließungen waren schon seit Jahren geplant! Die Pandemie kommt gerade recht, um einen Schuldigen zu finden und mitleidheischend sagen zu können, man habe doch keine andere Wahl. Doch bereits seit Dezember 2017 wurden in Deutschland rund 50 Filialen geschlossen, und ca. 3.000 Arbeiter:innen wurden entlassen. Dies alles geschah im Zuge der schnell fortschreitenden Digitalisierung auf Kosten der Angestellten, die dadurch schnell und kostengünstig ersetzt werden konnten.

Patriarchat & Kapitalismus

Für die Entscheidung, wer am einfachsten entlassen werden könnte, waren sich die Chefs in Nürnberg für nichts zu schade: Hier wurden die Arbeiter:innen über Jahre hinweg systematisch ausspioniert. Es wurden private Daten über familiäre Probleme und Familienplanung, gesundheitliche Einschränkungen und Diagnosen, Weltanschauungen und religiöse Ansichten gesammelt. Für diesen Verstoß gegen das Datenschutzgesetz wurde H&M zu einer hohen Geldstrafe verurteilt.

Was hier jedoch keine Berücksichtigung fand, ist, wie die Einsparung an Personal zur eigenen Profitmaximierung auf dem Rücken der Arbeiter:innen ausgetragen wurde. Denn diese Spionage diente letztlich nur der bestmöglichen Berechnung darüber, wer sich langfristig für den Konzern auszahlt und wer eben nicht. Und auch hier sind es neben kranken Menschen wieder junge Frauen mit Familienplanung und Mütter, die betroffen sind.

Die Gewerkschaft ver.di kritisiert dieses Vorgehen schon seit längerem. Ver.di sagt, dass der H&M- Deutschlandchef sich wie ein Patriarch verhalte, der über die Köpfe der Frauen hinweg Entscheidungen treffe. Natürlich hat ver.di damit recht, aber der Kern der Sache wird verkannt. Denn in erster Linie verhält sich der H&MDeutschlandchef wie ein typischer Kapitalist, der patriarchale Strukturen für sich zu nutzen weiß. Sein Verhalten zeigt, wie sehr das System darauf angewiesen ist, Frauen klein zu halten und in den häuslichen Bereich zurückzudrängen.

Deshalb lassen sich auch patriarchale Einstellungen und Strukturen, wie sie durch die Kündigungen vieler Frauen bei H&M deutlich werden, nicht ohne den Kampf gegen das kapitalistische, profitorientierte System bekämpfen.

Nicht auf unserem Rücken!

Es gibt bereits seit Jahren organisierten Protest von H&M-Arbeiter:innen gegen die schlechten Arbeitsbedingungen und Filialschließungen. Dieser Arbeitskampf wird von allen Frauen gemeinsam geführt, egal woher sie stammen oder wie alt sie sind. Daraus müssen wir lernen und die kommenden Arbeitskämpfe in der Wirtschaftskrise unterstützen.

Wir Arbeiter:innen lassen uns von den Kapitalist:innen nicht spalten in migrantisch und einheimisch oder in jung und alt. Wir halten zusammen und zahlen nicht für deren Krise. Wir sagen: Nicht auf unserem Rücken!


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