Die „Allianz“ ist der zweitgrößte Versicherungskonzern der Welt. Sie hat auch spezialisierte Analysten für „globale Risiken“. Diese schlagen jetzt für Konzernlenker:innen und Kapitalist:innen Alarm: die Pandemie würde zuvor bestehende Missstände verschärfen, weshalb „zivile Unruhen“ zunehmen würden. Doch der Versicherer preist auch „spezielle Lösungen“ dafür an.

Die deutsche „Allianz SE“ warnt Unternehmen vor „Betriebsstörungen, Beschädigungen und Umsatzeinbußen durch Krawalle, Proteste, Vandalismus oder andere Formen von zivilen Unruhen“.

Die anhaltenden Auswirkungen der Covid-19-Pandemie könnten solche Aktivitäten wahrscheinlich weiter vorantreiben, so ein Fachbeitrag in der aktuellen Ausgabe des „Global Risk D“ von „Allianz Global Corporate & Specialty“ (AGCS).

„Zivile Unruhen haben stark zugenommen, angetrieben durch Proteste zu Themen, die von wirtschaftlicher Not bis hin zu Polizeibrutalität reichen und die Bürger auf der ganzen Welt betroffen haben. Die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie verschlimmern die Situation – da kein Ende des wirtschaftlichen Abschwungs in Sicht ist, wird die Zahl der Proteste wahrscheinlich weiter steigen.“, so Björn Reusswig, Leiter der Abteilung „Global Political Violence and Hostile Environment Solutions“ bei AGCS.

Die „Business-Continuity-Planung“ – spricht Krisenplanung – von Unternehmen müsse sich deshalb „proaktiv mit den Risiken politischer Gewalt auseinandersetzen“, insbesondere in „stark exponierten“ Branchen wie dem Einzelhandel.

Mehr Proteste

Unruhen, diee Sachschäden, Betriebsunterbrechungen oder Umsatzeinbußen verursachen könnten, würden derzeit zu einem immer bedeutenderen Risiko für Unternehmen, wie die Ergebnisse des „Allianz Risk Barometers“ 2021 zeigten.

In der jährlichen globalen Risikoumfrage kehrten „politische Risiken und Gewalt“ zum ersten Mal seit 2018 in die Top 10 der Risiken zurück. Dieser Risikotrend werde durch aktuelle Forschungsergebnisse unterstützt, die eine Zunahme der weltweiten Protestbewegungen in den nächsten zwei Jahren vorhersagen:

„Verisk Maplecroft“, ein auf globale Risikoanalysen spezialisiertes Forschungsunternehmen, geht davon aus, dass 75 Länder bis Ende 2022 einen Anstieg der Proteste erleben werden. In mehr als 30 dieser Länder – vor allem in Europa und Amerika – werde es wahrscheinlich zu erheblichen Aktivitäten kommen.

„Kosten“ der politischen Gewalt

Die Allianz beklagt, dass politische Gewalt auch schon im Jahr 2020 „erhebliche Versicherungsschäden“ verursacht habe. Zum Beispiel hätten „Brandstiftungen, Vandalismus und Plünderungen“, die im Zusammenhang mit den Protesten zum Tod von George Floyd gestanden hätten, die Versicherungsbranche laut „Axios“ mindestens 1 bis 2 Mrd. US-Dollar an Schäden gekostet.

Die Allianz warnt Unternehmenslenker:innen zudem, dass sie nicht nur direkt Opfer von zivilen Unruhen sein müssten, um finanzielle Verluste zu erleiden. Die Umsätze könnten auch leiden, wenn die Umgebung für längere Zeit abgesperrt sei, oder auch dann, während die (Verkehrs-)Infrastruktur repariert werde, um Kunden, Verkaufspersonal und Lieferanten den Wiedereintritt zu ermöglichen.

Ein Beispiel seien die „Gelbwesten“-Demonstrationen in Frankreich gewesen, bei denen unter anderem die Geschäfte entlang der Champs-Élysées in Paris während massiver Kämpfe geplündert und stark beschädigt wurden. Nach nur wenigen Wochen der Demonstrationen meldete der französische Einzelhandelsverband, dass den Einzelhändlern landesweit 1,1 Milliarden Dollar an Umsatz entgangen sei.

Aber auch in Deutschland hätten die Ausschreitungen während des G20-Gipfels in Hamburg im Juli 2017 laut dem Gesamtverband der „Deutschen Versicherungswirtschaft“ (GDV) zu Schäden von rund zwölf Millionen Euro geführt. Etwa ein Drittel der Summe – rund vier Millionen Euro – entfielen dabei auf beschädigte Autos, der Rest auf Schäden an Wohngebäuden und Geschäften.

Allianz: Gewalt hat Ursachen

Der zweitgrößte Versicherer der Welt stellt zudem fest, dass gewalttätiger Protest Ursachen habe. So habe die Covid19-Pandemie die – „zivilen Unruhen“ zugrunde liegenden – und „seit langem bestehenden Missstände vergrößert als auch in den Mittelpunkt gerückt.“ Laut der Allianz habe die Pandemie „Fragen der Gleichberechtigung, der Verschlechterung der Arbeitsbedingungen und der Bürgerrechte in den Vordergrund gerückt“.

Damit erkennt der Konzern an, was sooft in Medien-Berichten und Politiker:innen-Aussagen über gewalttätige Proteste verloren geht: Zivile Unruhen entstehen aufgrund von Unterdrückung und Ausbeutung und nicht aufgrund von „sinnloser Zerstörungswut“.

„Spezialmarkt für politische Gewalt“

Vorschläge zur Veränderung der Ursachen für zivile Unruhen nennt die Allianz nicht. Stattdessen will sie den Unternehmen nahelegen, sich besser zu wappnen. Hier sei es wichtig, dass diese, „definierte und getestete Verfahren zu haben“. Diese sollten sich auf Mitarbeiter:innen und Kund:innen konzentrieren und „allgemeine Kommunikations- und Social-Media-Pläne“ beinhalten.

Zudem sollten Unternehmen ihre Versicherungspolicen überprüfen. Es gäbe einen „Spezialmarkt für politische Gewalt“, der „spezielle Lösungen“ anbiete, um die „Auswirkungen von Streiks, Unruhen und zivilem Aufruhr“ zu mildern. Seit 2018 gäbe es tatsächlich ein wachsendes Interesse und eine steigende Nachfrage nach Deckungen für politische Gewalt seitens der Unternehmen, so Björn Reusswig. Wie genau diese „speziellen Lösungen“ aussähen, beschreibt die Allianz allerdings nicht.


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