Pandemie, Wirtschaftskrise und Repression zum Trotz – auf der ganzen Welt haben sich Frauen gestern die Straßen genommen. – Eine kleine Übersicht zu internationalen Protesten von Olga Wolf

Algerien

In Algier, der Hauptstadt von Algerien, kamen hunderte Frauen zusammen. Unter dem Motto „8 mars 2021: nous sommes sortis pour le changement, pas pour faire la fête“ [z.Dt: 8. März 2021: Wir sind hier für Veränderung, nicht zum Feiern“) zogen sie durch die Haupstadt.

Dabei forderten sie Gleichberechtigung und insbesondere eine Reform des Familiengesetzbuchs. Dieses wurde 1984, inspiriert von der Scharia, entworfen und erfuhr seitdem nur geringe Änderungen. Mit Porträts von ermordeten Frauen gedachten die Demonstrantinnen der Opfer von Femiziden. Weitere Proteste gab es in Tizi Ouzou und Béjaïa in Kabylie.

Chile

In Chile standen Frauen in den ersten Reihen der Proteste, die letztlich eine neue Verfassung erkämpft hatten. Sie prangerten die Rolle des chilenischen Staates bei Frauenmorden und patriarchaler Gewalt an. Der Staat seinerseits geht immer noch mit teils heftiger Gewalt gegen die Proteste vor.

In Valparaiso kamen Tausende zum 8. März zusammen, die Polizei versuchte ihren Protest mit Tränengas und Wasserwerfern zu zerschlagen. Im späteren Verlauf des Tages wurde auch Militär in Santiago eingesetzt, es kam zu zahlreichen Verletzten und Festnahmen. In Rancagua kam es ebenfalls zu solchen Versuchen, die Proteste zu verhindern, welche die Frauen prompt beantworteten: Gemeinsam rissen sie die Gatter der städtischen Polizeibehörde nieder, begleitet von Parolen und Rufen „Assesino!“ [z.Dt. „Mörder!“].

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Deutschland

Trotz der Pandemie gab es in einigen Städten Deutschlands die größten Demonstrationen zum 8. März seit langer Zeit, und so waren bundesweit mehrere Zehntausend auf den Straßen. In Berlin kamen rund 15.000 Personen zu einer internationalistischen Demo zum Frauenkampftag.

In Frankfurt beteiligten sich Tausende an einer anti-patriarchalen Demonstration. Dort kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei, als wenig später eine Spontan-Demonstration in Gedenken an den gerade – nach Polizeigewahrsam – verstorbenen Qosay Sadam K. stattfand.

Frankreich

Trotz der Pandemie kamen in Paris wie üblich zehntausende Menschen zusammen. Auch dieses Jahr wurde die Demonstration von einem sehr breiten Bündnis initiiert. In Paris war vor allen Dingen Thema, dass Wirtschaftskrise und Pandemie mit ihren Lockdown-Maßnahmen die Situation der Frauen erheblich verschärft hatten.

Libanon

Der Libanon ist stark gezeichnet von den katastrophalen wirtschaftlichen Entwicklungen der letzten Monate. Die Wut der Bevölkerung über zunehmende Prekarisierung brach sich in heftigen Protesten, insbesondere in der Hauptstadt Beirut, Bahn.

Hunderte nahmen auch am 8. März dort an einer Demonstration zum Frauenkampftag teil.

Schweiz

In Zürich fanden große Demonstrationen, organisiert durch das „Bündnis Feministischer Streik/Frauenstreik“, statt. Sie nahmen den 8. März zum Anlass, richteten sich aber auch gegen die Polizeigewalt, die die Polizei am vorherigen Samstag gegen einen Frauenprotest ausgeübt hatte. Die verschiedenen Demonstrationszüge haben dabei nicht nur ihre Forderungen auf die Straße getragen, sondern ihnen auch mit Blockaden Nachdruck verliehen.

Die Polizei hatte sich offenbar auf das Härteste eingestellt und bereits im Vorhinein die Polizeiwache weiträumig abgesperrt sowie ein massives Aufgebot bereitgestellt. In Basel kamen rund 800 Teilnehmerinnen zu einer Kundgebung gegen das Patriarchat.

Spanien

Mit dem Vorwand des Infektionsschutzes verbot die Regierung Aufmärsche in Madrid, wo üblicherweise die größten Demonstrationen zu ‚8M‘ stattfinden. Im vergangenen Jahr hatte die sozialdemokratische Regierung die Demonstrationen erlaubt, gegen den expliziten Willen der rechten Opposition. Als wenig später die Infektionszahlen rasant anstiegen, instrumentalisierte eben diese rechte Opposition die Pandemie, um die anti-patriarchalen Proteste zu diffamieren.

Dennoch gab es in den größten und auch zahlreichen kleineren Städten Spaniens Proteste mit großem Zulauf.

In Barcelona wurde der 8. März bereits mit einem „Nachtmarsch“ am 7. März eingeleitet: Begleitet von Blaulicht nahmen sich Hunderte die Straßen unter dem Motto „La nit és nostra!“ – Katalanisch für „Die Nacht gehört uns!“. Bis auf vereinzelte Auseinandersetzungen mit der Polizei und einige Festnahmen gelang es den Aktivist:innen auch in diesem Jahr, trotz Verbots ihre Forderungen auf die Straße zu tragen.

Türkei

In der Türkei fanden die Proteste in diesem Jahr vor dem Hintergrund statt, dass allein seit Beginn des Jahres wieder mindestens 51 Femizide verzeichnet wurden. Der Diktator und Präsident Erdoğan nutzte aber – anstatt sich dieses Problems anzunehmen – den 8. März, um gegen LGBTI+ zu hetzen.

Die Proteste fanden in den großen Städten auch vor dem Hintergrund statt, dass tausende Studierende und Aktivist:innen in den vergangenen Wochen Proteste organisierten. Was als ein Universitäts-Streik gegen einen diktatorisch ernannten neuen Rektor an der Bogazici-Universität begann, weitete sich schnell aus in heftige Auseinandersetzungen zwischen Studierenden und dem LGBTI- und frauenfeindlichen türkischen Staat.

Einige Genossinnen wurden im Laufe dieser Proteste mit Repressionen belegt, etwa einem Hausarrest, der mittels Fußfesseln überprüft wurde. Am gestrigen 8. März haben die Frauen bewiesen, dass sich ihr Protest nicht einsperren lässt: Während ihre Mitstreiter:innen ihnen mit lauten Parolen den Rücken stärkten, nahmen zwei Genossinnen der Gruppe „Özgür Genç Kadın“ ihre Fußfesseln ab und hielten sie triumphierend in die Höhe.

Außerdem gelang es den Hunderten Aktiven erneut, eine Demonstration durch Istanbul zu organisieren – dem massiven Polizeiaufgebot zum Trotz.


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