Wer hat das Recht auf medizinische Versorgung – und wer nicht? Wer kann sich Gesundheit leisten – und wer nicht? Und findet die Forschung und Produktion durch die Pharmakonzerne wirklich in unserem Sinne statt? Klar – die Antwort muss lauten: Nein! Hier geht es um die Macht von Konzernen und ihr Profitstreben, nicht nur um unsere Gesundheit. – Ein Kommentar der Krankenschwester Linda Stark

Die Prävention von Krankheiten ist ohne Impfungen kaum mehr denkbar. Impfungen haben sich bewiesen, sie haben Krankheiten ausgerottet oder zumindest bedeutend eingedämmt. Sie haben gezeigt, wie wichtig medizinische Forschung ist und wieviel Leid medizinischer Fortschritt verhindern kann.

Aber die Erforschung von Krankheiten – und wie man diese bekämpft – geschieht nicht im luftleeren Raum, sondern im Zusammenhang eines globalen Kapitalismus, von dem wenige imperialistische Staaten am meisten profitieren.

Die Corona-Pandemie hat viele Missstände aufgedeckt und verschärft, die schon zuvor existierten, und dazu gehört auch, wie um Gesundheit verhandelt wird.

Das Spiel von Pfizer und BionTech

Erst vor wenigen Tagen wurde in verschiedenen Medien berichtet, dass Pfizer und BionTech ihre Liefermengen reduzieren werden. Der Grund hierfür sei, dass aus einer Ampulle 6 anstelle von 5 Impfdosen gewonnen werden können. Dies würde gegen die vertraglichen Vereinbarungen verstoßen, da nur 5 Impfdosen pro Ampulle bezahlt wurden.

Die Konzerne schränken nun also die Lieferung ein, um den maximalen Profit zu erzielen – was in ihrem Denken wichtiger ist als die tatsächliche und schnelle Bekämpfung der Pandemie.

Es ist ein Beispiel wie aus dem Bilderbuch, wie hier die Konzerne den Ton angeben und der Staat weitestgehend von ihnen abhängig ist – nicht etwa anders herum. Das schreit geradezu nach der sofortigen Vergesellschaftung der Pharmakonzerne, damit diese gesellschaftlich kontrollierbar werden und endlich nach Bedarf produziert, geliefert und geimpft werden kann, und zwar über die Ländergrenzen hinaus.

Impf-Privilegien – ohne Impfstoff?

In diesem Kontext klingt die hauptsächlich in Bayern gestellte Forderung nach Impf-Privilegien umso absurder. Wenn man doch nicht einmal die Möglichkeit hat, sich impfen zu lassen, kann es nicht angehen, dass man dafür auch noch bestraft wird.

Wir müssen uns klar gegen eine weitere Spaltung der sowieso schon bestehenden Klassengesellschaft positionieren! Es darf nicht sein, dass Menschen belohnt werden, die eher Zugang zu Medizin und Gesundheit haben und sich somit auch leichter für eine Impfung entscheiden können!

Die Grundlage für diese Entscheidung ist nämlich auch das Wissen darüber, was eine Impfung ist, wie diese wirkt und wie es zur Zulassung von Impfstoffen kommt. Und hierfür wiederum benötigt man Aufklärung.

Ein Staat kann nicht erwarten, dass die Impfbereitschaft einer Bevölkerung nur durch das fleißige Werben oder die Einführung von Impf-Privilegien gesteigert wird. Hierfür muss erst einmal die Grundlage in Form von Wissen und Aufklärung geschaffen werden. Und an diesem Punkt erleben wir wieder einmal ein völliges Versagen des Staates.

Impfstoff als Konkurrenzvorteil im globalen Machtkampf

Denn die Verwunderung und Verunsicherung darüber, dass innerhalb nur weniger Monate ein wirksames Mittel gegen das Covid-19-Virus entwickelt werden konnte und nach rekordverdächtig kurzer Zeit schon freigegeben wurde, ist durchaus verständlich.

Doch warum ist das gelungen? Weil gepfuscht wurde und der Impfstoff schlecht erforscht ist? Nein! Weil hier die notwendigen Gelder geflossen sind und: weil die Investition in eine weltweite Pandemie sich am Ende rentiert, denn die ganze Welt wird von diesem Impfstoff abhängig sein.

Wenn Menschen in der sogenannten „Dritten Welt“ an Erkrankungen sterben, die man längst vermeiden könnte, dann ist das für den globalen Kapitalismus nicht so schlimm, als wenn ein Virus in den Industriestaaten dafür sorgt, dass massenhaft Arbeitskräfte ausfallen.

Deshalb scheint es auch umso wichtiger, diese Arbeitskräfte als erstes wieder arbeitsfähig zu machen, indem die reichen Industriestaaten als erstes von dem Impfstoff profitieren. Es geht auch hier um den internationalen wirtschaftlichen Wettbewerb und die Sicherung von Vormachtstellung.

Der Schutz der Bevölkerung ist also gleichbedeutend mit dem Schutz des Marktes, denn nur eine gesunde Bevölkerung lässt sich auf dem Arbeitsmarkt optimal ausbeuten. Die Forderung nach der Freigabe der Patente ist an dieser Stelle unabdingbar.

Wir Pfleger:innen können selbst entscheiden

Doch während die einen belohnt werden sollen für ihre freiwillige Entscheidung, sich impfen zu lassen, sollen die anderen nach Markus Söder am Besten mit einer Impf-Pflicht belegt werden. Und die Anderen sind in diesem Fall Pfleger und Pflegerinnen.

Eine Berufsgruppe, die am nähsten an der Pandemie dran ist, die Zusatzschichten schiebt und am Limit ist, die trotz Quarantäne-Anordnung weiter arbeiten gehen soll und dafür gelegentlich mal ein bisschen Applaus bekommt. Wir werden behandelt wie eine Verfügungsmasse, die stets im Dienste der Gesellschaft die Selbstbestimmung über den eigenen Körper aufgeben soll.

Und noch eine Sache stößt hier bitter auf: Warum wird die Impf-Pflicht nicht auch für andere Gruppen gefordert, die engen und regelmäßigen Kontakt zu kranken und alten Menschen haben, zum Beispiel für Ärzt:innen?

Vielleicht liegt es daran, dass den stigmatisierten Pflegern und Pflegerinnen eigene Entscheidungen einfach nicht zugetraut werden?! Das Bild der „dummen Pfleger:innen“ bekämpft man mit solch einer Politik mit Sicherheit nicht!

Was wir jetzt brauchen, ist stattdessen:

  • die Entprivatisierung aller Krankenhäuser!
  • ein Ein-Kassensystem, über das alle Menschen unabhängig ihrer finanziellen Ressourcen abgesichert sind!
  • die Enteignung aller Pharmakonzerne!
  • eine globale Bekämpfung der globalen Pandemie
  • eine gerechte Verteilung von Impfstoff, unabhängig von Produktionsstandort und Profitinteressen!
  • eine Erhöhung des Personalschlüssels!
  • verbindliche Tarifverträge für alle Gesundheitseinrichtungen – ob ambulanter Dienst, Pflegeheim oder Krankenhaus!

Wir schreiben für Perspektive – ehrenamtlich und aus Überzeugung. Wir schalten keine Werbung und nehmen kein Geld von Staat oder Konzernen an. Hilf' uns dabei, unseren unabhängigen Journalismus zu erweitern: mit einer einmaligen Spende, einem regelmäßigen Beitrag bei Paypal, Steady oder am besten als Mitglied in unserem Förderverein.