Man darf ja gar nichts mehr sagen: In der Sendung „die letzte Instanz“ wird sich über rassismus-kritische Sprache aufgeregt. Wie rassistisch unsere Gesellschaft in der Wirklichkeit ist, wird ausgeblendet. Trotzdem bietet die Show einen Einblick in das Rassismus-Problem unserer Medien. – Ein Kommentar von Enver Liria.

Eingeleitet wurde die Talkshow-Runde mit dem Versprechen, dass in der Show kontrovers diskutiert werde, ja sogar Widersprüche aufeinander prallen würden. Allerdings reicht schon ein Blick auf die Besetzung der Show, um die Einförmigkeit und Einseitigkeit dieses Hochglanz-Trash-Formats zu ahnen.

In der Sende-Serie stimmen die Gäste über vier Fragen ab. Wenn sie einer Frage zustimmen, heben sie die grüne Karte, wenn nicht, die rote. Dann sollen sie in aller Offenheit ihre Meinung begründen. Eingeladen waren diesmal Thomas Gottschalk, die Schauspielerin Janine Kunze, Schlagersänger Jürgen Milski und Fernseh- und Radiomoderator Micky Beisenherz.

„Das Ende der Zigeunersauce: Ist das ein notwendiger Schritt?“

Das war eine der vier Fragen, über die in der Sendung diskutiert werden sollte. Eine wirkliche Diskussion kam aber nicht zustande. Wie denn auch? Man kann sich sicher sein, dass niemand der ausschließlich weißen Anwesenden je Rassismus erfahren hat. Letztendlich lief das Gespräch darauf hinaus, dass sich alle Gäste über die übertriebene Sensibilität aufregten und sich beschwerten, dass man nun nicht mehr „Zigeuner“ sagen dürfe.

Thomas Gottschalk erklärte seine große Solidarität mit den Menschen „dunkler Hautfarbe“. Er wisse sehr genau, wie es sich anfühle, Schwarz zu sein. Er hatte sich nämlich auf einer Party in Beverly Hills, auf der nur weiße Banker:innen waren, als Jimi Hendrix verkleidet und seine Haut schwarz bemalt: „Ich hab zum ersten Mal gewusst, wie sich ein Schwarzer fühlt“.

Danach erklärt Jürgen Milski, der die Nähe zu anderen Kulturen nicht durch seinen Job als Schlagersänger erfahren haben dürfte, dass sich die Ausländer:innen selbst gar nicht um rassistische Begriffe kümmern würden, weil sie ganz andere Probleme hätten. Da ist eindeutig etwas Wahres dran: Als Migrant:in in Deutschland kann man durch Rassismus viel schwerwiegendere Probleme erfahren als die rassistische Sprache. In diesem Land sind Überfälle auf Ausländer:innen und Asylsuchende wie auch Polizeigewalt Alltag, oft machen Migrant:innen unsere Drecksarbeit wie in Tönnies Fleischfabrik. Doch das Thema der Diskussion ist nun mal leider nur die rassistische Sprache.

In seiner Selbstgerechtigkeit blendet Jürgen Milski dazu noch aus, dass der Moderator kurz davor ein Statement des „Zentralrats Deutscher Sinti und Roma“ vorgelesen hatte, in dem sich über den Begriff „Zigeunerschnitzel“ beschwert wurde.

Alle sind sich wieder darüber einig, dass die Kritik, die regelmäßig online auf das Benutzen von rassistischen Begriffen folgt, übertrieben sei. Nur Micky Beisenherz schaffte es kurz, aus der Echokammer auszubrechen und bemerkte, dass man ja auch einfach aufhören könne, rassistische Sprache zu benutzen. Es sei doch so einfach.

Medien der herrschenden Klasse

Schon diese eine Talkshow-Folge verrät sehr viel über die deutschen Medien. Wieder einmal redet eine abgehobene Schicht über Probleme, die nicht ihre sind. Und man fragt sich: Gäbe es eine noch schlechtere Besetzung für eine Diskussion über Rassismus?

Wenn man über rassistische Diskriminierung von Roma diskutiert, warum lädt man sie nicht einfach ein und fragt sie selbst? Nicht alle Betroffenen sind automatisch Rassismus-Expert:innen und -Referent:innen, aber zahlreiche machen sich Aufklärung und Kampf gegen Rassismus zur Aufgabe.

Doch wir sind es schon gewohnt, in den deutschen Medien nur Menschen in teuren Anzügen zu sehen, die mit ihren Meinungen nach rechts ausscheren und sich dann über Kritik auf Twitter beklagen. Mittlerweile sind wir schon in dem Stadium angekommen, auf dem sich die Promis im Nachhinein auf unglaubwürdige Art dafür entschuldigen, dass sie jemandes „Gefühle verletzt haben“.

Aber wer weiß: Vielleicht sehen wir ja bald mal eine Sendung, in der auch Betroffene zu Wort kommen und in der kritisch diskutiert wird. Einige haben sich schon den Weg in die Medien erkämpft und nehmen eine sehr klare Haltung ein. Ob dann auch alle Anwesenden für die rassistischen Begriffe und gegen deren Umbenennung stimmen werden, ist zu bezweifeln.


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